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Historische Fernsehansprache: Japans Kaiser will das Volk beruhigen

von Finn Mayer-Kuckuk Quelle: Handelsblatt Online

Er tritt sonst nie in der Öffentlichkeit auf - jetzt wendet der japanische Monarch sich an seine Untertanen. Der Auftritt unterstreicht, wie dramatisch die Lage in Japan ist.

Japans Kaiser Akihito bei einem Auftritt vor dem Parlament im Januar 2011. Quelle: handelsblatt.com
Japans Kaiser Akihito bei einem Auftritt vor dem Parlament im Januar 2011. Quelle: handelsblatt.com

Der japanische Kaiser hat die Bevölkerung in einer Ansprache zu Besonnenheit aufgefordert. "Ich danke auch der Armee, der Polizei, der Feuerwehr und anderen Einsatzkräften, die im Katastrophengebiet ihr Bestes geben", sagt der Heisei-Kaiser am frühen Mittwochnachmittag auf allen Sendern.

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Der Tennô spricht sonst nie in der Öffentlichkeit. Eine der seltenen Gelegenheiten war die Niederlage des Landes vor den Amerikanern im Jahr 1945, als der Kaiser im Radio die Kapitulationserklärung vorgelesen hat. Offenbar folgt er der Einschätzung von Premier Naoto Kan, der die derzeitige Krise die "schlimmste Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg" genannt hat.

Die Bevölkerung von Tokio bleibt unterdessen weiterhin ruhig. "Wir sind zwar besorgt, aber die Regierung sagt, dass uns die Strahlen nicht erreichen können", sagt etwa Isamu, ein 23-jähriger Angestellter. Die Stromausfälle seien störend, aber er denke nicht daran, die Stadt zu verlassen.

Viele Tokioter bleiben aus Sorge um ihren Arbeitsplatz in der Megametropole. Die Unternehmen geben ihren Angestellten nicht frei, um den Startschuss für einen Exodus und eine Massenpanik zu vermeiden. Sich einfach abzusetzen, würde also schlicht einem unentschuldigten Fernbleiben gleichkommen - ein Kündigungsgrund.

Das japanische Fernsehen betont weiterhin in verblüffenden Maße beruhigende Informationen und weist beispielsweise auf die immer noch niedrigen Strahlenwerte in Tokio hin. Die japanischen Tageszeitungen zeigen sich dagegen in ihren gedruckten Ausgaben am Mittwoch erstmals sichtlich nervös.

In Schulen und Turnhallen sitzen sie beisammen, obdachlos, erschöpft, ohne Strom, Wasser und Nahrung. Was viele Menschen an der Nordostküste Japans durchmachen, lässt sich schwer in Worte fassen. Sie stehen stundenlang für etwas Wasser und Benzin an, suchen nach vermissten Angehörigen, versuchen verzweifelt, sich in der Kälte warmzuhalten. In einigen Gegenden hat es nun auch noch zu schneien begonnen. Und über alledem schwebt die Gefahr der radioaktiven Verseuchung.

Die ist gerade jedoch nicht das drängendste Problem für die Menschen an den Küsten der Provinzen Miyagi und Iwate. "Die Leute haben schlichtweg keine Zeit und keinen Nerv, jetzt permanent die Nachrichten zu verfolgen. Sie sind ständig damit beschäftigt, sich warmzuhalten, genügend zu essen zu haben, sicher zu sein und Lebensmittel zu bekommen", erzählt dpa-Korrespondent Lars Nicolaysen am Telefon. "Das tägliche Überleben steht im Vordergrund."

Damit sind die Menschen oft praktisch auf sich allein gestellt. Tausende japanische Soldaten arbeiten zwar daran, die Straßen von Schutt und Trümmern zu säubern. "Sie sind so effizient, sie können eine Menge wegschaffen", sagt der 27 Jahre alte Fotograf Piotr Onak, der in der Krisenregion unterwegs war. Allerdings ist es schwierig, Nahrungsmittel und Wasser heranzufahren, wenn es kein Benzin gibt. Und in vielen Orten sind die Regale der Läden leer.

Mindestens 1,6 Millionen Haushalte sind nach der Katastrophe in Japan noch immer ohne fließendes Wasser, berichtet der Sender NHK am Mittwoch unter Berufung auf das Gesundheitsministerium. Mindestens 440.000 Menschen lebten in rund 2400 Notunterkünften. Sie können nicht einmal Kontakt zu ihren Familien und Freunden im Süden aufnehmen. Denn auch die Kommunikationsnetze liegen vielerorts seit dem Beben lahm.

