Probleme lösen, Krisen bewältigen? Eigentlich zählt das zum Tagesgeschäft eines Unternehmers. Möchte man meinen. Doch nicht wenige Mittelständler kommen irgendwann an den Punkt, an dem ihnen die aktuelle Situation über den Kopf wächst: Der Chef ist sich dann seiner Persönlichkeit, seiner Rolle im Unternehmen und seinen Aufgaben nicht mehr sicher. Persönliche und geschäftliche Krisen hängen eng zusammen: Entweder die negativen Einflüsse stammen aus dem privaten Umfeld und färben auf die Arbeit ab. Oder die Gründe liegen im Geschäft selbst begründet: So gibt es immer wieder Fälle von Firmen, die zu schnell gewachsen sind. Der Firmenlenker ist, ehe er es begreift, mit den neuen Anforderungen an Führung und Organisation überfordert.
Umgekehrt tritt auch häufig nach einer erfolgreichen Aufbauphase Stagnation ein. Dann ist es schwer, den Wandel vom optimistischen Unternehmer zum Krisenmanager zu bewältigen. Viele Unternehmer verstehen in einer solchen Situation die Beharrungstendenzen der Führungskräfte und Mitarbeiter nicht. Wenn die Appelle ins Leere laufen, ist ein Gefühl der Entfremdung eine häufige Folge. Was tun? Der nahe liegendste Schritt: Man holt sich betriebswirtschaftliche Beratung ins Haus, befragt Professoren, liest Managementliteratur oder sucht Inspiration bei speziellen Trainings.
Was aber, wenn man sich nach alledem weiterhin irritiert, beunruhigt, hilflos oder blockiert fühlt? In einer solchen, scheinbar ausweglosen Situation kann unter Umständen ein Unternehmer-Coach die Wende bringen. Er arbeitet nicht als Berater, sondern versteht sich als Partner, der Potenziale aktiviert und Blockaden auflöst. Unternehmer-Coaches verstehen sich deshalb als ein neuer Typus, dessen auffälligstes Merkmal es ist, dass er mit dem Unternehmer auf gleicher Augenhöhe an der Lösung spezieller Probleme arbeitet. Wichtig ist die Vertrauensbasis: Um sie auf Anhieb herzustellen, benötigt ein Unternehmer-Coach eine ähnliche Persönlichkeitsstruktur wie der Unternehmer selbst. Beide sind optimistisch, dynamisch, kreativ und neugierig. Im Vordergrund stehen bei beiden eine Leistungs- und Ergebnisorientierung, mutige und verantwortungsbewusste Entscheidungsfreude und eine gewisse Hartnäckigkeit.
Gute Coaches besitzen die für den Mittelstand typische Bodenhaftung. Der richtige Stallgeruch, den der Coach mitbringen muss, ist freilich nicht ausreichend für den Erfolg. Er benötigt zudem ein fundiertes Know-how, ein besonderes Gespür für Menschen und ausreichend Erfahrung - gegebenenfalls auch für Gespräche mit Führungskräften und der Belegschaft im Unternehmen. Häufig hilft gerade der Blick von außen, um die sprichwörtlichen blinden Flecken in Unternehmen aufzuspüren.
Angesichts der großen Herausforderungen muss neben einer fundierten Ausbildung - etwa in Wirtschaftswissenschaften, Psychologie, Medizin - auch eine große Praxiserfahrung vorhanden sein. Daher sollte der Unternehmer-Coach selber schon vielseitige Führungspositionen innegehabt haben und intensive Lebenserfahrungen mitbringen. Nur so kann er sachliche und persönliche Probleme und Krisen gemeinsam mit gestandenen Unternehmern in Angriff nehmen.
Um den Schwierigkeiten wirklich auf den Grund zu gehen, hilft eine ganzheitliche, systematische Betrachtung der Unternehmer-Persönlichkeit. Der Coach versucht, unvoreingenommen die verborgenen Ursachen für Ungleichgewichte und Unstimmigkeiten zu finden, die meist nicht an der Oberfläche liegen. Im Gegensatz zum Berater ist damit seine Aufgabe aber noch nicht erledigt: Der Coach bleibt. Er begleitet den Unternehmer und die Firma nach Bedarf mit individuellem Coaching, Personalentwicklung oder Organisationsentwicklung.
Das vermittelte Wissen - zum Beispiel über die Persönlichkeitsstrukturen und Verhaltensweisen von Menschen - wird unmittelbar anhand des Tagesgeschehens erprobt. Rund 80 Prozent aller Veränderungsprozesse in Unternehmen gehen deshalb schief, weil die Menschen nicht "mitgenommen" werden. Daher ist es Aufgabe des Unternehmer-Coaches, die Belange der Menschen im Unternehmen im Auge zu behalten, so dass nach turbulenten Veränderungen ein neues Gleichgewicht entsteht, in dem Unternehmensziel, Unternehmensleitung und Mitarbeiter wieder übereinstimmen.
An der Spitze ist es einsam: Ein Chef kann allein schon durch seine Position und Funktion kaum objektive Bewertungen seiner Persönlichkeit und Arbeitsweise erwarten - zumindest nicht von seinen Mitarbeitern. Auch hier erfüllt der Unternehmer-Coach eine wichtige Funktion, indem er mit dem nötigen Abstand den Unternehmer und die Führungsriege reflektiert. So kommt der Chef - abseits des Tagesgeschäftes - zu neuen Einsichten und Perspektiven, zu denen er selber kaum im Stande gewesen wäre.
Erst wenn der Chef in der Lage ist, sich und das Unternehmen "mit anderen Augen" zu sehen, ist gewährleistet, dass Veränderungsprozesse in der Firma erfolgreich ablaufen. Allzu oft setzen sich im geschlossenen System Firma bestimmte Kulturen und Grundeinstellungen fest, die mit der Realität nicht mehr übereinstimmen. Es bedarf eines von außen vorgenommenen Realitätschecks, um festzustellen, was im Unternehmen wirklich Fakt ist und was programmierte Meinung. Oft werden so vom Unternehmer-Coach Gefahren erkannt, die im Unternehmen nicht oder nicht mehr wahrgenommen werden können.
Ein Allheilmittel ist das Unternehmer-Coaching freilich nicht. Vor einer Zusammenarbeit sollte in einem unverbindlichen Gespräch ehrlich geklärt werden, ob sich der Unternehmer-Coach im speziellen Fall zutraut, etwas zur Lösung beizutragen. Zudem muss klar sein, dass die Chemie stimmt zwischen Chef und Coach. Von Anfang an gilt strikte Vertraulichkeit. Besonders groß ist der Bedarf nach einem Coaching erfahrungsgemäß im Zusammenhang mit dem Selbst-Management und der Führungsstärke des Unternehmers.
Ob die Begleitung nur zwei Tage dauert oder mehrere Monate, sollte nicht vorab festgelegt werden. Ein schematisch genormter Einsatz von Methoden ist nicht ratsam. Es gilt grundsätzlich, so flexibel wie möglich zu entscheiden - gemeinsam mit dem Unternehmer.
Der Autor arbeitet als Unternehmer-Coach in Berlin.








