Kritik am Rasierzwang bei Frauen: Feuchtgebiete oder Nachhilfe für die Natur

kolumneKritik am Rasierzwang bei Frauen: Feuchtgebiete oder Nachhilfe für die Natur

Kolumne

Zu Charlotte Roches Bestseller „Feuchtgebiete“ (Dumont 2008), in dem die Romanheldin durch einen Krankenhausaufenthalt – sie hat sich bei einer Intimrasur eine so genannte Analfissur zugezogen – mit ihrem Körper intensive Bekanntschaft macht: Die Autorin hat jüngst in einem „Stern“-Interview den Rasierzwang bei Frauen kritisiert.

Tatsächlich hat er, mit Ausnahme des Haupthaars, mittlerweile den ganzen Körper erfasst. Von den Achselhöhlen bis zum Genitalbereich muss alles glatt sein und wie geölt. Das weiß jeder Playboy-Leser. Vor einiger Zeit hatte ich Gelegenheit, über dieses Phänomen mit dem Berliner Literaturwissenschaftler Winfried Menninghaus zu sprechen. In seiner furiosen Abhandlung über „Das Versprechen der Schönheit“ (Suhrkamp 2003) deutet er Haare als Körperornamente unter evolutionsgeschichtlichen Gesichtspunkten. Um das Resümee gleich vorwegzunehmen: Menninghaus sieht im Rasierzwang eine „letzte Konsequenz des evolutionären Drucks“, also die Anerkennung, dass Haarlosigkeit für gut und attraktiv gehalten wird: Wenn die glatte, enthaarte Haut entwicklungsgeschichtlich gewählt worden ist, liege es nahe, das auch die Relikte der Behaarung beseitigt werden: „Dann muss man der Natur nachhelfen und auch die Reste entfernen.“

Wie aber kommt es überhaupt zur Enthaarung des menschlichen Körpers in der Evolution? Und warum hat die Natur nicht für eine komplette Enthaarung gesorgt? Menninghaus beschreibt Haarlosigkeit als Resultat der sexuellen Selektion. Dass sich beim Menschen die nackte Haut durchgesetzt hat, sei nach Darwin eine Laune der Evolution, die sich aus den zufälligen Präferenzen der frühen Menschen ergeben habe. Dahinter stecke die Annahme, dass Evolutionsprozesse generell Zufallsprozesse sind. Darwin spreche sogar von „caprice“ und „fashion“. Einen evolutionären Vorteil im Sinne der Fitness bringt nackte Haut keineswegs. Im Gegenteil, sie sei „slightly harmful“, sagt Darwin. Auf meine Frage, ob Haarlosigkeit nicht doch zu etwas nützlich sei, womöglich der Parasitenresistenz oder Temperaturregulierung diene, meint Menninghaus, dass derlei Befunde längst widerlegt worden seien. Allenfalls die These, dass glatte Haut gesundheitliche Vorzüge signalisiere, scheint ihm plausibel und sei auch von der antiken Mythologie bis zu Winkelmanns Klassizismus bestätigt.

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Auf meine Frage, warum die nackte Haut sich beim Menschen durchgesetzt habe, verweist Menninghaus auf die „verrrückte Theorie Darwins“, nach der die pinkfarbigen enthaarten Partien beim Affen offenbar sexuell konnotiert waren und der nackte Menschenkörper quasi als eine „Hyperbel“ dieser einstmals nackten Anal-Genital-Partien beim Affen verstanden werden könne. Hilfreich zur Erklärung der Haarlosigkeit sei auch das Darwinsche Kontrastprinzip: Der Kontrast gehöre zu den Methoden, mit denen der Affenkörper negiert werde, denn der habe, im Gegensatz zum Menschenkörper, im Genitalbereich die einzigen enthaarten Partien. „Das wäre dann“, so Menninghaus, „die konsequente Form der Entäffung.“ Menschliche Schönheit, so könnte man folgern, koinzidiert mit der größtmöglichen Distanzierung vom Affen.

Das gilt bekanntlich für beide Geschlechter nicht gleichermaßen. Darwin vermutet nach Menninghaus auf Grund von zwei Merkmalen, dass die Enthaarung ein Effekt männlicher Wahl war: Erstens, weil die Männer nicht in gleichem Umfang enthaart sind, und zweitens, weil in allen Kulturen der Welt Frauen wie selbstverständlich damit beschäftigt sind, sich haarfrei zu halten. Die Evolution wählte also beides, den Bart und die nackte Haut. Wobei man die Trennung in der Beurteilung von Kopfhaar und Körperhaaren vor dem Hintergrund ästhetischer Wertschätzung sehen müsse. Bei Frauen ist die Sache klar: Der Schönheitseffekt entsteht durch den Kontrast von maximaler Haarpracht und völliger Enthaarung. Bei Männern ist das nicht ganz so eindeutig: Männer mit starkem Bartwuchs gelten als besonders attraktiv, allerdings muss der Bart heutzutage rasiert sein.

Das evolutionär Besondere am Menschen besteht nach Menninghaus darin, dass seine Haare „keine Naturfrisur“ haben. Dass sie, anders als etwa beim Gorilla, immer weiter wachsen. Diese wachsenden Haare seien evolutionär gewählt worden. Und damit eröffne sich eine „neue Ekelquelle“: der Mangel an Pflege. Inzwischen seien wir da besonders empfindlich. Der allgemeine ästhetische Trend tendiert zur Gleichsetzung des Ästhetischen mit dem Cleanen, was Sigmund Freud schon so gesehen habe: Das Antiseptische im Schönen führt dazu, dass alles Schöne immer sexualitätsferner wird. Die evolutionsbedingte sexuelle Selektion beim Menschen zeige, so Menninghaus, dass ästhetische Maßstäbe gerade nicht in eins fallen mit direktem sexuellen Interesse. Daher auch die Abkoppelung der Schönheitsorientierung vom sexuellen Interesse: „Das ist das eigentliche Triebschicksal des Menschen.“

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