Neue Aktien: 790 Kühe gehen an die Börse

KommentarNeue Aktien: 790 Kühe gehen an die Börse

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Es kommentiert WirtschaftsWoche-Redakteur Mark Böschen

In Frankfurt herrscht die neue Einfachheit: Ein Bauer, ein Brauer und ein Immobilienentwickler bieten Aktien an. Milch, Bier und Beton statt komplexer Derivate. Die Sache hat einen Haken.

Wer die Aktie von Landwirt Gerrit Tonkens aus Sülzetal kauft, erwirbt klangvolle Tochterunternehmen wie das Weickelsdorfer Kartoffellagerhaus. Nur sieben Prozent der Ackerfläche gehört der Firma Tonkens Agrar, der Rest ist gepachtet oder gegen Lohn bewirtschaftet. Dennoch wird Bauer Tonkens nicht müde, die „gute Bodenqualität“ der fremden Äcker zu preisen. Die Größe des Betriebs mit 790 Kühen bringt übrigens nicht nur Effizienzgewinne: Bauer Tonkens führt derzeit einen Rechtsstreit, bei dem es darum geht, ob seine Milchkühe beim Melken den richtigen Tochterunternehmen zugerechnet werden, damit die EU-Milchquote korrekt kontrolliert werden kann.

Tonkens wäre der zweite deutsche Börsenbauer nach KTG Agrar. KTG-Chef Siegfried Hofreiter verkaufte die Aktie erstmals im November 2007 für 17,50 Euro, heute ist sie schon für 14,50 Euro zu haben, Anleger verloren fast 20 Prozent. Wer in Lebensmittelproduzenten investieren will, sollte Nestlé oder Unilever kaufen, die stabiler sind, trotz Finanzkrise ein kleines Plus brachten und zurzeitnoch moderat bewertet sind.

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Die Finger lassen sollten Anleger aus dem gleichen Grund von einem weiteren Börsenkandidaten, der BHB Brauholding Bayern-Mitte. Selbst die vom Brauer beauftragten Analysten von GBC Investment Research müssen trotz sportlicher Schätzungen einräumen, dass die BHB-Aktie das 11,6-Fache der 2010 erhofften freien Kapitalflüsse kostet. Daran gemessen würde es also fast zwölf Jahre dauern, bis das Unternehmen den geforderten Börsenwert wieder an die Aktionäre zurückgeben kann. Die Aktie des Brauereikonzerns Heineken ist dagegen schon für das Neunfache der von Analysten erwarteten freien Kapitalflüsse zu haben. Heineken ist größer und viel weniger riskant als BHB — und noch dazu viel billiger, zeigt auch das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV). Heineken ist für das 17-Fache des Gewinns 2009 zu kaufen, für BHB sollen Anleger das 28-Fache des Gewinns zahlen. Absurd.

Außerdem im Angebot: Chamartin Meermann (CMI), ein Immobilienentwickler. Riskant: CMI muss hoffen, Projekte nach Jahren wie geplant verkaufen zu können. Zuvor braucht die Firma bezahlbare Bankkredite. Damit CMI die bekommt, muss der Co-Eigner, der spanische Baukonzern Chamartin, trotz Immobilienkrise daheim kreditwürdig bleiben. Wer möchte darauf schon wetten?

Investieren sie lieber in Nestlé- und Heineken-Aktien als in deutsche Kleinstwerte. Die sind zu heikel. Das gilt natürlich nicht für die Kuhmilch von Tonkens oder das Herrnbräu-Bier der BHB: Beide sind gut gekühlt ein klarer Kauf.

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