Archiv: Hässlicher Westen

Stefan Baron über Globalisierung als Einbahnstraße 

Deutschland ist zwar nur indirekt betroffen, dennoch sollten wir ganz genau hinschauen. Schon heute, wenige Tage nach den Eröffnungsscharmützeln, zeigt sich: Die Übernahmeschlacht des indischen Stahlriesen Mittal um seinen europäischen Rivalen Arcelor wird ein Lehrstück in Sachen Globalisierung. Ein Lehrstück, wie man es nicht machten sollte. Ein Lehrstück für Heuchelei und Arroganz. Eigentlich ist der Mittal-Vorstoß die selbstverständlichste Sache der Welt. Seit Jahren verschiebt sich das ökonomische Kräfteverhältnis auf dem Globus in Richtung Asien. Allen voran die beiden Riesenreiche China und Indien stellen so einen Zustand wieder her, der mit Ausnahme der zurückliegenden 200 Jahre schon einmal für Jahrtausende gegolten hatte. Doch siehe da: Trotz aller freiheitlichen, demokratischen und marktwirtschaftlichen Rhetorik – wenn es Ernst wird, wenn die eigene Macht bedroht ist, möchte der Westen die Globalisierung am liebsten zur Einbahnstraße machen. Übernahmen? Gern, solange wir die anderen übernehmen. Freihandel? Aber natürlich, vor allem für unsere Exporte. So wehren sich derzeit die Arcelor-Manager vereint mit Politikern gegen den Angreifer aus Indien, obwohl der die wirtschaftliche Logik eindeutig auf seiner Seite hat. Gewiss, Widerstand ist verständlich, aber die Argumente und Methoden sind beschämend. Arcelor-Chef Guy Dollé lehnt Mittal aus „kulturellen Gründen“ ab und bezeichnet im gleichen Atemzug sein französisch-spanisch-luxemburgisches Unternehmen als „multi-kulturell“. Vor Kurzem, als er den kanadischen Stahlhersteller Dofasco schlucken wollte, hatte Dollé nicht die geringsten kulturellen Bedenken. Kanada war ja auch einst zum Teil französische Kolonie. Und er der Angreifer. Der Pariser Wirtschafts- und Finanzminister Thierry Breton erweist sich als noch anmaßender. Breton habe, so sein Sprecher nach dem Treffen mit Mittal-Chef Lakshmi Mittal ganz stolz, dem Inder erst einmal Benimm beigebracht: „Sie müssen Gespräche führen, bevor Sie ein solches Angebot machen“, habe der Politiker den Geschäftsmann belehrt, „das ist die Geschäftsgrammatik des 21. Jahrhunderts.“ Die Herren werden sich noch wundern. Die Grammatik dieses Jahrhunderts wird woanders geschrieben. Die Regeln bestimmen zu können, ist kein Naturrecht des Westens. Das müssen nicht nur Dollé und Breton lernen. Auf dem soeben zu Ende gegangenen so genannten Weltwirtschaftsforum in Davos, das in Wahrheit doch nur ein transatlantisches Forum ist, war zwar wieder einmal viel von China und Indien die Rede. Aber die neuen Weltmächte waren sowohl auf dem Podium wie unter den Zuhörern weit unterrepräsentiert. Dabei figurierte Indien in diesem Jahr sogar als Gastland. Doch je länger das Treffen dauerte, desto klarer wurde, dass der Subkontinent in Davos vor allem dafür herhalten sollte, den nördlichen Nachbarn zu kontern. Es ist schon auffällig, wie sich auch hier zu Lande plötzlich die kritischen Stimmen zu dem Reich der Mitte häufen: Ehemalige Mao-Anhänger schwadronieren vom „hässlichen China“. Bundeskanzlerin Angela Merkel will mit Unterstützung von Washington und Moskau die G8-Präsidentschaft von Deutschland im nächsten Jahr offenbar vor allem dazu nutzen, Pekings Macht einzudämmen. Die Inder sollten sich nicht täuschen. Auch eine demokratische Verfassung wird ihnen – wie der Fall Mittal-Arcelor zeigt – am Ende nichts nutzen. Wenn sie die Spielregeln der Weltwirtschaft künftig stärker mitbestimmen wollen, werden sie mit erbittertem Widerstand zu rechnen haben. Wenn es hart auf hart kommt, kann auch der Westen ganz schön hässlich sein.

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