Zudem haben viele internationale Helfer das Land aus Angst vor radioaktiver Strahlung schon wieder verlassen. Ein Bergungsteam des Technischen Hilfswerks hat seinen Einsatz zum Beispiel nach kürzester Zeit abgebrochen. Und auch der Tübinger Katastrophenmediziner Bernd Domres ist unverrichteter Dinge wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Der Gefahr einer atomaren Verstrahlung habe er sein Team auf keinen Fall aussetzen wollen, sagt der 72-Jährige.

Ihre verzweifelte Lage ertragen die Menschen mit bewundernswerter Disziplin. Geduldig stehen sie an, wenn ein Tankwagen Trinkwasser bringt. Oder wenn sie an Tankstellen noch etwas Benzin und Heizöl bekommen können. "Sie beschweren sich nicht, sie weinen nicht, sie nehmen alles mit Würde", sagt der Fotograf Onak.

In der Asien- und Pazifikregion ist von Panik wegen der schweren Störfalle am japanischen Atomkraftwerk Fukushima Eins von Panik ebenfalls wenig zu spüren. Hunderttausende Chinesen, Inder, Philippiner, Australier und Neuseeländer sind in Japan, aber bis Mittwoch hat außer Thailand keine Regierung ihren Landsleuten die Ausreise nahegelegt. Auch Angst vor einer Strahlenwolke war nach Auskunft von Beobachtern nicht zu spüren.

Thailand hat 42.000 Landsleute im Land. „Wir empfehlen allen, die nicht unbedingt in Japan bleiben müssen, abzureisen“, sagte der Sprecher des Außenministeriums, Thani Thongpakdi. Andere Länder haben zwar ihr Botschaftspersonal in Tokio verstärkt, aber nur, um den Landsleuten vor Ort über die Runden zu helfen. Bangladesch wollte seine Botschaft aus Tokio in den Süden verlegen und empfahl seinen 12.000 Landsleuten, sich auch in sichere Gebiete in Japan zu begeben.

Wie viele Chinesen in Japan leben, ist unklar, aber allein 20.000 bis 30.000 sollen in der Erdbebenzone sein. China hat Busse gechartert, um diese Menschen aus der Region zu holen, und Sonderflüge für die, die ausreisen wollen. Die Regierung, die den massiven Ausbau der Atomindustrie vorantreibt, versichert, dass es für China kaum Gefahr einer Verstrahlung gebe. Aus Südkorea sind mindestens 910.000 Landsleute in Japan. Die Regierung rief sie auf, der Gefahrenzone fernzubleiben. „Wir empfehlen nicht, dass sie alle ausreisen sollen“, sagte ein Sprecher des Außenministeriums.

Auch rund 25.000 Inder leben in Japan. „Wer nach Hause fliegen will, kann das gerne machen, Air India hat vier Flüge pro Woche“, sagte ein Sprecher des Außenministeriums. Evakuierungen organisiert es nicht. Wie Südkorea sagt auch Singapur seinen Bürgern, schätzungsweise 3000 Menschen, sie sollen sich an die Ansagen der japanischen Regierung halten. Für Singapur selbst bestehe in 5000 Kilometern Entfernung keine Gefahr.

Die Regierung in der philippinischen Hauptstadt Manila kümmert sich um 4500 ihrer mehr als 300.000 Landsleute in Japan, die in der am schwersten betroffenen Region leben. Eine Ausreiseempfehlung gibt es nicht. Die 31.000 Indonesier in Japan bekommen zwar Hilfe, wenn sie ausreisen wollen. Doch sie würden zurückgeschickt, sobald die Gefahr vorbei sei, kündigte der Außenminister an.

Je zwei Helfer aus Neuseeland und Australien haben zwar eine geringe Strahlendosis abgekommen, doch wiegeln die Regierungen ab: keine Gefahr. Das Gesundheitsrisiko sei für jeden, der sich außerhalb der 30 Kilometerzone um das Atomkraftwerk befinde, minimal, teilte die australische Behörde für Strahlenschutz und Atomsicherheit mit. Weder die Helfer aus Australien und Neuseeland noch die Rettungskräfte aus China, Südkorea oder anderen Ländern sollen abgezogen werden.

Ungeachtet der offiziellen Positionen kam aber kurzzeitig in einigen Ländern milde Panik auf, als alarmistische SMS über eine nahende radioaktive Wolke zirkulierten. Die Regierungen in China, Singapur und den Philippinen dementierten das sofort. Die Menschen sollten sich nicht „unnötig ängstigen“, teilte die Singapurer Regierung mit.

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