Schall und Rausch: Alfred Schnittke - Die Klavierkonzerte

kolumneSchall und Rausch: Alfred Schnittke - Die Klavierkonzerte

Kolumne

Aufnahmen mit Ewa Kupiec und Maria Lettberg (Piano) und dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Frank Strobel.

Josef Stalin war schon sieben Jahre tot, da schritt er der russischen Musik noch immer als ideologischer Riese hinterher. Diesem Eindruck jedenfalls kann man sich nicht entziehen, wenn man Alfred Schnittkes erstes Klavierkonzert aus dem Jahre 1960 hört, das höchst selbstbewusste Werk eines 26-Jährigen am Moskauer Konservatorium, der zwischen Studium und Lehrtätigkeit steht und als Komponist noch ganz der jüngeren Tradition, den Vorbildern verpflichtet ist: Schostakowitsch und Prokofiev.

Der Eröffnungssatz (Allegro) ist eine nur kurz unterbrochene Hatz; die peitschende Musik wird von starken, synkopierten Rhythmen angefeuert, von herrisch-zackigen Streichern, bleckenden Flöten, blökenden Trompeten – und springlebendigen Klavierakkorden. Der langsame Mittelsatz, der mit dreizehn Minuten so lange dauert wie die beiden Ecksätze, entfaltet aus den Tiefen eines Fagottsolos eine melancholische Streichermelodie, die vom Klavier übernommen wird, sich harmonisch weitet, dynamisch zuspitzt und mehrfach  filmmusikalisch effektvoll anschwillt zu ohrenbetäubenden Tutti. Der Schlusssatz wiederum knüpft stilistisch an den ersten Satz an, eröffnet dem Pianisten dabei jedoch ungleich mehr Möglichkeiten, seine Virtuosität und Klangsinnlichkeit zu demonstrieren.

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Ganz anders Schnittkes zweites Klavierkonzert aus dem Jahre 1979, ein einsätzig-mehrsätziges Werk, in dem Schnittke serielle Techniken mit Clustern kombiniert – und mit oft schlichten, repetitiven Motiven, Melodien und Rhythmen kontrastiert. Dadurch erhält das 25-minütige Werk bei allen Überraschungen und Wendungen, bei allen dynamischen Steigerungen und instrumentalen Garnierungen (gezupfte Violinen, schneidende  Streicher, getupfte Piano) eine Stabilität, die es dem Hörer leicht macht, bei der Sache zu bleiben. 

Das dritte Klavierkonzert (1988) zu vier Händen ist eine Art kompositorische Summe des Polystilisten Alfred Schnittke: Der große musikalische Strandgutsammler, der Barockes und Klassisches auflas, bewahrenswerte Reste von Bach und Mozart bis Mahler und Stravinsky sammelte, der dem Jazz, der Folklore und dem Tango nachspürte… - dieser Alfred Schnittke lässt die beiden Pianisten mit einer Stimme sprechen und höchst vollmundig in einen erbitterten Schlagabtausch mit einem Orchester treten, das sich nicht zweimal bitten lässt und mal ruhig, mal heftig, mal beleidigt, mal trotzig, mal hochfahrend, mal verständnisvoll reagiert.

Die aus Polen stammende Pianistin Ewa Kupiec (im dritten Klavierkonzert unterstützt von Maria Lettberg) stärkt die Kontraste in Schnittkes Musik, stellt perlend klare Zärtlichkeit neben akkordische Obsession, lässt verzierende Virtuosität neben rhythmische Energie treten: Man kann sich keine idealere Interpretin vorstellen. Auch das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Dirigent Frank Strobel meistert die Herausforderung – auch wenn man sich, vor allem im ersten Klavierkonzert, noch ein wenig mehr orchestrale Bissigkeit und Groteske vorstellen könnte. Alles in allem: Eine wunderbare Einladung, sich mit Schnittkes knackiger Musik zu beschäftigen (Label: Phoenix)

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