Internet-Startups: Deutsche Gründer werden erwachsen

Internet-Startups: Deutsche Gründer werden erwachsen

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Qitera-Gründer Jörg Lamprecht (o. l.), René Seeber (o. r.), Carlo Velten (u.)

Lange kopierten deutsche Internet-Startups ihre amerikanischen Vorbilder. Nun trauen sie sich mit eigenen Ideen auf den Markt. Wie die deutschen Gründer erwachsen werden.

Der Ort, an dem die Erfolgsgeschichte von Qitera beginnt, hat Symbolwert. Im „Junnoon“ einem italienischen Restaurant direkt neben dem Eingang zur Zentrale des viel bejubelten Internet-Startups Facebook im Silicon Valley, trifft Jörg Lamprecht, 38, Unternehmerkollegen. Bei hausgemachter Pasta, Entrecote und Wein erzählt der Kasseler von seiner Geschäftsidee. Lamprecht will mit einem neuen Portal die Suche im Internet revolutionieren.

Im Gegensatz zur Suchmaschine Google versteht Qitera die Suchanfrage inhaltlich. „Semantische Suche“ heißt das unter Experten. Mit Qitera können Nutzer zudem Links, Fotos, Kontakte und Dokumente im Internet wie in einer Mindmap, also einer Art Gedankenlandkarte organisieren und mit Kollegen oder Freunden teilen. Qitera soll zum neuen Lieblingswerkzeug der Internet-Gemeinde werden.

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Die Silicon-Valley-Unternehmer im Junnoon sind verblüfft: Ein neuer Ansatz – ausgerechnet aus Deutschland. Per E-Mail stellen sie Kontakte zu milliardenschweren Risikoinvestoren her. Die melden sich noch in der Nacht zurück. Schon am nächsten Morgen beginnt für Lamprecht ein zweitägiger Gesprächsmarathon mit einigen der wichtigsten Internet-Finanziers der USA.

Proximic als "Google-Killer"

Lamprechts Idee passt in die Zeit. Web-Propheten sehen in der semantischen Suche eine der wichtigsten Innovationen, und deutsche Startups treiben die Entwicklung voran. Erst vor wenigen Wochen wurde das Münchner Unternehmen Proximic von der US-Presse als „Google-Killer“ gefeiert. Proximic sammelt im Netz Texte oder Anzeigen und stellt sie zu Inhalten auf Internet-Seiten – und das laut Experten besser als Google.

Mit Qitera und Proximic beginnt ein Zeitenwechsel. Jahrelang kopierten deutsche Internet-Gründer vor allem amerikanische Ideen. Als „German Copy/Paste Innovations“ wurden sie deswegen verspottet. Wie eine Generation, die erwachsen wird, wagen sich Gründer nun zunehmend mit eigenen Geschäftsideen ins Netz. „Der Anteil innovativer Internet-Unternehmen in Deutschland ist heute viel größer als zu Zeiten der New Economy“, stellt etwa Frank Böhnke von der Risikokapitalfirma Wellington fest.

Vor allem die moderne Infrastruktur trägt dazu bei. Rund 45 Prozent der deutschen Haushalte sind mit einem schnellen Internet-Breitbandanschluss verkabelt. Das sind doppelt so viele wie noch vor zwei Jahren. Laut der OECD rangiert Deutschland damit europaweit in der Spitzengruppe. Knapp 63 Prozent der Deutschen sind laut Branchenverband Bitkom bereits online unterwegs. Und sie nutzen das Netz längst nicht mehr nur für E-Mails. Viele sind in sozialen Netzwerken aktiv, kaufen CDs in Internet-Plattenläden, bauen Häuser in virtuellen Welten oder sehen fern. Die USA sind allerdings immer noch voraus: Dort nutzen 76 Prozent der Bevölkerung das Netz.

Berlin ist Zentrum der Internet-Gründerszene

Überhaupt profitieren US-Startups davon, dass sich im Silicon Valley eine Gründerszene entwickelte, in der Unternehmer in spe auf risikobereite Geldgeber und experimentierfreudige Nutzer trafen. Ein solches Netz aus Investoren, Unternehmern, Kreativen und Glücksrittern entsteht nun auch hier. Und das Zentrum der Netz-Gründerszene liegt in Berlin.

Im Schnitt startet in der Hauptstadt jede Woche ein neues Internet-Unternehmen – so viel wie nirgendwo sonst in Deutschland. Das ergaben Berechnungen des Branchenweblogs „Deutsche-Startups“. Laut der Beratungsfirma Deloitte haben bereits 11 der 50 am schnellsten wachsenden deutschen Technologieunternehmen ihre Zentrale in der Hauptstadt. Inzwischen ziehen sogar Gründer aus anderen Ländern an die Spree. Die Schweden Eric Wahlforss, 28, und Alexander Ljung, 26, gründeten ihre Musiker-Plattform Soundcloud in Berlin-Mitte. Nicht nur, weil ihre Investoren dort sitzen, und sowohl Mieten wie auch Löhne niedriger sind als anderswo: „Berlin ist das kreative Zentrum Europas“, sagt Wahlforss.

