Immobilien: Briten bekommen Krise zu spüren

Immobilien: Briten bekommen Krise zu spüren

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Bürogebäude in den Londoner Docklands

Millionen Briten, die ihre Hypotheken verlängern müssen, bekommen jetzt die Immobilienkrise deutlich zu spüren.

Der Schock saß tief. Gut 60 Prozent des Kredits für ihr Eigenheim in der Grafschaft Oxfordshire im mittleren Süden Englands hatten Colin und Jacqueline Dickenson schon abgezahlt – und dann das: Am kommenden Mittwoch endet die zweijährige Laufzeit für die restliche Hypothek über 120.000 Pfund Sterling (150.000 Euro). Als sie für die nächsten acht Jahre eine neue Hypothek aushandeln wollten, wurden sie abgelehnt. Der Grund: Die Dickensons hatten vor vier Jahren einmal eine Mahnung über 260 Pfund erhalten. Diese Mini-Schuld – längst getilgt – mutierte zum Maxi-Problem. Die 51-jährigen Eheleute galten plötzlich als Kreditnehmer mit schlechter Bonität. Erst nach harten Verhandlungen konnten die beiden eine Anschlussfinanzierung zum 1. Mai ergattern.

Die Dramatik der Hypothekenkrise spüren zurzeit viele Dickensons, Smiths und Millers. Wie der Haussektor in den USA steht auch der britische Immobilienmarkt unter Druck. Das Ausmaß der Krise schätzen Experten jedoch als nicht ganz so dramatisch ein wie in den USA. „Der Subprime-Sektor ist im Vereinigten Königreich viel kleiner“, sagt Fionnuala Earley, Chefökonomin der Bausparkasse Nationwide. Da es in Großbritannien keine feste Definition für zweitklassige Schuldner gibt, variieren allerdings die Schätzungen: Peter Williams vom Verband Intermediary Mortgage Lenders Association (IMLA) vermutet, dass bis zu zwölf Prozent aller Hypotheken an schwache Schuldner gegangen sein könnten. Die Finanzaufsicht Financial Services Authority (FSA) warnt, dass rund ein Drittel aller Hypotheken, die zwischen März 2005 und September 2007 vergeben wurden, als riskant eingestuft werden müssten.

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Die Ausleihekonditionen der britischen Banken in Großbritannien waren zwar nicht ganz so großzügig wie in den USA. Auswüchse gab es dennoch: Noch vor ein, zwei Jahren genügte ein Eigenkapital von fünf Prozent des Kaufpreises. Einige Banken vergaben sogar Hypotheken ohne Anzahlung und finanzierten 125 Prozent des Werts einer Wohneinheit, weil sie die erwarteten Preissteigerungen mit einrechneten.

Doch diese Großzügigkeit ist Geschichte. Wegen der globalen Finanzkrise leihen sich auch britische Banken untereinander kaum noch Geld – zu groß ist das gegenseitige Misstrauen. Die drei Leitzinssenkungen der Bank of England seit Dezember auf aktuell 5,0 Prozent gaben die Banker zum größten Teil nicht an ihre Kunden weiter. Eine Korrektur am Immobilienmarkt war längst überfällig, „denn in den vergangenen zehn Jahren stiegen die britischen Hauspreise um 126 Prozent“, sagt Ökonomin Earley.

Allein im März rutschten die Hauspreise nach Angaben des größten britischen Hypotheken-Anbieters Halifax um 2,5 Prozent und erlitten damit ihren stärksten Rückgang seit der Rezession in Großbritannien Anfang der Neunzigerjahre. Howard Archer, Chefökonom des privaten Forschungsinstituts Global Insight, rechnet damit, dass die Preise im laufenden Jahr um sieben Prozent und 2009 um weitere acht Prozent fallen. Niedrige Häuserpreise und die gestiegene Risikoscheu der Banken werden dazu führen, dass Hypotheken nur zu deutlich schlechteren Konditionen verlängert werden. Allein im laufenden Jahr müssen über 1,4 Millionen Festzinshypotheken neu verhandelt werden.

Millionen Briten werden deshalb den Gürtel enger schnallen müssen. Zusammen mit der von der Finanzkrise gebeutelten Londoner City drückt das mächtig auf die Konjunktur. Nach drei Prozent Wachstum 2007 dürfte die britische Wirtschaft im laufenden Jahr nur noch 1,5 Prozent zulegen.

Der Finanzsektor trägt rund ein Fünftel zum britischen Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei – allein die Banken und Wertpapierhäuser der Londoner City schaffen jährlich über acht Prozent des gesamten BIPs an.

Experten schätzen allerdings, dass 40.000 Mitarbeiter bald ihre Büros in den Banktürmen der City werden räumen müssen. Das hat auch direkte Auswirkungen auf das Hochpreissegment des Londoner Immobilienmarktes: Denn wenn es der City schlecht geht, sinkt die Nachfrage nach Millionenobjekten in Edelvierteln wie Kensington, Chelsea und Notting Hill. Dort sind die Preise bisher noch nicht gefallen – aber das dürfte sich bald ändern.

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