Romantiker: Die besten Lied-Recitals (u.a. mit Gerhaher, Goerne, Schwanewilms, von Otter)

kolumneRomantiker: Die besten Lied-Recitals (u.a. mit Gerhaher, Goerne, Schwanewilms, von Otter)

Kolumne

Franz Schubert, Robert Schumann, später auch Johannes Brahms, Hugo Wolf und Richard Strauss haben den Liedgesang so nachhaltig geprägt, dass man fast geneigt ist, die fünf Romantiker für ein Synonym des Kunstlieds schlechthin zu halten. Das ist natürlich Unsinn; man denke nur an die mittelalterlichen Vorträge der Minnesänger und Troubadoure, an die große englische Liedtradition von John Dowland bis Benjamin Britten - oder an die französischen Romantiker Berlioz, Fauré und Hahn.

Die herausragende Größe von Schubert und Schumann aber spiegelt sich nicht nur darin, dass sie sehr textorientiert komponiert, die Klavierstimme emanzipiert und Liederzyklen zu musikalischen Entwicklungsromanen geformt haben, sondern vor allem darin, dass ihre Lieder immer neue Generationen von Sängern zu höchst unterschiedlichen Lesarten animieren, was den Werken eine stets jungbrunnenhafte Frische verleiht. Mehr noch: Schubert und Schumann sind stilbildend bis weit in die Moderne hinein, wie eine Reihe von herausragenden neuen Aufnahmen bezeugt. Mit ihnen sollten selbst jene den Einstieg ins Kunstlied schaffen, die der Gattung bisher grundsätzlich ablehnend gegenüber standen, weil sie ihnen zu affektreich und artifiziell erschien. Allererste Anlaufstelle für diese Hörer ist.

Christian Gerhaher – Schumann, Lieder (Melancholie)

Anzeige

Die Romantik hat ja nun auch schon mehr als anderthalb Jahrhunderte auf dem Buckel, weshalb ihre typische Gefühlshitze ein bisschen Abkühlung ganz gut vertragen kann. Der tenorale Bariton Christian Gerhaher führt uns auf seiner neuen Aufnahme geradezu beispielhaft vor, dass die Romantik (vielleicht nur) auf diese Weise für die Moderne zu retten ist: Die vollkommen unverkünstelte Empathie, mit der er Schumanns „Liederkreis" sowie zwei weitere kleine Zyklen und ausgewählte Lieder Schumanns zum Thema „Melancholie" formt, sein angenehmes Timbre, seine unverbildete Empfindsamkeit, seine sanglich fein gebundene Diktion, sein nie forcierter Ausdruckswille – das alles ist von einer (über-)natürlichen Schönheit, die alles Geübte, Gelernte, Kunstfertige glücklich vergessen macht. Es gibt gegenwärtig wohl keinen Liedinterpreten in Deutschland, der annähernd ebenmäßig, ausgeglichen singt wie der von Gerold Huber makellos begleitete Christian Gerhaher: Man höre nur die „Mondnacht" und „In der Fremde II" und vergleiche sie mit der hochkarätigen Konkurrenz: Ob sie nun Thomas Quasthoff heißt, Matthias Görne, Dietrich Henschel oder Roman Trekel - an Anmut und Zauber, natürlich andachtsvoller Innigkeit hat Christian Gerhaher ihnen allen was voraus. (Sony/RCA)

Weitere Informationen im Internet.

Matthias Goerne – Schubert, Lieder (Sehnsucht)

Matthias Görne hat den Auftakt seiner elf CDs umfassenden Schubert-Werkschau mit einer anderen typischen Romantik-Vokabel versehen: „Sehnsucht" heißt sein Premierenalbum – und wer die 15 Lieder gehört hat, für den klingt „Schubert-Edition Vol.1" wie ein lockendes Versprechen. Görne hat im Vergleich zu Gerhaher die kräftigere, erdigere, männlichere Stimme, aber nicht nur das, er ist auch in seinem ganzen Duktus so etwas wie ein Gegenentwurf zu Gerhaher. Sein Album leuchtet finster vor gedankenschwerer Bedeutung, ahnungsvoller Verzagtheit, gramerfülltem Weh – und er wird in seiner ostentativen Gebrochenheit kongenial unterstützt von Elisabeth Leonskaja, die es im tiefen Register des Flügels besorgt murmeln, grummeln, donnern lässt. Das alles wirkt phasenweise etwas behauptet düster, ist aber stets wohltuend weit entfernt vom theatralischen Existentialismus, den andere gefeierte Sängerstars Schubert meinen angedeihen lassen zu müssen. (Harmoniamundi)

Weitere Informationen im Internet.

