
Die Börse – unendliche Höhen. Wir schreiben das Jahr 2020. Der Dax dringt bis auf 35.000 Punkte vor; ein Rekord, den nie ein Mensch zuvor für möglich gehalten hatte. Anleger, die früh eingestiegen sind – etwa im Mai 2008 – haben ihr Geld verfünffacht. Und das Schöne daran: Wer seine Kursgewinne nach zwölf Jahren versilbert, muss darauf nicht einmal Steuern zahlen.
Alles nur Science-Fiction? Ein bisschen schon. Kein Mensch kann Aktienkurse auf Jahrzehnte hinaus genau hochrechnen; kein Chart der Welt schreibt dem Dax vor, wo er hinzulaufen hat – erst recht nicht, wenn es um einen Zeitraum geht wie den bis ins Jahr 2020.
Was allerdings möglich ist, sind Projektionen: Wohin könnte der Dax laufen, wenn er sich an sein bisheriges Muster von Kletterpartien und Kurskorrekturen hält?
Wichtig bei langfristigen Kursbildern ist die sogenannte logarithmische Darstellung. Hier haben prozentuale Kursveränderungen grafisch stets dasselbe Ausmaß. Der Anstieg von 1000 auf 2000 Punkte (100 Prozent) ist im Chart genauso groß wie derjenige von 3000 auf 6000. Seit einem halben Jahrhundert verläuft der Dax in einem breiten Trendkanal, der von vier Punkten bestimmt wird: dem Börsenhoch am Ende der Wirtschaftswunder-Rally 1960 (siehe Grafik Punkt 1), dem Tiefpunkt vor der Jahrhunderthausse 1982 (2), dem Top des New-Economy-Hypes im März 2000 (3) und dem Tief der Baisse 2003 (4). Innerhalb dieses Trends gab es bisher drei Phasen. Die Schaukelbörse der Sechziger- und Siebzigerjahre ist charttechnisch eine Konsolidierung (5) nach dem Anstieg der Fünfzigerjahre. Der Sprung über den Widerstand bei 600 Punkten Anfang 1983 (6) war das Kaufsignal für die Jahrhunderthausse. Sie fand mit dem Bruch des Aufwärtstrends 2002 (7) ihr charttechnisches Ende und mündete direkt in die Baisse bis 2003.
Paradox auf den ersten Blick: Ausgerechnet der Kursrückgang der Jahre 2000 bis 2003 könnte Voraussetzung dafür sein, dass der Dax im nächsten Jahrzehnt weit über seine bisherigen Höchstkurse vordringt. Denn die Schwankungen von 1998 bis 2003 bilden im Chart einen nach unten gerichteten Keil. In der klassischen Chartanalyse gibt ein solcher Keil zwei wichtige Hinweise: Erstens steht er in den meisten Fällen für eine Konsolidierung und nicht für eine Wende. Zweitens entstehen solche Formationen oft in der Mitte eines großen Trends. Für den Dax lässt sich damit eine atemberaubende Perspektive hochrechnen: Von Ende 1982 bis Frühjahr 2000 kletterte er von 500 Punkten auf 8060, also etwa um 1500 Prozent. Geht die Theorie auf, die sagt, dass wir uns in der Mitte eines Trends befinden, hieße das: Der Dax legt vom Tief im Jahr 2003 bei 2200 Punkten abermals um 1500 Prozent zu und landet 2020 bei 35.000.
Weitere Argumente stützen diese Projektion. Erstens: Mit dem Ausbruch aus dem Keil Ende 2003 (8) und dem Anstieg bis zum Widerstand bei gut 8000 Punkten (9) schaffte der Dax in nur drei Jahren fast die halbe Strecke bis zum theoretischen Ziel. Selbst wenn er jetzt einige Jahre heftig schwankt, wäre noch genügend Zeit für einen weiteren Höhenflug. Zweitens: Wenn man am Tiefpunkt 2003 eine Projektionslinie (10) ansetzt und ihr die gleiche Aufwärtsneigung verleiht, die der Trend 1982 bis 2002 hatte, ergibt das bis zum oberen Rand des großen Trendkanals einen Zielkorridor bis auf 35 000 Punkte (11). Dass die Projektionslinie selbst nur auf 12.000 kommt, ist ein Indiz dafür, dass Anleger mit hohen Schwankungen rechnen müssen. Und es ist auch ein Hinweis darauf, dass der Dax bei seiner Mission 35.000 scheitern kann. Blinder Optimismus ist ohnehin nicht angesagt. Spielraum für Korrekturen ist da. Selbst ein Absturz bis auf 4500 Punkte würde in den großen Trend passen.









