Rating-Agenturen: Schon mal ein Auge zudrücken

KommentarRating-Agenturen: Schon mal ein Auge zudrücken

Bild vergrößern

Büro der Rating-Agentur Fitch in London

von Andreas Henry

Ein neues US-Gesetz soll die enge geschäftliche Verknüpfung zwischen den Investmentbanken und den Rating-Agenturen beenden. Doch der Vorschlag ist Augenwischerei. Der Interessenkonflikt, der im Vorfeld der Finanzkrise zu überfreundlichen Bewertungen von komplexen Finanzinstrumenten führte, wird bestehen bleiben.

Die Chancen stehen gut, dass dieser Vorschlag zur Finanzmarktregulierung durchkommen wird. Denn mit einer satten Mehrheit von 64 gegen 35 Stimmen votierten die US-Senatoren in dieser Woche für eine Gesetzesinitiative, die eines der Grundübel der Finanzkrise für die Zukunft in den Griff bekommen soll – die offensichtlich zu enge Verquickung der Interessen von Rating-Agenturen und Investmentbanken.

Letztere hatten das Oligopol von Standard & Poor´s, Moody´s und Fitch offenbar auf subtile Weise massiv unter Druck gesetzt, indirekt mit dem Entzug von Mandaten gedroht, falls Bewertungen von Finanzinstrumenten zu kritisch ausfallen würden. Es folgte eine Flut von Triple-A-Noten für komplexe Innovationen, durch die die Rating-Agenturen teils offenbar selbst nicht mehr durchblickten und die sich bereits wenig später als Giftmüll erwiesen.

Anzeige

Banken nutzten Rating-Shopping und Rating-Arbitrage

Geübte Praxis war offenbar das so genannte „Rating-Shopping“ – war eine Agentur nicht willig, eine Top-Bewertung abzugeben, gingen die Banker halt zur nächsten. Um Umsatzeinbrüche zu vermeiden, spielten die Rating-Agenturen meist mit. Bei Goldman Sachs zum Beispiel soll es laut der Aussage eines Zeugen, der bei einer Anhörung in Washington befragt wurde, sogar eine Person gegeben haben, deren wichtigste Aufgabe darin bestanden habe, sich mit der Rating-Arbitrage zu beschäftigen, also die Rating-Agenturen gegeneinander auszuspielen.  

Tritt das neue Gesetz in Kraft, werden Emittenten nicht mehr die Möglichkeit haben, sich für die Bewertung von komplexen Finanzinnovationen eine Agentur selbst auszusuchen. Das bedeutet: Schluss mit dem Shopping. Vielmehr würde ein von der amerikanischen Börsenaufsichtsbehörde Securities and Exchange Commisssion (SEC) eingesetztes Gremium die Federführung für die Benennung der jeweiligen Rating-Agentur für strukturierte Finanzprodukte übernehmen. Die Mehrheit dieses Gremiums soll aus Investoren bestehen. Außerdem sollen die Emittenten und unabhängige Experten vertreten sein. Der Zuschlag für einen Rating-Auftrag könnte dann in Zukunft per Rotationsverfahren oder Lotterie vergeben werden.  

Am grundlegenden Interessenkonflikt würde aber auch dieses Verfahrens nicht ändern. Denn nach wie vor würden die Emittenten – also in der Regel die Banken – für das Rating bezahlen, nicht die Investoren, die eigentlich das größte Interesse an einem unabhängigen Bewertungssystem haben müssten. Der nächste Rating-Skandal wäre damit nur eine Frage der Zeit. Ohne eine stärkere Haftung der Agenturen für ihre Urteile wird sich aber kaum etwas ändern.

Bisher konnten die Rating-Agenturen ihre Fehlurteile mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung entschuldigen – Haftung ausgeschlossen. Ebenso bleibt der Druck der Banken auf die Agenturen bestehen: Wer in Zukunft bei den von dem SEC-Gremium reihum verteilten Rating-Aufträgen zu kritisch ist, riskiert an anderer Stelle Geschäft mit den Banken zu verlieren. Eine ähnliche Konstellation gab es in der Vergangenheit bereits bei den Wirtschaftsprüfern, die bei windigen Buchhaltungsmanövern von manchen Unternehmen schon mal ein Auge zudrückten, weil man ansonsten lukrative Beratungsmandate aufs Spiel gesetzt hätte.

Viel sinnvoller wäre es, insbesondere die großen institutionellen Investoren stärker in die Pflicht zu nehmen. Mehr Eigenverantwortung und weniger Abwälzen von Investitionsentscheidungen auf Agenturen, die von den Konstrukteuren und Verkäufern dieser Finanzprodukte bezahlt werden – das wäre ein auf Dauer lohnender Ansatz. Risikoprüfungen müssten selbst durchgeführt oder bei unabhängigen Agenturen in Auftrag gegeben werden. Das könnte die Zahl von Pleitefällen, an denen Pensionskassen und Investmentfonds serienweise beteiligt waren, deutlich verringern.

Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%