Wenn die Gründer mit anderen in den Hauptstadt-Bars zusammenkommen, nennen sie es „Open Coffee“, gegenseitige Büro-Besuche heißen „Lunch 2.0“. Bei solchen Treffen finden sie Mitgründer, Programmierer, Investoren und die für jedes Startup überlebenswichtigen Praktikanten.

Universitäten fördern Gründerkultur

Das Praktikum ist der typische Einstieg ins Internet-Unternehmerleben. Lukasz Gadowski zum Beispiel entwickelte bei Mundwerk in Berlin Spracherkennungssoftware, knüpfte dort wichtige Kontakte und gründete später den Internet-T-Shirt-Laden Spreadshirt. Eine der erfolgreichsten Gründungen der vergangenen Jahre.

Die neue deutsche Gründerkultur wird auch von den Universitäten gefördert. Über 70 Lehrstühle für Unternehmertum haben in den vergangenen Jahren den Betrieb aufgenommen. Mitte der Neunzigerjahre gab es noch keinen einzigen.

Manche Hochschulen avancieren dabei zu einem Gründertreffpunkt. Wenn die Studenten der Eliteschmiede WHU – Otto Beisheim School of Management zum „Idealab“ nach Vallendar bei Koblenz einladen, kommen über 200 Menschen, vor allem Jungunternehmer aus Köln, Berlin, Leipzig, Hamburg und München. Und die meisten haben eine Geschäftsidee im Gepäck.

Bei den Vorträgen im großen Hörsaal der Hochschule reichen die Stühle nicht, überall Gedränge, Gerede, Hoffnungen. Auf dem Podium sprechen erfolgreiche Gründer über die schwierige Stunde null eines Startups oder Kundenbindungskonzepte. Am Büffet plaudern die Teilnehmer mit ihren Vorbildern. Und in den Seminarräumen prüfen Investoren die Businesspläne der Nachwuchs-Gründer.

Mehr Geldgeber sorgen für mehr Gründungen

Längst sind die Pioniere der deutschen Internet-Szene, die Brüder Marc, Alexander und Oliver Samwer nicht mehr die Einzigen, die Startups wie Tomatenstauden im Gewächshaus hochziehen, darunter junge Unternehmen wie das Studentennetzwerk StudiVZ und die Tauschbörse Hitflip. Zu dem Samwer-Trio gesellen sich inzwischen auch Lukasz Gadowski, der sein Geld bereits in 19 Startups investiert hat. Oder StudiVZ-Mitgründer Michael Brehm, der Anteile an sechs jungen Firmen hält.

Mit der Zahl der internetaffinen Investoren steige die Wahrscheinlichkeit, „dass sich innovative Projekte durchsetzen“, sagt Wellington-Partner Böhnke. Schon deswegen, weil die Gründer jetzt Finanziers finden, die ihre Geschäftsmodelle verstehen.

Business Angels sind so etwas wie institutionalisierte Patenonkel der Gründer: Sie geben Tipps bei Marketing, Vertrieb und Technikproblemen, buxieren den Nachwuchs durch Motivationsengpässe und öffnen ihr Kontaktbuch. So finden die jungen Startups Kunden und vor allem neue Kapitalgeber.

Etwa Venture-Capital-Gesellschaften und Verlage, die sich ebenfalls für originelle Web-Ideen interessieren. „Viele Jahre wurde in Deutschland nur finanziert, was sich bereits anderswo bewährt hat“, sagt Jochen Krisch, Experte für E-Commerce und Autor des Branchenblogs Exciting Commerce. „Das ändert sich.“

Internet-Investoren als Wiederholungstäter

Sicher auch, weil die Investoren manche Gründer schon aus der New-Economy-Zeit kennen. Sie sind Wiederholungstäter: Lamprecht zum Beispiel hat vor Qitera bereits zwei Unternehmen aufgebaut und für knapp 50 Millionen Euro verkauft. Die Gründer des Internet-Shops Dealjäger, Daniel Grözinger, 35, und Sven Schmidt, 33, haben mit Getgo und Dialo ebenfalls schon zwei Unternehmen zu Geld gemacht. Denn auch das ist typisch: Wer mit einem Unternehmen schon einmal erfolgreich war, „ist oft bereit, ein höheres Risiko einzugehen“, sagt Oliver Beste, heute Investor und Mitgründer von MyToys.de.

Die Euphorie und Risikobereitschaft nährt zunehmend die Bedenken, es könnte eine neue Blase geben. Schon jetzt sind die Teile der Startup-Szene heiß gelaufen, die unter dem Schlagwort Web 2.0 firmieren. Im Schnitt sind die Bewertungen solcher Jungunternehmen in den vergangenen Monaten „um 50 Prozent gestiegen“, sagt Wellington-Partner Böhnke. Zu viel für immer neue soziale Sportler-Netzwerke oder Mütter-Treffs, von denen vollkommen unklar ist, ob sie jemals Geld verdienen werden.

Gleichzeitig aber steigt mit der wachsenden Zahl originärer Geschäftsmodelle die Chance, dass hierzulande eine Idee geboren wird, die das Netz verändern wird. 25 der vielversprechendsten deutschen Web-Originale stellen wir Ihnen hier vor.

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