Anne Schwanewilms, Christine Brewer – Strauss, Lieder

Es lässt sich vielleicht derzeit keine bessere Strauss-Liedsängerin denken als Anne Schwanewilms, deren klarer, vibratoarmer Sopran einerseits Wagner-gestählt ist - und der andererseits in den vergangenen Jahren hörbar an Leichtigkeit gewonnen hat. Die in Gelsenkirchen geborene Schwanewilms, in diesen Wochen unterwegs in zwei ihrer Lieblingsrollen als Elisabeth (Tannhäuser) in Berlin und Elsa (Lohengrin) und Köln, überwältigt uns gleich zum Auftakt ihres Strauss-Recitals mit zwei frühen Liedern, dem lyrischen „Die Nacht" und dem opernhaft-dramatisch sich steigernden, auf ostinaten Motiven ruhenden „Geduld"; später beeindrucken vor allem „Ruhe, meine Seele", während die beiden Richard-Dehmel-Lieder „Waldseligkeit" und „Wiegenliedchen" uns gerade deshalb rühren, weil Schwanewilms sie so heiter, gelassen und weltklug singt. Schwanewilms’ Recital ist das zweite von bisher drei erschienenen Alben in einer Serie des Labels Hyperion, die einmal alle Strauss-Lieder umfassen soll. Jede CD ist auf einen Interpreten zugeschnitten – und tatsächlich: Bisher beweisen die Editoren großes Geschick bei ihrer Auswahl. Christine Brewer, auch in ihren lyrischsten Momenten stets im Hochdramatischen unterwegs, wurden auf dem Auftaktalbum Lieder mit großen Gesten zugeeignet: Es ist ganz einfach wunderbar, ihre Kunst mit der ganz anderen von Schwanewilms vergleichen zu können. Dass die dritte Ausgabe mit dem Tenor Andrew Kennedy das Niveau nicht ganz halten kann, hat eher mit der überragenden Qualität von Brewer und Schwanewilms zu tun – und weniger mit dem mindestens sehr ordentlichen Vermögen Kennedys. (Hyperion)

Weitere Informationen im Internet.

Anne Sofie von Otter, Christian Gerhaher – Theresienstadt

Vielleicht noch nie habe ich so etwas Trauriges gehört wie das Wiegenlied „Wiegala" von Ilse Weber. Dazu muss man wissen, dass das Lied im Konzentrationslager Theresienstadt (Terezin) entstand, also dort, wohin die Nazis – so heißt es im exzellenten Beiheft dieser CD – „fast die gesamte jüdische Kulturelite" gebracht und eingesperrt hatten. Tatsächlich steht Theresienstadt nicht nur als ein Synonym für den Holocaust, sondern auch für die „größte Propagandalüge des nazistischen Terrorregimes": Die Nazis inszenierten 1944 vor Inspektoren des Internationalen Roten Kreuzes einen perfekten Vergnügungszirkus mit lustigen Musikanten – und die Welt fiel auf den grausamen Schwindel herein. Tatsächlich sangen, spielten und komponierten hier jüdische Künstler operettenhaft-sarkastisch, traurig-sehnsuchtsvoll, schmerzreich-todesnah über ihre Angst hinweg. Die vorliegende CD gibt einen Überblick über die furchtsam-wechselvolle, uns Nachgeborene tief berührende Stimmung im Angesicht der Ohnmacht und des Todes: Sie vereint von einfachen Liedern (Ilse Weber) über kunstfertige Kurzzyklen (Viktor Ullmann, Pavel Haas) bis hin zur großartigen Violinsonate von Erwin Schulhoff unterschiedlichste Stile und Musikrichtungen von Komponisten, die 1942 bis 1944 von den Nazis umgebracht wurden. Anne Sofie von Otter und Christian Gerhaher sind ideale Interpreten: Sie fühlen sich ein, sie meiden nachsorgendes Pathos, sie rühren zu Tränen. Zum Beispiel mit dem Wiegenlied von Ilse Weber. Augenzeugen haben berichtet, dass sie einige Kinder freiwillig auf deren Weg in die Gaskammer begleitete – und ihnen dabei ihr Wiegenlied sang: „Es stört kein Laut die süße Ruh / schlaf, mein Kindchen, schlaf auch du." (Deutsche Grammophon)

Weitere Informationen im Internet.

Anne Sofie von Otter, Lieder von Boldemann, Gefors, Hillborg

Gibt es eigentlich etwas, das Anne Sofie von Otter nicht kann? Die 53-Jährige Schwedin hat das Barockrepertoire so gut erkundet wie die Musik des 20. Jahrhunderts, sie hat sich erfolgreich in der Volks- und Popmusik versucht (zusammen mit Elvis Costello), sie ist auf der Opernbühne so gut zu Haus wie an der Seite ihres ständigen Liedbegleiters Bengt Forsberg. Nun also fügt Anne Sofie von Otter ihren rund 60 Aufnahmen für die Deutsche Grammophon eine weitere zu: Orchesterlieder der schwedischen Komponisten Laci Boldemann (1921 – 1969), Hans Gefors (geb. 1952) und Anders Hillborg (geb. 1954). Und siehe da: Es gelingt ihr wieder einmal alles. Das Repertoire ist gut gewählt (Menschenskinder, hört mehr Neue Musik!), der viertelstündige Auftakt „…fernher im Traum…" von Hillborg ein irrlichternd Tal voller Klagetöne auf Worte von Petrarca, bevor Boldemann in vier „Epitaphen" das ewig junge Thema von Liebe und Tod durchspielt, bevor die Aufnahme mit sieben Liebesliedern schließt, in denen sich Hans Gefors auf den großen schwedischen Schriftsteller Hjalmar Söderberg bezieht und u.a. Heinrich Heine zitiert. Man höre nur „Ein lodernder Brunnen von Feuer", um für den rest seines Lebens von von Otters strahlendem, auch in den Tiefen dunkel ausgeleuchteten, sich vom liedhaften ins Hochdramatische mühelos steigernden Sopran begeistert zu sein. Dirigent Kent Nagano begleitet nicht nur, er breitet die farbenfrohen Partituren mit dem Göteborger Sinfonieorchester auch geradezu lustvoll aus. Enthusiastisch empfohlen! (Deutsche Grammophon)

Weitere Informationen im Internet.

Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%