Janwillem Acket im Interview: "Eine sehr amerikanische Geschichte"

Janwillem Acket im Interview: "Eine sehr amerikanische Geschichte"

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Janwillem Acket, Chefvolkswirt der Julius-Bär-Bank

Janwillem Acket, Chefvolkswirt Julius Bär, im Interview über die Folgen der US-Finanzkrise für die Weltkonjunktur.

WirtschaftsWoche: Herr Acket, fast täglich müssen die Anleger derzeit neue Schocks verdauen, die von schlechten US-Hypothekenkrediten ausgelöst werden. Am Dienstag war es die Citigroup, die mit einer neuen Milliarden-Abschreibung auf solche Papiere die Kurse weltweit auf Talfahrt schickte. Haben wir damit einen Gutteil geschafft oder kommt das dicke Ende erst noch?

Janwillem Acket: Davon gehe ich leider aus. Wir haben erst kürzlich nochmals neu gerechnet und sind zu der Überzeugung gekommen, dass weltweit mindestens 300 Milliarden Dollar an verbrieften Subprime-Krediten akut gefährdet sind; mittelbar und langfristig wahrscheinlich ein Vielfaches. Von den akuten 300 Milliarden Dollar sind bis jetzt erst 100 Milliarden Dollar bereinigt.

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Schon die haben an der Börse massive Kursstürze ausgelöst. Am Dienstag bescherte uns Hypo Real Estate den größten Tagesverlust, der je im Dax gemessen wurde. Übertreiben die Anleger?

In manchen Aktien schon; viele Qualitätsaktien, etwa aus den Branchen Software und Pharma, waren schon vor dem Ausbruch der Subprime-Krise im vergangenen August nicht teuer, nun sind sie zum Teil extrem günstig.

Gilt das auch für die Finanzwerte? Die haben derzeit oft Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGV) um sechs oder sieben?

Nein. Die Banken werden uns wohl noch weitere negative Nachrichten in den kommenden Monaten bescheren. Ihre niedrigen einstelligen KGVs täuschen.

Die aktuellen Gewinnschätzungen für 2008 sind zum Teil schon erheblich nach unten korrigiert, Sie halten sie also noch immer für zu hoch?

Zum Teil ja. Denn anstatt reinen Tisch zu machen, schieben viele Banken, vor allem amerikanische Institute, das Problem lieber vor sich her, und schreiben erst einmal nur das ab, was nicht mehr zu verhindern ist. Diese Praxis ist menschlich verständlich, sie führt aber dazu, dass das Problem in die Länge gezogen wird.

Wie lange wird uns „Subprime“ noch beschäftigen?

Ich höre immer öfter von Kollegen, dass im Februar oder spätestens nach Veröffentlichung der Ergebnisse für das zweite Quartal 2008 im April und Mai das Schlimmste vorbei sein werde. Ich teile diese optimistische Einschätzung nicht. Sie wird uns voraussichtlich noch das ganze Jahr 2008 beschäftigen.

Es fällt auf, dass viele Banken, die eben noch beteuerten, nicht betroffen zu sein, plötzlich doch Milliarden abschreiben.

Richtig. Das ist aber in den seltensten Fällen arglistig. Wirtschaftsprüfer und Managements haben vielmehr selbst Probleme, die wahren Ausmaße in den Portfolios zu beziffern. So lange das Gegenteil nicht bewiesen ist, sollten vorsichtige Anleger davon ausgehen, dass jeder betroffen sein kann, auch die Versicherungen.

Wie groß ist die Gefahr, dass sich die Finanzkrise die Realwirtschaft ansteckt?

Hier muss man differenzieren. Für die US-Wirtschaft ist diese Gefahr gegeben. Der rein monetäre Teil der Wirtschaft ist ja quasi schon kollabiert und hangelt sich nur dank der enormen Liquiditätsspritzen der Zentralbanken durch. Durch den Zusammenbruch der Häuserpreise – der übrigens ungebremst weitergeht – kommt auch der US-Konsument immer mehr in die Klemme und damit die dortige Realwirtschaft.

In den USA steigen die Hypothekenzinsen weiter, und die Häuserpreise sind in den freien Fall übergegangen. Dabei haben sie gerade mal – gemessen am Case/Shiller-Index – um lächerliche sechs Prozent korrigiert. Schon das treibt Hunderttausende, die ihre Häuser teuer beliehen und das Geld ausgegeben haben, in die Privatinsolvenz und hat Subprime-Kredite im Wert von hundert Milliarden Dollar platzen lassen. Wir gehen aber davon aus, dass die Preise für US-Liegenschaften im Durchschnitt um weitere zehn Prozent fallen werden. Für die konsumlastige US-Wirtschaft heißt das natürlich nichts Gutes.

