Nestlé: Fit oder fett

Nestlé: Fit oder fett

Nestlé-Chef Peter Brabeck-Letmathe will den Markt für gesunde Lebensmittel erobern. Und damit sein Lebenswerk krönen. Gelingt es ihm, Biokost und Industrienahrung zu vereinen?

Die Geschmackssinne jubilieren nicht gerade, wenn Peter Leathwood zum Test seiner jüngsten Kreation einlädt. In seinem schlichten Labor riecht es schon so komisch nach Püriertem. Und dann dieser gelbliche Gemüsebrei, den der Biologe in Plastikbechern serviert und mit den Worten anpreist: „Kein Salz, kein Zucker, dafür aber viele Vitamine und Kalzium.“ Leathwood registriert die skeptischen Blicke der Tester. „Die meisten Erwachsenen“, sagt er, „rümpfen die Nase. Sie finden gesundes Essen fade. Aber Kleinkindern schmeckt das.“ Das muss es auch. Denn Leathwood steht in Diensten von Nestlé. Und mit einem Brei, der niemandem schmeckt, würde der größte Nahrungsmittelkonzern der Welt kein Geld verdienen. Der Mann ist einer von über 300 Wissenschaftlern in den Labors am Unternehmenssitz im idyllischen Örtchen Vevey nahe Lausanne. Hier am Genfer See entscheiden die Forscher über Aroma und Zusammensetzung neuer Nahrungsmittel. In mehr als 80 Ländern stehen Nestlé-Produkte von der Fertigsuppe bis zum Früchteriegel in den Supermarktregalen. Sie alle sollen künftig vor allem eines sein: richtig gesund. So wie der gelbliche Gemüsebrei aus dem neuen Sortiment von Alete. „Es gibt schon bei Kleinkindern eine angeborene Vorliebe für süß“, sagt Forscher Leathwood. „Die sollte man nicht fördern.“

Karte: Hier forschen Deutschlands Spitzen-Wissenschaftler.

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Zumindest nicht mehr: Also hat Nestlé bei seiner Babymarke kräftig aufgeräumt, verzichtet heute auf zusätzlichen Zucker oder Salz, verarbeitet die Rohstoffe schonender, reichert sie mit Nährstoffen an. Der Umbau von Alete hat allein in Deutschland einen zweistelligen Millionen-Euro-Betrag verschlungen. Mehr als 1000 Kilometer nördlich von Vevey liegt das Schlaraffenland für Schleckermäuler. Hier in Uelzen in der Eiscreme-Fabrik von Nestlé Schöller werden Milch, Zucker und Fett vermischt, homogenisiert, pasteurisiert und schließlich in einem Freezer auf Minus 27 Grad runtergekühlt. Rotierende Messer schlagen den Mix auf wie Schlagsahne. Am anderen Ende der Halle flutscht die Eiscreme in die Becher. Immerhin 600.000 Liter, Tag für Tag. Es riecht nach Erdbeere und Vanille. Eine ganz normale Eiscremeproduktion? Nicht ganz. Denn die Eissorte Mövenpick hat seit wenigen Wochen rund 40 Prozent weniger Fett als bisher. „Es war ein Eingriff ins Herz unserer Eiscremeproduktion“, sagt Stefan De Loecker, Chef von Nestlé Schöller in Deutschland. „Denn eigentlich benötigt ein Speiseeis, damit es richtig schön sahnig schmeckt, vor allem eins: viel, viel Fett.“ Fünf Millionen Euro steckte Nestlé in das neue Rezept und die Umstellung der Produktion auf das patentierte Verfahren. Das fettarme Eis wird heute unter ständigem Rühren ganz langsam abgekühlt. Dabei bilden sich Eiskristalle und fein verteilte Luftblasen. So entsteht ein feinstrukturiertes Eis, das weniger Fett benötigt, um cremig zu schmelzen. Das neue Eis, die salz- und zuckerarme Babynahrung – das sind keine Spielereien technikverliebter Ernährungswissenschaftler. In Vevey und Uelzen bekommen Verbraucher einen Geschmack davon, was sie in Zukunft essen. Denn dort wagt der weltgrößte Nahrungsmittelkonzern seine jüngsten Vorstöße in einen Markt, um den die ganze Branche lange einen großen Bogen gemacht hat: den Markt für gesunde Ernährung.

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