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Orte der Stille: Letzter Ausweg: Berghüttenwirt

von Holger Alich und Sebastian Christ Quelle: Handelsblatt Online

Um dem Stress zu entfliehen lassen sich viele Strategien entwickeln. Rudolf Wötzel hat sich für einen radikalen Wandel entschieden und ist vom Investmentbanker zum Berghüttenwirt geworden.

Ein radikaler Ausweg aus dem Stress: Wirt auf einer Berghütte werden. Quelle: handelsblatt.com
Ein radikaler Ausweg aus dem Stress: Wirt auf einer Berghütte werden. Quelle: handelsblatt.com

Rudolf Wötzel trägt keine Armbanduhr mehr. Dennoch kommt er zwei Minuten zu früh zum vereinbarten Treffen.

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Der 48-Jährige wirkt tiefenentspannt: Der Teint leicht gebräunt, das blaue Hemd steckt nicht in der Hose. Ganz "casual" eben, wie das in der Welt heißt, in der Wötzel bis vor einiger Zeit noch zu Hause war.

Wötzel hat die Gipfel der Hochfinanz gegen die der Schweizer Alpen getauscht - und damit gewagt, wovon viele Gestresste heimlich träumen: Aussteigen. In seinem früheren Leben half Investmentbanker Wötzel der Lufthansa, die Fluggesellschaft Swiss zu übernehmen. Er arbeitete bei den prestige-trächtigsten Adressen der Branche: UBS, Deutsche Bank und am Ende Lehman Brothers, wo er zuletzt das M&A-Geschäft für den deutschen Markt verantworte.

Im Frühjahr 2007 wollte er dann nicht mehr. Er kaufte sich eine Landkarte und wanderte los - von Salzburg nach Nizza. Als er am Mittelmeer ankam, wusste er: Ich will nie mehr zurück. Über seinen Ego-Trip der besonderen Art hat er ein Buch geschrieben: "Über die Berge zu mir selbst: Ein Banker steigt aus und wagt ein neues Leben". Das Buch traf den Nerv der Zeit und hat sich rund 40 000 mal verkauft. Jetzt schreibt er an der Fortsetzung: "Ein nicht-romantisierender Appel, das eigene Leben zu verwirklichen", sagt er.

Statt Vorstände von Dax-Unternehmen umsorgt Wötzel heute hungrige Wanderer in seiner Berghütte Gemsli in Klosters, nördlich von Davos. "Ich führe lieber fünf Berghüttenmitarbeiter, die ich bezahle, als 60 Analysten, die ich nicht bezahle", sagt er heute.

So ganz hat der die Banker-Sprache aber nicht abgelegt. Gegen Stress im Job empfiehlt er eine "Bilanzvekürzung": Was bringt mir das neue Projekt im Job, wie hoch sind die persönlichen Kosten? Wötzel sieht sich nicht als Bilderstürmer, als einer, der das System kritisiert. "Ich will den Leuten helfen, unbeschadet im System zurecht zu kommen", erklärt er. Dazu gibt er auch Seminare.

Jeder hat die freie Wahl

Wötzels Wahrheit klingt dabei verblüffend einfach: "Du hast mehr Wahlmöglichkeiten, als Du glaubst."

Allerdings hat auch der Alm-Flüchtling eine Zeit gebraucht, um das für sich selbst zu erkennen. Auch Wötzel hat als hochbezahlter Topbanker über Jahre jede sinnlose Telefonkonferenz, selbst wenn sie Samstag abends stattfand, protestlos akzeptiert, um "die Erwartungen der Chefs zu antizipieren."

Es hat etwas gedauert, bis Wötzel bemerkte: Dieses Leben entfremdete ihn schleichen von ihm selbst. Schließlich habe die Arbeit ihn ja lange befriedigt, alles schien erfolgreich, er kam weiter, machte Karriere. Das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen habe ihm richtig Spaß gemacht. "Das ist intellektuell sehr herausfordernd und man mit vielen interessanten Menschen zusammen arbeiten."

Wötzel war voll dabei, als die Banker-Branche in den Jahren 2003 bis 2007 mit Vollgas auf die Katastrophe zusteuerte. Es war reiner Zufall, beteuert er, dass er vor der Pleite Lehman Brothers die Reißleine gezogen hat. "Diese Jahre habe ich als bedrohlich empfunden erzählt er, "aber nicht weil ich den großen Crash ahnte, sondern aus Sorge, ob ich die immer höheren Anforderungen morgen noch werde erfüllen können."

"Up or out", so das Motto der Branche, Aufstieg oder Rauswurf. Und so verpasste Wötzel die Chance, seinen Chefs "nein" zu sagen. Die Beförderung abzulehnen. Weil Wötzel als "M&A"-Spezialist gut war, wurde er in die Kundenbetreuung befördert. "Staubsaugervertreter für Dax-Vorstände", wie er es selbst nennt. Den anspruchsvollen Vorstandsherren sollte Wötzel die gesamte Produktpalette der Bank verkaufen - auch wenn er zum Teil selbst nicht immer verstand, was er da den Leuten andrehte.

