Hauptversammlung: Wunde Punkte bei der Deutschen Börse

Hauptversammlung: Wunde Punkte bei der Deutschen Börse

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Reto Francioni, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Börse AG, auf der Hauptversammlung des Unternehmens in Frankfurt

Einen Rekordgewinn aus dem Vorjahr, ausreichend Kapital, der Sieg über die Hedgefonds und über deren Forderung, die Börse in Einzelteile zu zerschlagen: Die Börsen-Lenker, Aufsichtsratschef Manfred Gentz und Vorstandschef Reto Francioni, können heute auf der Hauptversammlung in der Jahrhunderthalle in Frankfurt-Zeilsheim Erfolge präsentieren. Doch einiges fehlte auch, wie gerade aufschlussreiche Momente verrieten, bei denen die beiden Gefühle zeigten.

So steht die Börse erneut ohne Finanzchef da, seit Thomas Eichelmann nach gerade einmal einem Jahr im Amt im Streit gegangen ist. Als er darüber spricht, leistet sich der ehemalige Daimler-Manager Gentz den einzigen Versprecher: „Wir danken Herrn Eissingmann für seine Tätigkeit“, sagt er. Eichelmann, korrigiert er sich im folgenden Satz, habe gute Arbeit geleistet. „Es gab in der strategischen Ausrichtung aber einige Fragen, in denen wir unterschiedlicher Meinung waren und darum übereingekommen sind, den Vertrag vorzeitig in gutem Einvernehmen zu beenden.“ Worum es dabei genau ging, will ein Aktionär wissen – doch das ist auch Wochen nach dem Abgang des Top-Managers noch zu heikel, als das Gentz darüber sprechen möchte. „Es liegt nicht im Interesse der Deutschen Börse und von Herrn Eichelmann, wenn man jetzt über Einzelheiten der Meinungsverschiedenheiten spricht.“ Doch um Bagatellen ging es nicht, macht Gentz klar. „Diese Meinungsverschiedenheiten hätten zum Teil eine weitere Zusammenarbeit erschwert. Daher war die Trennung der richtige Weg.“ Also muss es erstmal ohne Finanzchef gehen, denn einen Nachfolger können Gentz und Francioni den Aktionären noch nicht vorweisen. 

Kein Strategiewechsel

Bestens ohne einen anderen Bekannten kommt Francioni aus, das ist deutlich zu spüren: Den Abschied des Hedgefonds-Managers Chris Hohn und seines The Children’s Investment Fund (TCI) sowie dessen Verbündeten Atticus bedauert Francioni nicht. Mehrfach bekennt er sich zum integrierten Geschäftsmodell aus Aktien- und Derivatehandel, Abwicklung und Verwahrung, das Hohn zerschlagen wollte. Wie stolz der Schweizer darauf ist, über Hohn gesiegt zu haben, zeigt die Frage eines Aktionärs, ob Francioni nach dem Abgang der Hedgefonds-Rebellen jetzt mehr Freiraum habe und deshalb die Dividende entgegen der Erwartung nicht erhöht habe. „Das hat nichts mit der Dividendenausschüttung zu tun“, sagt er und dann – selten bei dieser sehr ruhigen Hauptversammlung – braust der Chef auf. „Wir haben weder unsere Strategie noch sonst irgendetwas geändert, weil diese zwei Aktionäre ausgestiegen sind. An unserer Strategie halten wir fest – nicht wegen oder trotz – sondern weil wir davon überzeugt sind.“ Nicht wegen oder trotz – sondern immer Francioni, soll das heißen. Dass Aktionäre wiederholt die Ausschüttungsquote knapp unterhalb des Zielbands von 40 bis 60 Prozent des Gewinns kritisieren, kann er damit allerdings nicht verhindern.

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Übernahmefantasie vermisst

Vermisst hat mancher Anleger Aufschluss darüber, ob es weitere Aktienrückkäufe gibt: Das will Francioni erst bei Vorlage der Halbjahreszahlen im August entscheiden.

Abwesend ist diesmal auch die große Übernahmefantasie. Denn Francioni ist mit Zukäufen sehr vorsichtig. Auf Schweizerdeutsch gesagt: „Anorganisches Wachstum ist für uns zwar weiterhin eine Option, darf aber nicht um jeden Preis durchgesetzt werden“, so der Vorstandschef.

Was außerdem fehlt bei dieser Machtdemonstration von Vorstand und Aufsichtsrat, ist ein echter Ausblick. „Das Umfeld ist auch für uns schwieriger geworden, so dass für das laufende Jahr keine Prognosen möglich sind“, räumt Francioni ein. „Rekorde sind kaum zu erwarten.“

Einige Investoren vermissen angesichts der unsicheren Gewinnaussichten weitere Kostensenkungen. Doch über das Einfrieren der Kosten zu Jahresbeginn auf das Niveau von 2008 hinaus will Francioni hier nichts bieten. „Wir haben unsere Gesellschaft frühzeitig auf das Umfeld eingestellt. Daher rechnet der Vorstand damit, dass die Gesellschaft trotz der schwierigen Lage an den Finanzmärkten auch 2009 ein gutes Ergebnis erzielen wird“, lässt er wissen. Wenn das einem Investor nicht passt, kann der ja mal in London bei Chris Hohn anrufen, um zu fragen, wie groß die Aussichten sind, durch Anlegerdruck die Ansicht von Francioni in einer strategischen Frage zu ändern. Francioni und Gentz herrschen unangefochten – doch ein paar wunde Punkte bleiben.

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