IG Metall: Operation Übernahme ist massiver Eingriff

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Azubis lernen Schweißen

in wenigen Monaten beginnt die Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie. Dort geht es nicht nur um Lohnprozente. Die IG Metall will die unbefristete Übernahme aller Azubis erzwingen – und gefährdet damit Lehrstellen.

Wenn in wenigen Monaten die Tarifrunde in der Metall- und Elektro‧industrie beginnt, geht es nicht nur um Lohnprozente. Die IG Metall will durchsetzen, dass die Unternehmen künftig alle Auszubildenden übernehmen müssen – und zwar unbefristet. Derzeit gilt in der Branche eine Übernahmepflicht für ein Jahr. Auf dem in dieser Woche anstehenden Gewerkschaftstag in Karlsruhe ist die Lage junger Arbeitnehmer ein zentrales Thema; am vorvergangenen Wochenende zogen bereits fast 20 000 Jung-Metaller in einem Protestzug durch Köln. Die „Operation Übernahme“ ist mittlerweile eine der zentralen politischen Kampagnen der IG Metall.

Die Forderung nach einer Festjobgarantie klingt solidarisch, wärmt die Herzen und findet in der Öffentlichkeit durchaus Zuspruch. Das Problem ist nur: Sie ist ökonomischer Unfug. Das fängt schon bei den Zahlen an. Laut IG Metall liegt die Übernahmequote von Azubis bei nur rund 50 Prozent. Nach Angaben des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) aber waren es selbst im Rezessionsjahr 2009 fast 60 Prozent und in Großbetrieben über 70 Prozent. Zudem beginnen nicht wenige Azubis, die eine Stelle in ihrem Betrieb angeboten bekommen, nach der Lehre lieber ein Studium. Drittens schließlich ist die offizielle Übernahmequote nur bedingt aussagekräftig, da ja „Absolventen einer Ausbildung auch einen Arbeitsplatz in einem anderen Betrieb erhalten können“, schreibt das BIBB in seinem Jahresbericht 2011.

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Kampagne nur Kalkül?

Fakt ist: Eine Verelendung junger Arbeitnehmer ist in Deutschland nicht zu beobachten. Die Arbeitslosenquote bei den unter 25-Jährigen liegt aktuell bei nur noch 6,0 Prozent, das ist der drittniedrigste Wert in der gesamten EU. Mit einer abgeschlossenen Ausbildung sind die Jobchancen gut, und wenn nicht im Ausbildungsbetrieb, dann eben woanders. Daher muss sich die IG Metall fragen lassen, ob ihre geschickt inszenierte und professionell gesteuerte Kampagne nicht vor allem organisationspolitisch motiviert ist – und den mit zehn Prozent nicht übermäßig großen Anteil von Mitgliedern unter 27 Jahren nach oben treiben soll.

Sinkendes Angebot

Was aber passiert, wenn sich die Gewerkschaft in der Tarifrunde damit durchsetzt – etwa, indem sie im Gegenzug einen niedrigen Lohnabschluss akzeptiert? Die Antwort ist einfach: Ein Übernahmezwang für Azubis wäre ein derart massiver Eingriff in die betriebliche Personalpolitik, dass viele Arbeitgeber die Zahl ihrer Lehrstellen herunterfahren dürften. Vor allem die vielen Unternehmen, die derzeit über Bedarf ausbilden, wären gekniffen. Und Betriebe, die bisher überhaupt nicht ausbilden – immerhin 75 Prozent aller Unternehmen – würden vollends abgeschreckt.

Eine Ausbildung ist elementar für den Berufsweg und das ganze Leben. Die IG Metall sollte sich daher lieber zusammen mit den Arbeitgebern dafür starkmachen, dass mehr Unternehmen Lehrstellen anbieten – anstatt diese mit populistischen Forderungen zu vergrätzen.

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