Hauptversammlungen: Wie einst Honeckers Zentralkomitee

KommentarHauptversammlungen: Wie einst Honeckers Zentralkomitee

Hauptversammlungen sind langweilig und bringen nichts. Alle Hauptversammlungen? Nicht alle. Manche sind hilfreich – trotz schwacher Mitspracherechte von Aktionären.

Haben Sie sich schon mal eine Dax-Hauptversammlung (HV) angetan? Da sind fast nur Rentner. Ältere haben offensichtlich mehr Geld als 30- bis 40-Jährige, die Familien durchfüttern und – wenn’s gut läuft – ihr Eigenheim abzahlen. „Altersarmut“, sagt der Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhülschen, „ist eines der meistüberschätzten Phänomene der Gegenwart.“ Laut Infratest waren Mitte 2008 rund 1,2 Millionen Aktionäre älter als 60 – und nur halb so viele unter 40.

Ältere haben auch mehr Zeit. Niemand nimmt für eine HV Urlaub. Warum eigentlich nicht? Dass HV-Spesen nicht mehr abgesetzt werden können, kann doch nicht entscheidend sein. Warum also opfert niemand ein paar Stunden – selbst wenn er 20.000 Euro investiert hat? Für jeden Waschmaschinenkauf nimmt sich ein Durchschnittsverbraucher mehr Zeit.

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Die Antwort: Einflussnahme bringt nichts – die Rechte von Aktionären sind bescheiden. Und der Lustgewinn ist gleich null: Auf einem Podium sitzen – wie weiland die Zentralkomitees sozialistischer Einheitsparteien – würdige Herren, die aber die ganze Zeit nichts sagen. Vorn lesen Chefs Reden, in denen nichts Neues vorkommt, stur vom Blatt. Ihr Publikum klatscht trotzdem. Als bei der Deutsche-Bank-HV jetzt noch mal verkündet wurde, dass Josef Ackermann weitermacht, gab es Standing Ovations – trotz Rekordverlust 2008 und trotz des Führungschaos, das entstand, als Aufsichtsratschef Clemens Börsig auf der Suche nach einem Ackermann-Nachfolger im Hemd dastand. Die verdächtig spät abgegebene Erklärung des Aufsichtsrats, Börsig habe null Ambitionen auf den Job des Vorstandschefs gehabt, hatte auch schon Honecker-hafte Qualitäten. Was nicht sein soll, ist auch nicht: Die Deutsche Bank in ihrem Lauf, hält weder Ochs noch Esel auf.

Der anstrengendste Teil einer HV ist die Aussprache mit den Aktionären. Bei Pleite-Banken wie IKB oder Hypo Real Estate hat die einen gewissen Unterhaltungswert – aber nur für Außenstehende, die kein Geld verloren haben. Aktionäre gewöhnlicher Dax-Werte aber plagt parteitagsmäßige Langeweile. Das Finale bilden dann die Abstimmungen, die – Honecker lässt noch mal grüßen – mithilfe von Banken und Fonds regelmäßig 99 Prozent Ja-Stimmen bringen.

Sinn macht der HV-Besuch bei kleinen Unternehmen: Da freut sich jeder, dass jemand kommt. Im Konferenzraum wird der Aktionär mit Handschlag begrüßt; und was die Manager sagen, schreibt kein Journalist auf – weil keiner da ist.Manchmal passiert auch Sensationelles, wie am Donnerstag bei EasySoftware, wo Fondsmanager offenbar nicht mehr bereit waren, Streitereien unter der Decke zu halten - selbst wenn es dem Aktienkurs schaden könnte.

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