Geraint Anderson im Interview: Ex-Investmentbanker über Exzesse und Aussichten

Geraint Anderson im Interview: Ex-Investmentbanker über Exzesse und Aussichten

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Ex-Analyst Geraint Anderson vor einem Selbstporträt

Der ehemalige Aktienanalyst und Buchautor Geraint Anderson über die Exzesse und Aussichten der Investmentbanker vor und nach der Finanzkrise.

WirtschaftsWoche: Herr Anderson, wenn man Ihr Buch liest, muss man den Eindruck gewinnen, die „City“, also der Finanzplatz London, sei die Hölle, Warum haben Sie sich denn dort hineinbegeben?

Anderson: Wegen des Geldes.

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Wie viel haben Sie bei Dresdner Kleinwort, der Investmentabteilung der Dresdner Bank, verdient, bevor Sie ausgestiegen sind?

Mein letztes Jahresgehalt belief sich auf 120.000 britische Pfund, damals knapp 160.000 Euro. Hinzu kamen in meinen letzten beiden Jahren noch jeweils 500.000 Pfund, also 650.000 Euro, Garantiebonus. Macht zusammen mehr als 800.000 Euro im Jahr, ganz schön viel Kohle für einen alleinstehenden Mann von Mitte 30.

Da hebt man vielleicht mal gern ab. Wissen Sie noch, wie viel Sie für Ihre teuerste Flasche Wein ausgegeben haben?

500 Pfund.

Das alles soll jetzt der Vergangenheit angehören?

Ja, ich werde nie wieder für eine Bank arbeiten, nie wieder einen Anzug tragen.

Was sagen Ihre vielen Ex-Kollegen aus der Abteilung Equity Research bei Dresdner Kleinwort, die kürzlich entlassen worden sind? Werden auch sie aus der City aussteigen?

Wohl kaum. Viele glauben, dass sie keine Alternative haben, wollen auch keinen neuen Beruf erlernen. Sie müssen ihre Ex-Frauen und die hohen Schulgebühren ihrer Kinder finanzieren.

Man liest aber auch, dass Ex-Banker Lehrer werden wollen.

Ich kenne keinen Fall. Geld macht süchtig. Gier ist ein ganz wichtiges Motiv, für Leute in der City gilt das besonders. Hinzu kommt der Materialismus und ein tiefsitzendes Wettbewerbsbedürfnis. Männer wollen sich gegenseitig beweisen, dass sie besser sind als andere.

Was sagen Sie Ihren Ex-Kollegen, wenn Sie mit ihnen sprechen?

Ich kann sie nicht verstehen. Warum nutzen Banker, die im Zuge der Finanzkrise ihren Job verloren haben, das nicht als Chance, um ihre gesamte Lebenssituation zu überdenken? Sie sollten die Freuden schätzen lernen, die es kostenlos gibt, Sex und Liebe zum Beispiel.

Wie bitte, ausgerechnet Sex und Liebe? Sie selbst nennen doch viele Frauen „Goldgräberinnen“, weil sie sich nur des Geldes wegen an die Cityboys heranmachen.

Sie haben natürlich recht. Wer in Bars oder Pubs mit einem großen Geldschein wedelte, kam zum Zug – egal, wie dick und unattraktiv.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Analysten und Investmentbanker wichtige Kunden in Striplokale ausführten und im Kollegenkreis gemeinsam sogenannte Gentlemen´s Clubs besuchten. Dazu gehörte angeblich auch ein Wochenendausflug nach Ibiza mit einer Gruppe von Hedgefonds-Managern – inklusive Limousine mit nackten Prostituierten. Alles erfunden? Gab es das auch bei den deutschen Banken, für die Sie gearbeitet haben?

Ich habe einen Roman geschrieben, kein Sachbuch. Zwölf Jahre war ich bei verschiedenen Banken, unter anderem bei der Commerzbank und insgesamt acht Jahre bei der Dresdner Kleinwort. In das Buch sind viele Dinge eingeflossen. Nicht alles habe ich selbst erlebt. Vieles ist erfunden oder zugespitzt. Manches wurde mir auch von anderen erzählt. Im Übrigen würde ich allein aus rechtlichen Gründen niemals eine Bank beim Namen nennen.

Wie steht es mit Drogen bei Analysten und Investmentbankern? Wurde tatsächlich so viel gekokst, wie Ihr Buch den Leser Glauben macht?

London ist voller Drogen, sie werden in allen Gesellschaftsschichten konsumiert. Der Installateur schnupft ebenso wie der Rechtsanwalt oder der Banker. Vergessen Sie nicht, wir sprechen über junge Männer, die enorm unter Druck stehen und Geld haben.

Was ändert sich für Ihre Ex-Kollegen jetzt?

Die City wird in den nächsten paar Jahren ein grässlicher Arbeitsplatz sein.

Wieso das?

Sie wird langweiliger, stärker reguliert und weniger lukrativ. Politiker und Aufsichtsbehörden werden mehr kontrollieren. Es wird weniger feuchtfröhliche Mittagessen geben, und viele Striplokale sind jetzt schon leer. Die sind übrigens ein gutes Barometer für das Wohlergehen des Finanzplatzes, weil sie von so vielen Cityboys frequentiert werden.

Alles eine Folge der Finanzkrise?

Nein. Die Spesenkonten wurden schon vorher beschnitten, und der Nachwuchs, der zuletzt von den Universitäten kam, war strebsam und viel ernsthafter, als meine Generation von Cityboys das früher war.

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