Rohstoffe: Rohstoffmarkt mit neuen Erzfeinden

Rohstoffe: Rohstoffmarkt mit neuen Erzfeinden

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Eine Kupfermine in Chile. Das südamerikanische Land verfügt über die Hälfte der weltweiten Kupfervorkommen.

von Stefan Hajek und Matthias Kamp

Schuldenkrise und Inflationsängste treiben immer mehr Investoren in Rohstoffe. Auch wenn Konjunktursorgen die Preise zuletzt wieder drückten – auf lange Sicht werden sie steigen, Spekulanten und China sei Dank.

Früher ging’s nach Wanne-Eickel, heute nach Visakhapatnam. „Die Stahlplatten werden Montag nach Indien verschifft“, sagt Udo Meynerts. Sein Arm schwenkt von links nach rechts und wieder zurück, beschreibt die Umrisse einer Halde rostfarbenen Stahlschrotts im Industriehafen von Mülheim an der Ruhr. Daneben türmen sich haushoch glitzernder Edelstahlschrott, weiße Alublechberge, alte Bahnschienen und Rohre, durch die problemlos ein Kleinwagen passt.

Meynerts’ RHM Metallhandel beliefert von Schrottplätzen in Mülheim, Herne, Gelsenkirchen und Witten aus Stahlwerke und Gießereien. Seine Kunden kamen bis vor Kurzem meist aus dem Ruhrgebiet, ab und an meldete sich einer aus Luxemburg oder Frankreich. 2004 klopften die ersten Asiaten an – „damals noch die große Ausnahme“, sagt Meynerts.

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Heute ist es normal, dass Inder und Chinesen weltweit Metall zusammenkaufen. „Nicht einmal im Krisenjahr 2009 hat der starke Importsog Chinas nachgelassen“, konstatieren die Rohstoffexperten der Commerzbank.

Wetten auf gegensätzliche Szenarien

Wer die Spitzenpreise bei Öl, Eisenerz, Kupfer oder Zink aus dem Sommer 2008 für Ausreißer gehalten hatte, muss umdenken. Der Preis des wichtigsten Industriemetalls Kupfer etwa stieg in diesem Frühjahr auf 8000 Dollar pro Tonne. Kupfer war damit fast so teuer wie vor der Finanzkrise; einige Rohstoffe wie Nickel, Zink und Blei waren zwischenzeitlich sogar bis zu 45 Prozent teurer als zum Höhepunkt des China-Booms 2008.

Die Angst der Investoren vor Staatspleiten, harten Sparprogrammen und dem damit einhergehenden Konjunktureinbruch hat zuletzt die Rohstoffpreise gedrückt. Doch das Phänomen dürfte nicht von Dauer sein. „Inflationssorgen treiben immer mehr Anleger in Sachwerte und damit in Rohstoffe“, sagt Bert Flossbach, Gründer und Geschäftsführer des Kölner Vermögensverwalters Flossbach & von Storch.

Der Hedgefondsmanager Jim Rogers, der seit Jahren für Rohstoffe trommelt und auch eigene Zertifikate und Fonds vermarktet, empfiehlt Kupfer und Agrargüter als Wette auf gleich zwei gegensätzliche Szenarien. Bei einer Konjunkturerholung würden die Rohstoffpreise steigen. Falls die Konjunktur aber einbreche, würden Notenbanken noch mehr Geld drucken und die Welt in die Inflation führen. Dann wären Rohstoffe als Sachwerte gefragt.

Über börsennotierte Fonds (Exchange Traded Fonds, ETF) werden in den kommenden Jahren Milliarden in den Rohstoffmarkt fließen. Hinzu kommt die Nachfrage der aufstrebenden Staaten, allen voran Chinas: „Wo die Reise auf die lange Sicht hingeht, ist klar“, sagt Thomas Hölandt, Chefeinkäufer des Kupferkonzerns Aurubis: „Viele wertvolle Rohstoffe dürften teurer werden, weil die bevölkerungsreichen Schwellenländer sich immer größere Vorkommen sichern.“

Bühne der Spekulanten

Die Industrie ist alarmiert. Für Eisenerz etwa mussten die Stahlkonzerne zuletzt bis zu 90 Prozent mehr bezahlen als noch vor einem Jahr. Analysten erwarten, dass die Stahlkocher Arcelor-Mittal, Thyssen oder Salzgitter einen Großteil der drastisch gestiegenen Einkaufskosten auf ihre eigenen Preise umwälzen können. Thyssen-Chef Ekkehard Schulz sagte, er sei „zuversichtlich, den weiteren Preisanstieg der Rohstoffe auch an die Kunden weitergeben zu können“. Geht die Hoffnung auf, würden mit steigenden Stahlpreisen dann auch Autos, Baumaterial oder Verpackungen teurer – die Inflation würde weiter angeheizt, was wiederum die Nachfrage der Anleger nach Rohstoffen und Gold treiben dürfte.

„Immer mehr Geld ist weltweit auf der Jagd nach Rohstoffen“, sagt Jim O’Neill, Chefvolkswirt von Goldman Sachs in London. Im Jahr 2000 waren fünf Milliarden Dollar in Rohstoffen angelegt. Seither haben sich Rohstoffinvestments versechzigfacht, auf über 300 Milliarden Dollar, schätzt die Commerzbank.

Die wichtigste Bühne der Spekulanten ist die London Metal Exchange, LME, die weltweit größte Börse für Rohstoffe. Jeden Tag wechseln hier Metalle wie Kupfer, Nickel und Zink für über 30 Milliarden Dollar den Besitzer. 

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