Ökonomie: "Das ist Unfug"

Ökonomie: "Das ist Unfug"

Bild vergrößern

Selten

Der Nobelpreisträger und Gründervater der experimentellen Wirtschaftsforschung Reinhard Selten über pragmatische Entscheidungen im Hier und Jetzt.

WirtschaftsWoche: Ihre Forschung zeigt, dass wir uns nicht so rational und nutzenmaximierend verhalten, wie es die neoklassische Wirtschaftstheorie annimmt. Wie entscheiden wir denn?Reinhard Selten: Ich sage bewusst nicht „irrational“. Irrational ist jemand, der abergläubisch ist und die schwarze Katze fürchtet, die ihm über den Weg läuft. Sondern wir handeln eingeschränkt rational. Aber nicht im Sinne der neoklassischen Wirtschaftstheorie. Denn wir optimieren nicht, sondern wir verfolgen immer mehrere Ziele. Sprich, in jeder Situation müssen wir Prioritäten setzen. Das ist kein irrationales, sondern zweckmäßiges Verhalten.Wir entscheiden also eher nach Qualität statt nach Quantität?Vor allem gibt es mehrere Ziele, die nicht miteinander verrechnet werden. Nehmen Sie zum Beispiel den Arbeitnehmer, der nicht nur berufliche und finanzielle Ziele hat, sondern auch ein Familienleben. Er wird kaum sagen: Wenn ich eine Stunde pro Tag weniger mit Frau und Kindern verbringen kann, dann ist mir das 753 Euro mehr Gehalt wert. So werden Entscheidungen nicht gefällt. Das ist Unfug.

Arbeitszeit und freie Zeit in Balance zu halten kann man doch auch als Optimierung bezeichnen?Die Optimierung ist immer ein Abwägen. Aber in Entscheidungsprozessen wird nichts abgewogen, da die Ziele nicht miteinander verrechnet werden können. Statt dessen suchen wir nach Möglichkeiten, Ansprüche an Ziele zu verbessern, falls möglich, oder herabzusetzen, falls nötig. Der Entscheider hat keine Präferenzen über die Ergebnisse, sondern nur Prioritäten für die Suchrichtungen.

Anzeige

Aber jeder Manager hat doch langfristig das Ziel, den Unternehmensgewinn zu maximieren.

Es ist gar nicht wirklich klar, was der langfristige Gewinn ist. Natürlich möchte ein Unternehmen möglichst lange gute Gewinne erzielen. Aber dieses Ziel ist nicht operational, sondern muss auf kurzfristige Ziele herunter gebrochen werden. Entscheidungen müssen in vernünftigen Zeiträumen fallen. Das heißt, praktisch können sie gar nicht so vorbereitet werden, wie es die traditionelle Wirtschaftstheorie beschreibt.

Manager können keine Verfahren anwenden, die Jahre dauern. Die Entscheidung muss stehen, bevor alles theoretisch bis zum Ende durchgespielt wurde. Und anders als der Homo oeconomicus verfügt der wirkliche Mensch nicht über uneingeschränkte Rechenmöglichkeiten.

An die Stelle selbstsüchtiger Motivation setzt die Verhaltensökonomie Motive wie gegenseitige Rücksichtnahme oder Fairness. Ein Beispiel: Wir haben Studenten in die Rolle des Arztes schlüpfen lassen, der Behandlungsentscheidungen treffen muss. Dabei hatten sie die Wahl zwischen Eigennutz, der finanziell belohnt wird oder moralischem Verhalten zum Besten des Patienten, das weniger belohnt wird. Im Ergebnis waren die Meisten bereit, das Patientenwohl zu berücksichtigen, soweit es ihnen keine zu großen Opfer bedeutete. Was nicht heißt, dass es auch Leute gibt, die ausschließlich ihren Profit im Sinn haben. Medizinstudenten verhielten sich übrigens idealistischer als Wirtschaftsstudenten.

Ist es gerade die Komplexität von Entscheidungen, die das vergleichsweise einfache Modell vom Homo oeconomicus bis heute so attraktiv erscheinen lässt? Das menschliche Verhalten ist komplex, damit müssen die Wirtschaftswissenschaften leben: Es gibt vielleicht hundert Entscheidungsprinzipien, die auch nicht im Einklang miteinander sind. Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass Entscheidungen zum Teil auf unterbewussten Voreinstellungen basieren, die gar nicht bewusst wahrgenommen werden.Wo hört die Wirtschaftswissenschaft auf, wo fängt die Psychologie an?Entscheidung hat immer mit Psychologie zu tun, so dass wir durchaus ähnliche Fragen wie die Sozialpsychologen haben. Aber wir bilden Ökonomen aus, Leute, die in der Wirtschaft Entscheidungen treffen. Auch die neoklassische Theorie hat psychologische Annahmen gemacht – aber falsche. Angemessene zu finden, das ist aufwändig.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%