Randrepertoire: Frische Renaissance- und Barockopern (Landi, Conti, Gluck)

kolumneRandrepertoire: Frische Renaissance- und Barockopern (Landi, Conti, Gluck)

Kolumne

Wer sie leid ist, die immergleichen 60, 80 Stücke, die an Deutschlands Opernhäusern wieder und wieder aufgeführt werden, hat bereits sein einigen Jahren keinen Grund mehr, sich ernsthaft zu beklagen: Mit Werken aus der Feder von Britten, Janacek und Prokofiev stehen mittlerweile Stücke der klassischen Moderne genauso regelmäßig auf den Programmen der Bühnen wie die Opern der frühen Meister Monteverdi, Händel und Vivaldi. Darüber hinaus gibt es eine wahre Flut von CDs und DVDs, die auch das Randrepertoire ausleuchten. Drei vorzügliche Beispiele aus den vergangenen Monaten seien hier mit Ausrufezeichen empfohlen.

Stefano Landi – La morte d’Orfeo

Der Mythos von Orpheus, dem antiken Musiker, der die Götter mit seinem Gesang gnädig zu stimmen vermochte, gehört in den Anfangsjahren der Oper, eingangs des 17. Jahrhunderts, nicht nur zu den beliebtesten Stoffen der Musikdramatiker; Monteverdis Vertonung aus dem Jahre 1607 gilt auch als die Geburtsstunde der Oper überhaupt. Das Werk von Stefano Landi (1587 – 1639) datiert von 1619 – und ist ausweislich des vorzüglichen Beihefts (nur in englisch und französisch) bereits die fünfte Adaption des Stoffes. Vielleicht deshalb konzentriert sich Landi auf die Schlussstunden von Orpheus, auf den zweiten Tod Eurydikes, auf die Versuche Orpheus’, sich an seinem Geburtstag den Kummer zu vertreiben – und auf das Versiegen der Macht Musik. Auch wenn Landis Werk die überzeitlich wundervolle Komposition Monteverdis nicht erreicht: Der spannungsvolle Wechsel zwischen homophonen lyrischen, pastoralen, oratorischen Passagen, und emotional aufwühlenden, teilweise bestürzend komischen Teilen bereitet uneingeschränkten, zweistündigen Hörgenuss: Orpheus Karriere ist steil, sein Absturz jäh - cosi la vita nostra, so ist das Leben, heißt es schon zum Abschluss des ersten Aktes. Das Ensemble Akademia unter der Dirigentin Francoise Lasserre und das Sänger-Sextett haben hörbar Spaß an dem Facettenreichtum der Tragicomedia pastorale – und sie würzen das kurzweilige Stück mit einigen hochinteressanten Instrumental-Kompositionen (Man höre und staune über Dari Castellos Sonata decima!).

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Francesco Conti – David

Mehr als hundert Jahre nach Landi hat Francesco Conti (1682 – 1732) seinen David komponiert (1724), ein sehr opernhaftes Oratorium, geteilt in zwei Abschnitte, die jeweils mit einem Chor enden – ein Stoff, den Georg Friedrich Händel 1738 aufnehmen sollte, als er sein zu Recht gerühmtes Oratorium „Saul" komponierte. Das Thema der Oper ist schnell erzählt: David wird von seinem Schwiegervater Saul mit mörderischer Eifersucht verfolgt, weil dieser ihm seinen Erfolg über Goliath neidet. Davids Frau Michal und ihr Bruder Jonathan drängen David zur Flucht; dieser aber vertraut auf Gott und bleibt – woraufhin Saul ihn nach allerlei Kabalen und Gewissensqualen mit einem Wurfspeer töten will: „Neid ist die Fäulnis aller Knochen", heißt es im Libretto. David überlebt - Saul auch; am Ende ereilt den König die Vision, dass David ihm nachfolgen und ein besserer König als er selbst sein wird. Alan Curtis führt sein Ensemble „Il Complesso Barocco" jederzeit mit stilsicherer Hand durchs Geschehen; was die Aufnahme jedoch besonders reizvoll macht, sind die herausragenden vokalen Qualitäten der sechs Solisten: von Marijana Mijanovoc (Alt) als David bis Furio Zanasi (Bariton) als Saul, glänzt allen voran Simone Kermes (Sopran) in der Rolle von Davids Schwester, die der Librettist Apostolo Zeno als eine Art Doppelfigur gestaltet und einerseits als Teilnehmerin des Geschehens, andererseits als Orakel und Erzählerin einführt. Allein die Eröffnungsarie Michals „Al genitor mio re" ist das Geld wert für diese wundervolle Aufnahme eines wundervollen, niemals routiniert sich abspulenden, auch in den Rezitativen „auskomponierten" Werks.

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Christoph Willibald Gluck – Ezio

Menschenskinder, dieser „Ezio", das ist nicht nur Oper, das ist auch ihre Quintessenz. Hebt sie auf die Spielpläne, möchte man den Intendanten dieser Republik zuwenden, nehmt Euch dieses Stoffes an, ist man geneigt, den Regisseuren zuzurufen. Der „Ezio" stammt aus den Jahr 1750, geht also Glucks berühmten „Reformwerken" (die beiden Iphigenie-Opern, Alceste, Paride ed Elena) voraus, in denen er die Serienoper zugunsten einer mehr oder weniger durchkomponierten Erzählweise verabschiedete. Erste Ansätze in dieser Richtung finden sich bereits hier; die Rezitative gehen teils fließend in die Arien über; die Grenzen zwischen der Erzählhandlung (Rezitativ) und dem Besinnungsstillstand (Arien) verschwimmen. Die Handlung kreist paradigmatisch ums ewige Opernthema, dem Tauziehen zwischen der Macht und der Liebe; das Libretto stammt vom Meister jener Tage, Pietro Metastasio, und ist voller schöner Wendungen („Verhält sich derjenige, der dem Kaiser die Braut strittig macht, untertänig oder ist er ein Rebell? – Handelt derjenige, der sich der Liebe eines Vasallen in den Weg stellt, noch souverän oder ist er ein Tyrann?"). Die Musik schließlich ist von schlicht umwerfender, fast körperlicher Unmittelbarkeit. Mag Händel auch gespottet haben, Gluck könne nicht mit dem Kontrapunkt umgehen, so konnte doch keiner unverbildeter und direkter Stimmungen und Gefühle in Musik übersetzen. Und was für wundervolle Musik Gluck uns hier auftischt: Die liebend-leidenden Seufzer Ezios und die wirbelstürmische Leidenschaft seiner Verlobten Fulvia im ersten Akt, die von Oboen und Hörnern so trefflich begleiteten Arien des Massimo, die betörende Noblesse der unglücklich liebenden, Verzicht übenden Onoria, das rassige Schlussterzett des zweiten Aktes… - es ist ein einzig Fest, mit äußerster Hingabe aufbereitet von der Neuen Düsseldorfer Hofmusik unter Andreas Stoehr und einem Sängerensemble, aus dem Mariselle Martinez als herbe, tiefe Fulvia heraussticht und einen stimmlich so pikanten Gegenentwurf bietet zu den beiden Männern, zwischen denen sie steht: den beiden Kontratenören Max Emanuel Cencic (Kaiser Valentiniano III.) und Matthias Rexroth (Ezio).

Weitere Informationen im Internet.

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