Roland Tichy über die Rückkehr der Old Economy: Neue, alte Wirtschaft

Roland Tichy über die Rückkehr der Old Economy: Neue, alte Wirtschaft

Ein bemerkenswertes Paar saß da zusammen auf der Mönchsberg-Terrasse hoch über Salzburg nach der „Don Giovanni“-Premiere: Maria-Elisabeth Schaeffler, die bescheiden wirkende Dame, deren Familienkonzern gerade dabei ist, Continental zu schlucken, und Ferdinand Piëch, der VW-Aktien im Porsche-Kofferraum stapelt.

Nein, liebe Kartellwächter, übers Geschäft werden die beiden schon nicht geredet haben, der Maestro des Automobilriesen und die Primadonna des riesigen Zuliefererkonzerns. Aber eine Art Sinnbild war es schon für die neue, alte deutsche Wirtschaft: Da mögen andere reden von Bio-, Nano- und sonstigem Highesttech, über den Marsch in die Dienstleistungsgesellschaft und die Innovationen von Private Equity – und hier zeigt sich ein Erfolg, den es eigentlich so nicht geben darf: Familienunternehmen reißen die Macht an sich und sind Symbole der Stärke mit den industriellen Produkten des vorigen Jahrhunderts: Autos, Kugellagern und Bremsscheiben.

Erstaunlich erfolgreich stemmt sich die deutsche Industrie gegen die globale Rezession. Bayer verdient mit Agro-Chemie, Siemens mit langfristigen Infrastrukturprojekten wie Kraftwerken (wobei der Konzern verschweigt, mit welchen Mitteln neuerdings die Aufträge hereingeholt werden). Der Maschinenbau hat nach wie vor dicke Auftragspolster; viele mittelständische Anlagenbauer strotzen vor Selbstbewusstsein. Kali und Salz ist die erfolgreichste Börsenstory der letzten Jahre; und die Stahlhütte Salzgitter fast doppelt so viel wert wie TUI, das ursprüngliche Mutterunternehmen, das zum erfolglosen Touristikkonzern mutierte und dafür seine industriellen Wurzeln brutalstmöglich kappte.

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Der zweite Frühling der Old Economy ist nicht allein ein deutscher Trend. Lakshmi Mittal hat einen globalen Stahlkonzern geschmiedet, der härter ist als Kruppstahl. In China und Indien entstehen familiengeführte Konzerne, die in ihrer industriellen Ausrichtung den alten Riesen des 19. Jahrhunderts zum verwechseln ähneln. Rohstoffe, Landwirtschaft, Stahl und Infrastruktur – während High Tech den Wohlstand der ersten Welt ausgepolstert hat, bestimmt jetzt der Boom eines neuen Gründerzeitalters in der Dritten Welt das wirtschaftliche Geschehen – und Deutschland, lange als Fußkranker auf dem Weg in die Dienstleistungsgesellschaft verlacht, verdient daran mit.

Hinter der Fassade des 19. Jahrhunderts allerdings verbirgt sich, dass die erfolgreichen Unternehmen wie selbstverständlich die neuesten Erkenntnisse aus allen Wissensgebieten in die ursprünglichen Strukturen integriert haben: Sie packen jede Form von High Tech in die alten Produkte und veredeln die Green Bananas aus den kreativen Zuchtstätten mit den oft denunzierten deutschen Tugenden wie Verlässlichkeit, Systemqualität, Liefertreue und Ingenieurskunst zu wirklich unschlagbaren Produkten.

Jetzt sieht es so aus, als seien die Piëchs und Schaefflers (und wie sie alle heißen) ein paar Jahre bei Banken, Hedgefonds und Private-Equity-Buden in der Lehre gegangen – jetzt schlägt das alte Geld mit den neuen Finanztricks zurück. Auch hier verbinden sich alte Werte wie nachhaltiges, ja oft dynastisches Denken mit der zwar raffinierten, aber längstens an das Quartal orientierten Finanzierungstechnik zu einer neuen Qualität.

Offensichtlich kommt die deutsche Wirtschaft mit den wilden Wachstumsökonomien in Asien ganz gut zurecht – besser jedenfalls als jene, die glauben, nur von Finanzierungstechniken leben zu können.

Aber über alledem liegt auch ein Schatten. Ingenieurmangel bremst die Old Economy. Der große Banker Hermann Josef Abs wusste um die Menschen als dem eigentlichen Wert eines Unternehmens: „Unser Kapital fährt mit dem Aufzug nach oben.“ Warum, um nur eine unserer Torheiten zu nennen, lassen wir in Deutschland so viele Frauen vor den Aufzugstüren warten?

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