
Im vergangenen Jahr war die deutsche Wirtschaft um 3,6 Prozent gewachsen, die tiefe Delle des Krisenjahrs 2009 ist längst ausgeglichen. Und im laufenden Jahr könnte Deutschlands Volkswirtschaft noch einmal um 3,6 Prozent wachsen, prognostizierte jetzt das Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Das wäre das stärkste Wirtschaftswachstum seit der Wiedervereinigung. Zum zweiten Mal in Folge.
Bislang waren die Konjunkturexperten in Halle von 3,0 Prozent ausgegangen. Auch das Gemeinschaftsgutachten der Wirtschaftsforschungsinstitute im März hatte diese Zahl - was bereits als zaghaft eingestuft worden war. Inzwischen, so das IWH, erlaube der sehr gute Start in das neue Jahr mit besonders starken Impulsen aus der Binnennachfrage eine großzügige Heraufsetzung der Prognose: "Die Impulse kommen dieses Jahr vor allem von den privaten Investitionen und vom privaten Konsum."
Eine weitere Unterstützung kommt vom Arbeitsmarkt. Die starke Konjunktur trug dazu bei, die Arbeitslosigkeit im April deutlich unter drei Millionen Personen zu drücken. Mit dem deutlichen Anstieg der Beschäftigung bekommt aber auch die Wirtschaft neue Impulse. Mit 2,960 Millionen Menschen waren im Mai 118.000 weniger offiziell auf Arbeitssuche als im April, teilte die Bundesagentur für Arbeit mit. Das ist der niedrigste Mai-Wert sei 1992. Die Arbeitslosenquote ging um 0,3 Prozentpunkte auf 7,0 Prozent zurück. Die steigende Beschäftigung wird den inländischen Konsum weiter stützen und dem Aufschwung damit eine breitere Basis verschaffen.
Tatsächlich ist nach dem sehr großen BIP-Plus von 1,5 Prozent im ersten Quartal nicht mehr allzu viel notwendig, um ein Wachstum von dreieinhalb Prozent im Gesamtjahr zu erreichen. Tatsächlich unterstellen die Haller bei ihrer Prognose eine Wachstumsabschwächung auf 0,8 Prozent im zweiten und 0,4 Prozent im dritten Quartal. Die Frühindikatoren deuteten auf eine langsamere konjunkturelle Gangart auf hohem Niveau hin. So äußerten sich die Unternehmen zuletzt nicht mehr ganz so optimistisch.
Bei den privaten Haushalten ist die Stimmung ebenfalls etwas trüber. Dabei spielt auch die wieder stärker anziehende Inflation eine Rolle: Im Mai lag die Teuerungsrate in der Euro-Zone zwar mit 2,7 Prozent etwas niedriger als noch im Vormonat, befindet sich aber immer noch deutlich über der Zielmarke der Europäischen Zentralbank (EZB). Für Sommer rechnen Experten daher mit einer weiteren Zinserhöhung auf dann 1,5 Prozent.
Aber für Deutschland sind die Zinsen nach Einschätzung der IWH-Experten sehr niedrig. Auch die Lage an den Finanzmärkten sei günstig. "Das Risiko, dass der weltweite Aufschwung durch immer höhere Rohstoffpreise abgewürgt wird, ist nach den Preiseinbrüchen Anfang Mai etwas gesunken."
Jenseits der Grenzen lauern die Risiken
Die Investmentbank Barclays Capital, die für das Handelsblatt den Handelsblatt-Barclays BIP-Indikator für Deutschland berechnet, geht derzeit davon aus, dass das BIP-Wachstum im laufenden zweiten Quartal niedriger sein wird, als vom IWH unterstellt und erwartet auf dieser Basis ein Jahreswachstum von 3,4 Prozent. In Anbetracht der großen Mess- und Prognoseunsicherheit in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ist dieser Unterschied jedoch gering.
Allerdings: keine Prognose ohne Restrisiko. Auch die Forscher in Halle warnen vor heftigen Auswirkungen, sollten die Schuldenkrise im Euroraum eskalieren.
Unter Ökonomen ist unstrittig, dass das Wachstum in Deutschland in besonders starkem Maße von der Exportentwicklung und damit von der weltwirtschaftlichen Dynamik abhängt. Hier gab es in den letzten Monaten Zeichen einer Abschwächung. Am prominentesten war der Rückgang des weltweiten Geschäftsklimaindex aus der Befragung von Einkaufsmanagern der Unternehmen.
Frank Engels von Barclays Capital rechnet nur mit einer zeitweiligen Wachstumsabschwächung der Weltwirtschaft, was im Lichte des zunehmenden Inflationsdruck positiv zu sehen wäre. Deshalb sagt Engels der deutschen Wirtschaft ein Wachstum von zwei Prozent im nächsten Jahr voraus. Andere sind deutlich skeptischer. Hinzu kommt als allseits betontes, aber kaum je in die Prognosen eingearbeitetes Risiko eine weitere Eskalation der europäischen Schuldenkrise, bis hin zu einem Auseinanderbrechen der Währungsunion. Die weiteren Aussichten für die deutsche Wirtschaft, über das laufende Jahr hinaus, sind daher noch schwerer als üblich vorherzusagen.









