Nassim Nicholas Taleb: Gefährliche Banker - Bestseller-Autor erklärt die Finanzkrise - Seite 2

Nassim Nicholas Taleb: Gefährliche Banker - Bestseller-Autor erklärt die Finanzkrise

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Ein Jahrzehnt später wiederholte die ganze Sache sich sogar – die „risikobewussten“ Großbanken gerieten erneut unter finanziellen Druck, viele von ihnen sogar an den Rand des Bankrotts, als in den frühen Neunzigerjahren der Immobilienmarkt zusammenbrach und die Branche nur dank einer Finanzspritze von über einer halben Billion Dollar, für die der Steuerzahler aufkommen musste, überlebte. Die Notenbank schützte sie auf Kosten des Normalbürgers: Wenn „konservative“ Banken Profite machen, dürfen sie sie einstreichen; wenn sie in Schwierigkeiten geraten, zahlen wir die Kosten.

Nach meinem Abschluss an der Wharton School arbeitete ich zunächst für den (heute nicht mehr existierenden) Bankers Trust. Der dortige Vorstand vergaß die Geschichte von 1982 schnell wieder und erklärte bei der Bekanntgabe der Quartalsergebnisse stets, wie geschäftstüchtig, profitabel, konservativ (und gut aussehend) man doch sei. Es war offensichtlich, dass die Profite lediglich vom Schicksal geborgtes Geld waren, mit einem Fälligkeitstermin, der vom Zufall abhing. Ich habe kein Problem damit, wenn jemand Risiken eingeht, doch dann sollte er sich bitte schön nicht als konservativ bezeichnen und so tun, als seien seine Aktivitäten besser als die anderer Unternehmen, die nicht so stark durch Schwarze Schwäne gefährdet sind.

Der Zusammenbruch von Long-Term Capital Management (LTCM) erfolgte 1998 ebenfalls fast über Nacht. Es handelte sich um einen Hedgefonds, der die Methoden von zwei mit dem Nobelpreis bedachten Ökonomen benutzte, die als Genies hingestellt wurden, sich in Wirklichkeit aber auf eine trügerische Mathematik vom Glockenkurventyp stützten. Es gelang den Managern von LTCM jedoch, sich einzureden, dass das wundervolle Wissenschaft sei, und so das gesamte finanzielle Establishment zu Dummköpfen zu machen. Einer der größten Verluste beim Trading in der Geschichte ereignete sich beinahe so schnell wie ein Wimpernschlag, ohne Warnzeichen.

Schwarze Schwäne hängen vom Wissen ab. Vom Standpunkt des Truthahns aus gesehen ist die ausbleibende Fütterung am 1001. Tag ein Schwarzer Schwan. Für den Schlachter jedoch nicht, denn für ihn kommt sie nicht unerwartet. Hier sieht man also, dass der Schwarze Schwan ein Problem von Dummköpfen ist – mit anderen Worten: Sein Auftreten hängt von unserer Erwartung ab.

Man kann Schwarze Schwäne entweder durch die Wissenschaft ausschalten (falls man dazu in der Lage ist) oder, indem man für alle Möglichkeiten offen ist. Natürlich kann man auch, wie die Manager bei LTCM, durch Wissenschaft Schwarze Schwäne erzeugen, indem man den Leuten die Überzeugung einimpft, dass der Schwarze Schwan sich nicht ereignen kann; dann verdummt die Wissenschaft die Normalbürger.

Da Schwarze Schwäne sich nicht vorhersagen lassen, müssen wir uns auf ihre Existenz einstellen (statt so naiv zu sein, sie vorhersagen zu wollen). Wenn wir uns auf das Antiwissen konzentrieren – auf das, was wir nicht wissen –, können wir wirklich viel tun. Wir können uns beispielsweise möglichst stark Schwarzen Schwänen vom positiven Typ aussetzen, die Vorteile bringen. Auf manchen Gebieten – wie bei den wissenschaftlichen Entdeckungen und der Wagniskapital-Finanzierung junger Firmen– zahlt das, was wir nicht wissen, sich unverhältnismäßig stark aus, da wir dort durch ein seltenes Ereignis gewöhnlich wenig zu verlieren, aber viel zu gewinnen haben. Freie Märkte funktionieren, weil sie es erlauben, dank aggressivem Trial and Error Glück zu haben. Die beste Strategie besteht darin, möglichst viel auszuprobieren und möglichst viele Chancen, aus denen Schwarze Schwäne entstehen könnten, zu ergreifen.

2 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 14.11.2008, 23:42 UhrAnonymer Benutzer: Dietrich Bartels

    o co chodzi? Alle Prognosen sind irgendwie eine Projektion aus der Vergangenheit, das kann auch kaum anders sein und funktioniert auch eine gewisse Zeit. beschränkt (intellektuell) ist nur die Suggestion von (allzeit, von mir und ihnen ersehnter) Sicherheit. Ein schönes beispiel liefert die Testtheorie (math. Statistik) mit ihrer irreführenden Terminologie, zb 'irrtumswahrscheinlichkeit' - und dem, was etwa Erkenntnis postulierend Mediziner daraus machen. Hm, das Leben ist ungerecht und voller Überraschungen - habe ich den Artikel so richtig verstanden? Sodann würde ich natürlich gerne einen schwarzen Schwan korrekt voraussagen (und reich/berühmt werden) - aber angemessener ist bescheidenheit / Dankbarkeit dafür, wenn ein solcher nicht über mich herfällt.

  • 06.10.2008, 19:09 UhrAnonymer Benutzer: Ralf Schneitz Conversant GmbH

    Ein Artikel mit essentiell wichtigem Hintergrund nicht nur für banker sondern für Führungskräfte allgemein. Leider so theoretisch, wenn auch hoch spannend, dass man eher verzweifelt, denn hofft. Unser Executive Programm ”Leadership in dynamischen Zeiten” beschäftigt sich seit Jahren genau mit der Herausforderung bei zunehmender Unsicherheit erfolgreich zu führen. Unserer Erfahrung nach sind Manager, die in der Lage sind in unsicheren, dynamischen Umgebungsbedingungen zu führen, auch in der Lage, dies in eher stabilen Umgebungen zu tun. Leider gilt dies nicht umgekehrt.

    Ralf Schneitz
    Conversant GmbH Karlsruhe

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