
NEW YORK. Nach Angaben von Citi betreffen die Zahlungsprobleme nicht nur die notleidenden Hausbesitzer. Auch bei Autofinanzierungen, Kreditkarten und Konsumentenkrediten steigen die Zahlungsausfälle. Und das ist nur der Anfang, glaubt Richard Bove. "Citigroup wird in diesem Jahr vermutlich 28 Mrd. Dollar für Kreditausfälle zurücklegen müssen", sagt der Analyst beim Investment-haus Punk Ziegel in Miami.
Grund für die stark nachlassende Zahlungsmoral der Amerikaner ist das wirtschaftliche Klima, das sich in den vergangenen Monaten dramatisch verschlechtert hat. Das Weihnachtsgeschäft war für den US-Einzelhandel eine einzige Enttäuschung. Im Dezember sind die Umsätze im Einzelhandel überraschend um 0,4 Prozent zurückgegangen. So schleppend wie in 2007 war das Geschäft seit fünf Jahren nicht mehr.
Selbst Luxusanbieter wie der Edeljuwelier Tiffany spüren mittlerweile, dass ihre Kunden den Gürtel enger schnallen. Die heimische Baubranche und die US-Autohersteller befinden sich nach Meinung Experten bereits in der Rezession. Und auch der bislang solide Arbeitsmarkt zeigt erste Krisensymptome. Im Dezember ist die Arbeitslosenquote von 4,7 auf fünf Prozent in die Höhe geschnellt.
Für die Geschäftsbanken Amerikas verheißt das nichts Gutes. Mehr als 100 Mrd. Dollar haben Banken im Zuge der so genannten "Subprime"-Krise bereits auf riskante Hypothekenprodukte abgeschrieben. Der größte Teil davon geht auf das Konto von US-Instituten. Steigen jetzt die Zahlungsausfälle nicht nur bei den Baudarlehen, sondern auch bei allen anderen Konsumentenkrediten, rollt auf die Finanzbranche eine zweite Welle von Abschreibungen und Verlusten zu. Darüber hinaus dürfte es auch bei Firmenkrediten zu Engpässen kommen. Bislang ist die Zahl der Kreditausfälle im Unternehmenssektor zwar noch relativ gering. Aus früheren Rezessionen ist jedoch bekannt, dass in einer Abschwungphase auch bei den Firmen die Zahlungsmoral rapide abnimmt.
Alarmstufe Rot
Wenn die Banken schwächeln und in ihrer Not sogar auf Kapitalhilfen von ausländischen Regierungen angewiesen sind, trifft das auch die reale Wirtschaft. Auf diesen Zusammenhang hat gerade US-Notenbank-Chef Ben Bernanke hingewiesen. Die Refinanzierungsprobleme der Banken hätten dazu geführt, dass die Kreditvergabe an Konsumenten und Unternehmen heute deutlich restriktiver sei, sagte der Fed-Chef kürzlich in Washington. Wenn die Banken den Geldhahn zudrehen, sitzt die gesamte Wirtschaft auf dem Trockenen. So entsteht ein Teufelskreis, in dem sich Finanzkrise und Wirtschaftskrise gegenseitig verstärken.
Bernanke hat deshalb die Alarmstufe Rot ausgerufen. Mit kräftigen Zinssenkungen will er das Schlimmste noch abwenden. An den Terminmärkten für Zinskontrakte steigen die Erwartungen nahezu täglich. Die Wahrscheinlichkeit für eine Leitzinssenkung von einem halben Prozentpunkt bei der nächsten Fed-Sitzung am 30. Januar beträgt 50 Prozent. Der Rest des Marktes wettet darauf, dass die Notenbank sogar noch einen Schritt weiter geht und das aktuelle Zinsniveau von 4,25 Prozent gleich um 0,75 Prozentpunkte drückt.
Zwar hofft der Notenbanker immer noch, damit die wirtschaftliche Talfahrt stoppen zu. Nach dem Anstieg der Arbeitslosenquote ist er sich seiner Sache jedoch nicht mehr so sicher. "Die enttäuschenden Beschäftigungszahlen sind der bislang klarste Hinweis, dass wir auf eine Rezession zusteuern", sagt Jan Hatzius, Chefökonom der Investmentbank Goldman Sachs in New York. Und die Banken selbst tragen dazu bei, dass sich der Negativtrend noch verstärkt. Gestern kündigte Citi den Abbau von 4.200 Stellen an. Experten vermuten jedoch, dass dies nur der erste Schritt war und weitere Massenentlassungen folgen könnten. Bis zu 20.000 Arbeitsplätze sollen allein bei der Citigroup auf dem Spiel stehen.
Misst man die Wahrscheinlichkeit einer Rezession in Amerika an der Prominenz der Kassandra-Rufer, lässt sich der Abschwung ohnehin nicht mehr stoppen. Neben Goldman Sachs sieht auch die Investmentbank Morgan Stanley die US-Wirtschaft bereits am Rande des Abgrunds. Für Bill Gross, Chef des weltgrößten Anleihehändlers Pimco, hat die Rezession bereits Ende vergangenen Jahres begonnen. Und auch Alan Greenspan hat die Vorboten des Abschwungs ausgemacht. "Die Symptome (einer Rezession) sind deutlich zu erkennen", sagte der langjährige Chef der amerikanischen Notenbank dem "Wall Street Journal".
Ob die US-Wirtschaft nach einem fünfjährigen Boom wirklich zum Stillstand kommt, hängt vor allem von den amerikanischen Verbrauchern ab. Sie generieren mit ihrer Konsumfreude rund 70 Prozent aller Güter und Dienstleistungen und sind somit die wichtigste Stütze der Konjunktur. Nachdem die Konsumenten selbst nach den Terroranschlägen vom 11. September weiter in die Einkaufszentren geströmt sind, mehren sich jetzt die Anzeichen, dass ihnen die finanzielle Puste ausgeht.
Bislang konnten die Amerikaner ihre Konsumfreude durch Kredite auf den steigenden Buchwert ihrer Häuser finanzieren. Diese Geldquelle ist jedoch infolge der Subprime-Krise versiegt. Citi rechnet damit, dass die Hauspreise in Amerika in de kommneden zwei Jahren jeweils um bis zu sieben Prozent zurückgehen werden. So lange der Immobilienmarkt die Talsohle nicht erreicht hat, gibt es weder für die Banken noch für den Rest der Wirtschaft Grund zum Aufatmen.