Wötzel wurde zu einer Art Zombie

Dies markierte den Anfang vom Ende seines alten Lebens, des immer mehr, immer schneller. "Ich habe total die Autonomie über meine Zeit verloren", erinnert er sich, "denn der Kunde zahlt, also bestimmt er." Gesundheitliche Probleme kamen: Bandscheibenvorfall, Panikattacken. Aber krank werden in seiner Position ist undenkbar. Also machte der Job aus Wötzel eine Art Zombie: "Du schmeckst das Essen nicht mehr. Du fühlst die Sonne nicht mehr", beschreibt er.

Das hat er hinter sich gelassen. Und ist wieder Herr über sich selbst geworden: "Ich bestimme jetzt über die Zeit, und nicht sie mich." Auch sein Zeitgefühl habe sich verändert: "Ich nehme die Dinge wieder bewusster wahr, die Zeit kommt mir heute länger vor", beschreibt er.

Kollegen aus der Banker-Branche werfen ihm keine Häme hinterher: "Er hat für sich die richtige Entscheidung getroffen", meint ein Investmentbanker, der Wötzel aus früheren Deals kennt. "Er ist ein sympathischer Typ, war aber nicht der Super-Banker, zu dem ihn manchmal die Medien machen."

Wötzel hat heute Zeit - und genießt die einfachen Dinge des Lebens - wie zum Beispiel Holz hacken. "Bewusst gewählte Ineffizienz" nennt er das; schließlich wäre es einfacher, einen seiner fünf Angestellten Holz hacken zu lassen oder gleich Kleinholz einzukaufen.

"Luxus-Austeiger", schallt es ihm da oft entgegen. Wer zuvor Millionen gescheffelt hat, kann hinterher leicht einen auf Aussteiger machen. Den Vorwurf kennt er: "Ja, ich konnte mehr zur Seite legen als andere, aber warum endet dann ein Adolf Merckle (der Ratiopharm-Gründer) unter'm Zug? Je höher der Aufstieg, desto tiefer der Fall." Umsteuern, das Hamsterrad verlassen, sei weniger eine Frage des Geldes, sondern mehr eine Frage des Muts.

Der Raum der Stille: Schweigen im Zentrum der Macht

Der Pariser Platz in Berlin ist kein Ort der Stille. Touristen drängeln sich, Schausteller posieren in historischen Uniformen für Erinnerungsfotos, Fahrradfahrer quetschen sich durch die Menschenmassen. Doch genau hier, am Brandenburger Tor, gibt es eine unscheinbare Tür, und wenn man durch sie ein Nebengebäude des Wahrzeichens betritt, ist man schnell ganz weit entfernt vom Lärm. Es ist der "Raum der Stille". Handys sind hier verboten. Und sprechen sollen die Besucher auch nicht. Nur entspannen.Als Vorbild diente den Initiatoren ein Meditationsraum im Haus der Vereinten Nationen, den der damalige UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld im Jahr 1954 einrichten ließ. Im Jahr 1993 wurde der "Förderkreis Raum der Stille in Berlin e.V." gegründet. Die Schirmherrschaft hatte die Präsidentin des Berliner Abgeordnetenhauses, Hanna-Renate Laurien (CDU). Zur Zeit hat Wolfgang Thierse (SPD) die Schirmherrschaft inne.Die Wände des Raumes sind kahl. An der Decke strahlt indirektes Licht. Der einzige Wandschmuck ist ein dunkelbrauner Teppich, der auf Augenhöhe neben der Tür hängt. Hinter ihm strahlt eine Lampe durch die Fasern.Jedes Jahr besuchen etwa 70000 Menschen den Raum, pro Tag sind das etwa 200. Auch Politiker aus dem nahe gelegenen Bundestag sollen hier schon gesehen das ein oder andere Mal worden sein.

