Geldanlage: Wetten auf das Wetter

Geldanlage: Wetten auf das Wetter

Bild vergrößern

Schneechaos auf der A20: Liegengebliebene LKW

von Martin Gerth, Stefan Hajek und Annina Reimann

Frost, Hitze und Stürme bewegen die Preise von Aktien, Agrarrohstoffen und Energie. Wie Profis mit dem Wetter Geschäfte machen, wie Privatanleger mitmischen können.

Gewöhnlich fährt Walter Cornelius seinen Ford Focus sportlich. In den vergangenen Tagen aber kroch der Jurist nur noch über die rutschigen Straßen von Wiesbaden – mit Sommerreifen. Seine abgefahrenen Winterreifen liegen im Kofferraum. Der Monteur in der Werkstatt seines Vertrauens hatte abgewinkt: Die alten Schlappen ziehe er nicht mehr auf, neue müssten her. Wartezeit: mindestens eine Woche. Ähnlich wie Autofahrer litten Hausbesitzer, die zu wenig Heizöl gebunkert hatten: Von 65 Euro pro 100 Liter am 1. November zog der Preis auf 72 Euro an.

Des einen Leid, des anderen Freud: Die starke Nachfrage nach Winterreifen – zusätzlich befeuert durch die neue Winterreifenpflicht – beschert Reifenhändlern Rekordumsätze. Internet-Händler Delticom hob Ende November seine Gewinnprognose an, die Aktie stieg in vier Wochen 40 Prozent. Spekulanten, die den Heizöl-Indexfonds ETFS Heating Oil kauften, gewannen seit Anfang November 13 Prozent, doppelt so viel wie der Ölpreis.

Anzeige

Nur mit dem Trend wetten

Kein Zweifel: Mit Wetten auf das Wetter lässt sich Geld verdienen. Extreme Kälte treibt die Energiepreise, die Streusalznachfrage zieht an, Frost und Hitze reduzieren Ernten und verknappen das Angebot. Fast jedes Unternehmen trägt ein Wetterrisiko. Bei Agrarfirmen oder Winterreifenherstellern ist das offensichtlich. Aber auch bei Spediteuren, Händlern, Fluggesellschaften und Rückversicherungen spielt das Wetter eine Rolle für Umsatz, Gewinn und Cash-Flow.

Als Verbraucher leiden wir unter gestrichenen Flügen, knapp werdenden Winterreifen, steigenden Heizöl- und Kaffeepreisen. Als Anleger aber haben wir die Chance, dem Wetter über Investments an der Börse Gewinne abzutrotzen.

Doch Vorsicht: Eindimensionale Wetter-Wetten sind riskant. Das Wetter ist nur eine Einflussgröße, die auf den Preis von Öl, Strom, Gas oder Aktien wirkt. Sie wird von vielen anderen überlagert. Stimmen Gewinnentwicklung und Geschäftsmodell, kann ein Wetterimpuls den Auftrieb einer Aktie verstärken, wie bei Delticom. Hätte das Unternehmen aber zum Beispiel seine Lieferprozesse nicht im Griff, könnte ganz Deutschland ein Jahr im Schnee versinken – der Aktie würde das nicht helfen.

Das bedeutet: Wettereinflüsse können Trends verstärken, sie aber nicht drehen. Der Rekordsommer 2003 etwa hätte Braukonzernen ein deutliches Plus verschaffen müssen. In Deutschland schenkten Biergärten und Kneipen dennoch zwei Prozent weniger aus als 2002 – Bier ist out.

Generell ist der Wettereinfluss auf den Aktienkurs umso höher, je stärker ein Unternehmen von einem einzelnen Produkt abhängig ist, je kleiner der regionale Markt ist, den es abdeckt, und je wetterempfindlicher das Geschäftsmodell ist. Eine Schweizer Bergbahn etwa ist stärker von der Schneelage in den Alpen abhängig als ein weltweit agierender Wintersportartikler – Ski und Zipfelmützen lassen sich in anderen Teilen der Welt verkaufen, wenn in Europa kein Schnee liegt. Auch Autozulieferer Continental profitiert vom Winterreifenboom, anders als bei Delticom bringen Reifen aber nur ein Viertel des Umsatzes. Entsprechend kleiner fiel das Kursplus seit Ende November aus.

Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%