Und für uns?

Subprime ist aber wirklich eine sehr amerikanische Geschichte. Weder in Europa, noch in Asien, wurden je Immobilienkredite derart sorglos und aggressiv vergeben wie in Amerika. Deshalb ist hier auch die Ausfallrate längst nicht so hoch. Die asiatischen und europäischen Volkswirtschaften, mit Ausnahme vielleicht Spaniens und der Briten, zeigen sich bisher erstaunlich robust.

Auf die Dauer werden sie das im Falle einer US-Rezession nicht bleiben…

Ist das so sicher? Ich denke nicht. Die Weltwirtschaft ist heute nicht mehr so bipolar wie noch in den 1980-er und 1990-er Jahren. In Asien sind gut drei Milliarden neue, hungrige Marktteilnehmer mehr unterwegs als bei der letzten Rezession 1992...

…Sie vergessen 2001.

Das ist eine Definitionsfrage. Von Ende 2000 bis einschließlich Ende 2001 gab es fünf relativ schwache Quartale, die aber nicht alle lehrbuchartigen Kriterien einer echten Rezession aufwiesen. Nicht einmal die US-Konjunktur, geschweige denn die Europas, schrumpfte mehr als zwei Quartale hintereinander. Nach klassischer Lesart gab es 2001 also gar keine Rezession. Aber das ist Wortklauberei. Wichtig ist: Damals hatten wir eine IT- und Telekom-Krise mit sehr gravierenden Auswirkungen auf den europäischen Jobmarkt, auf die Kaufkraft, auf die Börse. Die haben wir heute nicht.

Dafür eine Finanzkrise.

Es ist dennoch ein Unterschied. Konzerne wie Alcatel, Nortel, Siemens, Ericsson, IBM, AOL/TimeWarner entließen damals zehntausende Angestellte. Es gab enorme Überkapazitäten, Umsatzrückgänge in zweistelliger Höhe, das volle Programm. Diese Situation ist mit Subprime heute absolut nicht vergleichbar. Eine existenzielle Krise gibt es heute in Europa und Asien nicht, nicht einmal in den Banken. Wir gehen von einer sehr guten in eine mittlere bis immer noch gute Lage über, das wird leider allzu schnell vergessen.

So sah es anfangs auch beim IT-Crash aus.

Der ging sehr einseitig von den USA aus, ebenso der vorhergehende Boom mit den heute allseits bekannten Übertreibungen. Der aktuelle Industrie- und Rohstoffboom tut das nicht, er kommt aus Asien. Täglich entstehen in Indien und China sowie in der Region neue Millionäre, Jahr für Jahr wächst die junge, konsum- und bildungshungrige Mittelschicht, die die dortigen Volkswirtschaften enorm dynamisch macht.

…und die Ihre Produkte in den kränkelnden Westen exportiert.

Ein immer größerer Teil der asiatischen Produktion bleibt bereits in der Region, und dieser Anteil wächst. Sicher: eine völlige Abkoppelung von den USA wird es nicht geben. Ich rechne allerdings nicht mit einer weltweiten Rezession. Das Wachstum der Schwellenländer und Europas wird durch die Finanzkrise gebremst, wenn sie die USA in eine Rezession reißen sollte. Aber die Volkswirtschaften Asiens und Europas werden deswegen nicht schrumpfen. China wird von seinen überhitzten, zweistelligen Wachstumsraten auf hohe einstellige zurückkommen. Das ist immer noch gut. Deutschland und Zentraleuropa werden von 2,5 Prozent Wachstum auf 1,8 oder vielleicht 1,7 zurückgehen. Insgesamt wird die Weltwirtschaft 2008 noch immer um gut vier Prozent wachsen.

Auch, wenn die Banken wegen Subprime die Kreditvergabe einschränken? In Japan geschah in den 1990ern genau das: Die Geldhäuser hatten faule Kredite auf den Büchern und mussten zuerst an sich selbst denken und ihre Bilanzen sanieren. Ihre Kunden hielten sie knapp. Der japanischen Wirtschaft ist das nicht gut bekommen.

Das ist in der Tat aus meiner Sicht die einzige ernste Gefahr. Die Faktenlage alleine würde das zwar nicht rechtfertigen, denn der Großteil der Unternehmen, gerade auch der Mittelstand, hat noch immer exzellente Risiken. Die Auftragsbücher sind rappelvoll, und diese Aufträge werden auch nicht wegen Subprime storniert. Aber es ist natürlich nicht auszuschließen, dass der eine oder andere Entscheidungsträger in den Banken, der über neue Kredite entscheidet, jetzt zurückhaltender wird. Das psychologische Moment sollte man hier nie unterschätzen. Dann allerdings würden die Banken einen Riesenfehler machen.

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