Das Kloster: Erholung und Einkehr in sehenswerter Umgebung

Rund 20 Minuten vom Ufer des bayerischen Chiemsees entfernt, das Alpenpanorama an der südlichen Seeseite im Blick, liegt die Insel Frauenchiemsee. In dieser Idylle erhebt sich ein geweißeltes Bauwerk mit dicken Mauern und eine schiefergedeckten Zwiebelturm.Das Kloster als Rückzugsort für gestresste Manager wird immer beliebter; viele Abteien in Deutschland bieten mittlerweile entsprechende Angebote. Die Abtei Frauenwörth auf Frauenchiemsee ist eine der schönsten. Inmitten des viel bereisten Voralpenlandes, unweit der Millionen-Metropole München, bietet Frauenwörth spirituelle Einkehr, Ruhe und Erholung in einer sehenswerten Umgebung.Bis vor wenigen Jahrzehnten war in dem Kloster noch ein Internat untergebracht. König Ludwig I. ließ es 1836 einrichten. Heute veranstalten die Benediktinernonnen zahlreiche Seminare auf Frauenchiemsee, und nutzen dafür die alten Wohn- und Unterrichtsräume. In Kursen wie "Ein stiller Inseltag" oder "Heilkraft der Versöhnung" sollen die Teilnehmer "Abstand vom Alltag" nehmen.Auch Unternehmen und Einzelpersonen können sich mit eigenen Veranstaltungen in die Abtei einmieten, es gibt Tagungsräume mit moderner Technik und Übernachtungsmöglichkeiten. Ein Einzelzimmer mit Vollpension kostet pro Nacht ab 45 Euro, ein Doppelzimmer ab 80 Euro.Schon früher haben die Menschen Ruhe auf Frauenchiemsee gefunden. Sind es heute oft gestresste Entscheider, war die Insel früher ein beliebter Zufluchtsort für Künstler. Die Schriftsteller Erich Mühsam und Ludwig Thoma haben hier einige Zeit verbracht, ebenso die Maler Max Haushofer und Hermann Kaulbach. Eine ganze Künstlerkolonie lebte einst auf der 15 Hektar großen Insel.Am schönsten ist sie abends, wenn die letzte Touristenfähre Richtung Prien abgelegt hat. Dann ist Frauenchiemsee, Bayerns kleinste Gemeinde, nur noch von den 200 Einwohnern bevölkert. Und von jenen, die gekommen sind, um Ruhe zu finden.

Das Ruheabteil: Mit Hunderten auf Reisen und doch allein

Viele Menschen glauben, dass sie nur dort Ruhe finden können, wo es keine anderen Menschen gibt. Dass dies nicht immer stimmen muss, zeigt seit einigen Jahren die Deutsche Bahn. Sie hat in den ICE-Reisezügen spezielle Ruhebereiche eingerichtet. Hier darf weder laut gesprochen noch telefoniert werden. Und das Musikhören via Kopfhörer ist nur gestattet, wenn sich die anderen Fahrgäste durch die Lautstärke nicht belästigt fühlen.Die Ruhebereiche sind eine Reaktion auf die veränderte Reisekultur in deutschen Zügen: Geschäftsreisende wollten ihre Fahrzeit sinnvoll für den Job nutzen. Spätestens seit es lang ausdauernde Laptop-Akkus gibt, ist die Arbeit in vollen Zügen ein Massenphänomen geworden. Einige Unternehmen erwarten sogar von ihren Mitarbeitern, dass sie auf Zugreisen produktiv sind. Das Bedürfnis des Geschäftsmannes nach Konzentration stößt mit dem Bedürfnis eines manchen Reisenden nach UNterhaltung zusammen. Seitdem die Bahn dies erkannt hat, achten die Angestellten darauf, dass die Ruhebereiche auch als solche respektiert werden.Seit 2008 sind sie in den ICE-Zügen noch deutlicher ausgewiesen. Große, blaue Piktogramme an den Wänden und Glastüren mahnen zur Stille. In den Zügen der Baureihe ICE1 gibt es drei Ruhebereiche pro Zug, in den Übrigen sind es jeweils zwei. Insgesamt hat die Bahn in ihren großen Reisezügen etwa 550 Ruhebereiche eingerichtet. Inmitten von Menschen ist es so - vergleichsweise - still. sec.

Der Wald: Rückzugsgebiet und Naturdenkmal

In der Literatur spielt der deutsche Wald seit Jahrhunderten eine große Rolle - sei es als Hort von Räuberbanden, Rückzugsort für Revolutionäre oder als Lebensraum für Fabelwesen, Hexen und Zauberer. Die Gebrüder Grimm haben die meisten ihrer Märchen im hessischen Bergland gesammelt. Heute findet, wer Einsamkeit sucht, sie im deutschen Wald.Ende Juni hat die Unesco fünf deutsche Wälder zu Weltnaturerbestätten ernannt, darunter auch den Nationalpark Kellerwald-Edersee, der zwischen den nordhessischen Städten Korbach und Frankenberg liegt. Er wurde im Jahr 2004 als erster Nationalpark Hessens gegründet und umfasst 57 Quadratkilometer unberührter Natur. Der Legende nach soll Schneewittchen hier aufgewachsen sein. Jährlich wird der Nationalpark von mehr als 200000 Menschen besucht.Das Besondere an diesem Nationalpark: Hier gibt es letzte Reste von Buchenurwäldern, die nie oder kaum bewirtschaftet worden sind. Der Kellerwald war über viele Jahrhunderte das Jagdgebiet der Grafen und Fürsten von Waldeck. Auf diese Weise hat sich nicht nur eine enorme Artenvielfalt erhalten, sondern auch ein Waldgefühl, das man kaum sonst wo in Mitteleuropa noch finden kann. Die Kerngebiete dieses Urwalds sind über den sogenannten "Urwaldstieg" verbunden, einen 68 Kilometer langen Rundwanderweg. sec.

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