Milliarden-Abschreibungen: Die Finanzkrise ist längst nicht ausgestanden

Milliarden-Abschreibungen: Die Finanzkrise ist längst nicht ausgestanden

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Ausblick verdüstert sich

Mehr als 140 Milliarden Dollar haben Banken weltweit abgeschrieben. Warum die Finanzkrise trotzdem noch längst nicht ausgestanden ist.

In seiner Verzweiflung bedient sich Jochen Sanio, kurz vor der Entmachtung stehender Präsident der Finanzaufsicht BaFin, bei Wilhelm Busch: „Stets findet Überraschung statt, da, wo man es nicht erwartet hat.“ Kurz zuvor war Sanio abermals von einer Hiobsbotschaft aus dem Bankenlager überrascht worden. Georg Funke, Chef der Münchner Bank Hypo Real Estate, musste von den in seinen Bilanzen dereinst mit 1,5 Milliarden Euro bewerteten Kreditschuldpapieren knapp 400 Millionen Euro abschreiben.

Dabei hat Funkes Truppe nicht selbst im großen Stil mit den komplizierten und jetzt in der Finanzkrise weltweit dramatisch an Wert verlierenden Produkten rumgezockt – anders als etwa die Chefs der Düsseldorfer IKB oder der Sachsen LB. 80 Prozent der Altlasten hat das Institut von der HypoVereinsbank geerbt, die 2004 ihre Immobilienfinanzierungstochter abgespalten und unter dem Namen Hypo Real Estate an die Börse gebracht hatte. Verantworten muss Funke die Abwertungen dennoch – Anwaltskanzleien zuhauf drohen mit Schadenersatzklagen. Viel zu lang habe Funke drohende Verluste verheimlicht, sagen sie.

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Auch für Anleger ist die Krise längst nicht ausgestanden. Nach Berechnungen der WirtschaftsWoche summieren sich die bisherigen und angekündigten Löcher in den Bankbilanzen bereits auf 142,3 Milliarden Dollar. Hinzu kommen Hunderte von Pleiten beispielsweise von US-Immobilienfinanzierern und erwartete Milliardenverluste bei deutschen Banken wie IKB oder der Sachsen LB.

Noch spüren Börsianer die Verluste derzeit hauptsächlich bei Bankaktien. Mehr als 1500 Milliarden Dollar an Börsenwert haben die feinen Chefs der gediegenen Geldhäuser seit dem Sommer vernichtet. Und die nächsten schlechten Nachrichten dürften nicht lange auf sich warten lassen. Bald berichten Lebensversicherer erstmals über das Jahr 2007. Auch sie haben in neumodische Finanzprodukte investiert, die zum Teil 80 Prozent an Wert verloren haben.

Keine Zeit zum Durchatmen auch für Investoren, die ihr Portfolio breit gestreut haben. Denn die Krise wird nicht auf den Finanzsektor beschränkt bleiben, sondern vielmehr auf Handel- und Industrieaktien übergreifen.

Als ein grundsolides und eher langweiliges Finanzhaus galt die Hypo Real Estate bis zur vergangenen Woche. Während Bank auf Bank seit Monaten Milliardenverluste aus ihren dubiosen Geschäften mit Papieren auf US-Immobilienkredite, auf Kreditkarten oder Autoleasing vermeldete, viele Chefs der weltgrößten Institute schon den Hut nehmen mussten oder am Abgrund stehen, umwehte das Münchner Geldhaus der Nimbus der Unantastbarkeit. Keine Spur von einer möglichen Abwertung des Vermögens.

Deshalb war nach der Nachricht über die schwere Abschreibung „die Enttäuschung groß“, sagt Konrad Becker, Bankspezialist bei Merck Finck & Co. in München. So groß, dass Hypo-Chef Funke nun den zweifelhaften Ruhm hat, den zweitgrößten Tagesverlust aller Zeiten einer Dax-Aktie verursacht zu haben. Um bis zu 40 Prozent rutschten die Hypo-Real-Estate-Papiere binnen Sekunden in den Keller, zwei Milliarden an Börsenwert waren damit auf einen Schlag futsch. Lediglich der Finanzdienstleister MLP schaffte im August 2002 mit 48 Prozent ein noch größeres Tagesminus.

Der Hypo-Real-Estate-Crash wäre eigentlich nur eine Randnotiz wert, zeugte der Absturz der Aktie nicht von dem enormen Vertrauensverlust in die Bank-Chefs und deren Prognosen. Seit knapp sechs Monaten brennt es an den Finanzmärkten an allen Ecken und Enden.

Hauptnachrichten der Woche: Die Citigroup schreibt nach 6,5 Milliarden Dollar nun noch einmal 18,1 Milliarden Dollar ab, Merrill Lynch packte auf die bisherigen Abwertungen weitere 15 Milliarden Dollar drauf. Vorbei sind damit die Zeiten, in denen die Banken die Krise als vermeintlich kurzfristig und beschränkt kleinredeten. Selbst notorische Schönwetterpropheten wie der Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann warnen inzwischen eindringlich, dass sich der „Kollaps“ in den kommenden Monaten fortsetzen werde.

Viele Investoren riechen den Braten. Schon seit dem Spätsommer sind deshalb Aktienkurse von konjunktursensiblen und weniger finanzkräftigen Unternehmen vielfach im freien Fall. So sackte der Kurs des Maschinenbauers Gildemeister um mehr als 60 Prozent. Aktionäre von Heidelberger Druck verloren gut 50 Prozent, die des Großanlagenbauers Gea rund ein Drittel. Freunde der gefeierten Solarunternehmen verzeichneten ebenfalls hohe Verluste. Der Grund: Alle Unternehmen benötigen viel Kapital, um ihre Geschäfte bestreiten zu können.

Der Strom an Kapital jedoch, wichtigster Treiber der Konjunktur, versiegt. So könnten nach Schätzungen von Jan Hatzius Finanzhäuser bald 2000 Milliarden Dollar an möglichen Krediten nicht verleihen und eine „ernste Rezession“ auslösen. Hatzius ist nicht irgendein Crash-Prophet, der wilde Thesen in Internet-Blogs verbreitet, sondern Chefvolkswirt von Goldman Sachs und damit von der Bank, die die Finanzkrise bisher am besten gemeistert hat.

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