Kreditderivate: Anrüchige Wetten auf Kosten der Euro-Staaten

Kreditderivate: Anrüchige Wetten auf Kosten der Euro-Staaten

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Fußgängerin vor der Goldman Sachs-Zentrale in London

von Christian Ramthun

Kreditderivate, auch kurz CDS genannt, halfen Griechenland, seine Schulden zu kaschieren. Nun nutzen Spekulanten sie für Wetten gegen Athen. Wie die Milliardengeschäfte funktionieren, wer davon profitiert.

Antigone hat’s getan. Die Goldman-Sachs-Partnerin Antigone Loudiadis, in der Londoner City nur Addy genannt, bastelte vor acht Jahren für das griechische Finanzministerium ein zehn Milliarden Dollar schweres Konstrukt, das der Bank nun Boykottaufrufe aus der Politik einbringt. Dabei handelte es sich um ein Währungstauschgeschäft („Swap“), wie es üblich ist, um zum Beispiel erwartete Zahlungen in Dollar zu einem bestimmten Euro-Kurs abzusichern.

So wie eine griechische Tragödie hatte auch der von Goldmans Antigone erdachte Deal eine Katharsis, einen reinigenden Effekt: nicht auf die Seele, sondern auf die offiziell ausgewiesenen Staatsfinanzen. Denn bei dem Geschäft nahm Goldman Athen eine Milliarde Dollar an Risiko ab. „Im Ergebnis vergab Goldman einen langlaufenden, illiquiden Kredit an seinen Kunden“, also an Griechenland, urteilte das Fachblatt „Risk“ schon 2003.

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Machte Goldman Sachs Profit auf Kosten Griechenlands?

Die Wut darüber ist so groß, dass auch Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Politischen Aschermittwoch im vorpommerschen Demmin darüber wetterte. „Es ist eine Schande, wenn es sich bewahrheiten sollte, dass Banken, die uns schon an den Abgrund gebracht haben, auch noch beim Fälschen der Statistiken in Griechenland mit dabei waren“, sagte Merkel.

Deutlicher wird Kurt Lauk, Präsident des CDU-Wirtschaftsrats. „Goldman Sachs hat horrenden Profit gemacht und dabei den Zusammenhalt der Euro-Zone unterminiert“, sagte Lauk der WirtschaftsWoche. Das ehemalige Vorstandsmitglied des Autoherstellers Daimler rief wegen des „weder politisch noch ethisch vertretbaren“ Verhaltens der Bank indirekt zu einem Boykott auf. „Wenn Goldman Sachs mit anrüchigen Geschäften die europäische Staatengemeinschaft schädigt, sollte es kein Geschäftspartner für Seriöse sein“, so Lauk, der bis zum vergangenen Jahr im EU-Parlament saß. Die Bank könne „Wiedergutmachung leisten, etwa indem sie in Griechenland eine Behörde zur Aufdeckung von Steuerhinterziehung finanziert“, forderte er.

Athens Schuldentricks schicken Kurse auf Talfahrt

Goldman war jedoch nicht der einzige Beteiligte an dem umstrittenen Geschäft: Die Depfa Bank nahm den Amerikanern das Milliardenrisiko ab, durch ein Kreditderivat („Credit Default Swap“, CDS). Bei CDS-Geschäften zahlt eine Partei — hier Goldman — eine Prämie, um sich gegen den Zahlungsausfall eines Schuldners abzusichern. Die Depfa gehört heute ebenso wie ihre Konzernmutter Hypo Real Estate (HRE) zu 100 Prozent der Bundesrepublik Deutschland. Goldman verkaufte das Währungsgeschäft 2005 an die National Bank of Greece, und die Depfa entsorgte das Kreditderivat — nachdem der Deal hitzige Debatten im Athener Parlament ausgelöst hatte. Die beiden Banken wollten auf WirtschaftsWoche-Anfrage das Geschäft nicht kommentieren.

Griechenlands Notlage wirft ein schlechtes Licht auf die bis zur Finanzkrise nur Spezialisten bekannte Welt dieser speziellen Kreditderivate, kurz CDS. Denn Athens Schuldentricks haben Aktien- und Unternehmensanleihekurse auf Talfahrt geschickt. Besonders die Kurse griechischer Staatsanleihen stürzten ab: Zehnjährige Papiere, noch im August bei 112 Punkten gehandelt, lagen Ende Januar bei 92 Punkten. Erst als die Europäische Union (EU) das Signal schickte, notfalls helfen zu wollen, stiegen die Anleihen zeitweise wieder über 100 Punkte und damit auf den Nennwert, den Athen am Laufzeitende zurückzahlen muss.

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