
DÜSSELDORF. Der deutsche Maschinen- und Anlagenbau kann mit erstaunlichen Erfolgen aufwarten: "2007 war eines der besten Jahre der Nachkriegsgeschichte", schwelgt der inzwischen ausgeschiedene Präsident des Branchenverbands VDMA, Dieter Brucklacher. Die mittelständisch geprägte Branche erwartet ein Wachstum von elf Prozent, das ist erstmals seit 1969 ein zweistelliges Plus. Und auch für das nächste Jahr rechnet der VDMA mit einem - allerdings abgeschwächten - Zuwachs bei Umsatz und Produktion. Es wäre das fünfte Aufschwungjahr in Folge, eine absolute Ausnahme für die sonst sehr zyklische Branche.
Die Branche wurde von dem Boom regelrecht überrollt. Erwartete der VDMA Ende 2006 für 2007 noch ein Plus von zwei Prozent, so musste er seine Prognose im Verlauf des Jahres mehrmals anheben. Viele Maschinenbauer sind über mehr als ein Jahr lang völlig ausgebucht, könnten gar noch mehr verkaufen, wenn die Kapazitäten es hergäben und genug knappe Zulieferteile zu beschaffen wären. Doch der Markt ist leergefegt. Bei Zulieferern wie Gießereien oder Herstellern von Kugellagern stehen die Kunden Schlange.
Die Branche profitiert davon, dass sowohl die Exporte als auch die Nachfrage aus dem Inland boomen. Bis Ende 2005 lebte die Branche vor allem vom Export. Im Ausland haben Maschinen und Anlagen "made in Germany" seit langem einen exzellenten Ruf. Knapp 75 Prozent ihres Umsatzes von rund 180 Mrd. Euro erzielt die Branche außerhalb Deutschlands und ist mit einem Anteil von 19 Prozent am Welthandel seit einigen Jahren Exportweltmeister.
Viele der knapp 6 000 Maschinenbauer haben sich hoch spezialisiert und behaupten sich in ihren Nischen als Weltmarktführer. So ist das Unternehmen des ehemaligen VDMA -Präsidenten Klingelnberg aus Hückeswagen bei Remscheid Weltmarktführer bei Maschinen zur Herstellung von Kegelzahnrädern und Europas größter Anbieter von Maschinenmessern und -sägen mit einem Umsatz von rund 120 Mill. Euro. Und die Herrenknecht AG aus Schwanau bei Freiburg führt den Markt für Tunnelbohrmaschinen an.
Geholfen hat den deutschen Maschinenbauern die hohe Nachfrage aus den Schwellenländern Asiens und aus den Opec -Ländern, die vor allem Großanlagen zur Weiterverarbeitung von Öl und Gas ordern. Die Industrialisierung Chinas hat eine enorme Nachfrage ausgelöst und dieses Land zum drittwichtigsten Auslandsmarkt gemacht. Auch die Bestellungen aus Russland und Indien nehmen stetig zu. Einen "strukturellen Boom" nennt dies Heinrich Weiss, Chef und Inhaber des Weltmarktführers beim Bau von Hütten- und Walzwerken, SMS. Schwellenländer kommen als neue Käufer auf den Markt und gleichen zyklische Schwankungen der Nachfrage aus den Industrieländern aus.
Der starke Euro und damit verbunden der schwache Dollarkurs haben den Exporten der deutschen Maschinenbauer bisher erstaunlich wenig anhaben können, obwohl die Branche jeden vierten Euro im Ausland umsetzt. Weltmarktführer wie Krones oder SMS können es sich sogar erlauben, ihre Anlagen in Euro anzubieten und so das Währungsrisiko auszuschalten. "Im Großen und Ganzen hat uns der schwache Dollar bisher nicht gebremst", betont denn auch Volker Kronseder vom weltweit größten Hersteller von Abfüllanlagen Krones.
Allerdings zeigt der ungünstige Wechselkurs erste Auswirkungen. Der Absatz in den USA, dem mit einem Anteil von knapp zehn Prozent vor Frankreich und China wichtigsten Exportmarkt, stockt. Wer wie die deutschen Hersteller von Druckmaschinen wichtige Wettbewerber in Japan hat, spürt die zunehmende Konkurrenz. Analysten schätzen den Preisvorteil des japanischen Druckmaschinenherstellers Komori inzwischen auf rund 20 Prozent gegenüber den deutschen Anbietern Heideldruck, Koenig & Bauer oder MAN Roland.
Überrascht hat dieses Jahr die starke Wiederbelebung des Binnenmarkts. Nachdem die Branche ab 2003 einen Investitionsstau im Inland von mehreren Milliarden Euro beklagt hatte, gab es 2007 durchgängig zweistellige Zuwachsraten bei den Bestellungen aus dem Inland. Großaufträge für Kraftwerke, Neuinvestitionen der Autoindustrie und viele durch die gute Wirtschaftslage ausgelöste Investitionen der allgemeinen Industrie füllten die Auftragsbücher zusätzlich.
Größtes Problem, jedenfalls wenn man nach der Lautstärke der öffentlichen Klagen geht, ist für die Branche der Ingenieurmangel. Kaum ein Unternehmen, das nicht Probleme hat, offene Stellen für Ingenieure zu besetzen. "Im Sommer 2007 waren fast 70 Prozent der Maschinen- und Anlagenbauer auf der Suche nach mindestens einem Ingenieur oder einer Ingenieurin", schreibt der VDMA in einer Untersuchung. Rund 148 000 Ingenieure beschäftigt die Branche, was einem Anteil von 16,5 Prozent der Beschäftigten entspricht. Gegenüber der letzten Erhebung von 2004 sind dies 8 000 Ingenieure mehr. "Wir schätzen, dass es zurzeit rund 8 000 bis 9 000 offene Ingenieurstellen im Maschinen- und Anlagenbau gibt", sagt der neue Präsident des VDMA, Manfred Wittenstein. Inzwischen wird die Branche auch bei den Studenten wieder attraktiver: 2007 begannen rund 38 000 Studenten ein Studium des Maschinenbaus oder der Verfahrenstechnik, das sind immerhin zehn Prozent mehr als im Vorjahr.
Der Boom schafft endlich Stellen
Beschäftigung: Der Boom ist relativ spät auf dem Arbeitsmarkt angekommen. Erst seit Anfang 2006 steigt die Beschäftigung wieder, die Produktion wächst aber bereits seit dem Jahr 2005. Zuerst weiteten die Maschinenbauer über Flexibilisierungsmodelle die Arbeitszeit aus. Jetzt wächst die Beschäftigung wieder stark. Rund 45 000 Stellen hat die nach der Personenzahl größte deutsche Industriebranche 2007 geschaffen und zählt jetzt 930 000 Stellen.
Potenzial: Die Unternehmen klagen über Mangel an Fachkräften und Ingenieuren und stellen wieder Personen ein, die früher wenig Chancen hatten. Die Zahl der arbeitslosen Ingenieure hat sich halbiert, auch ältere bekommen wieder ein Stelle. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sieht in dem jetzigen Mangel auch eine Folge der restriktiven Einstellungspolitik während der Branchenkrise der 90er-Jahre und fordert auch mehr Teilzeitarbeit. VDMA -Präsident Manfred Wittenstein räumt ein, dass das Potenzial der Frauen bisher sehr schlecht genutzt worden sei. Doch nicht alle Unternehmen klagen: "Ich klage nicht über Fachkräftemangel, weil wir vorgesorgt haben", sagt Krones -Chef Volker Kronseder. "Man muss sich nur rechtzeitig drum kümmern."









