
In vielen Bundesländern werden mittlerweile Studiengebühren von 500 Euro pro Semester verlangt. Für ein Studium Gebühren plus Lebenshaltungskosten und Aufwendungen für Lernunterlagen aufzubringen, ohne nennenswerte Einnahmen nebenbei verdienen zu können, setzt voraus, dass man das Geld von den Eltern oder anderen Gönnern bekommt, es selbst vorher angespart hat oder per Kredit bezieht, den man später, nach Aufnahme eines entsprechend dotierten Jobs, wieder zurückzahlt. Man kann sich vorstellen, dass insbesondere diejenigen, die keine zahlungskräftigen Gönner im Hintergrund haben, davon nicht begeistert sind. Angeblich sind 70 Prozent aller Studierenden Gebührengegner.
Es gab schon lange nicht mehr so viel politisches Engagement an den Hochschulen wie im Zusammenhang mit den Studiengebühren. Da 500 Euro nicht jedem gleichermaßen wehtun, erscheint die Gebühr vielen als höchst ungerecht. Andere kritisieren die Gebühr, weil Deutschland im internationalen OECD-Vergleich schon jetzt zu wenig junge Menschen zum Hochschulabschluss führt. Es wäre gewiss fatal, wenn sich nun auch noch ein Teil der Studierwilligen aufgrund der finanziellen Belastung von seinen Plänen abbringen ließe. Ist also der eingeschlagene Weg richtig? Oder hat Hessen recht, die Studiengebühren schon wieder abzuschaffen?
Ich denke, die Einführung der Studiengebühren war aus mehreren Gründen ein richtiger Schritt in die richtige Richtung. Erstens: Die Hochschulen brauchen mehr Geld, um eine angemessene Lehrqualität zu bieten. Zweitens: Hochschulabsolventen profitieren von ihrem Abschluss ganz persönlich. Warum sollten die Kosten hierfür allein von der Allgemeinheit getragen werden? Ich halte drittens ein zu wenig beachtetes Argument für besonders wichtig: Wer für eine Leistung bezahlt, ist auch an deren Qualität stärker interessiert und strengt sich selbst mehr an, alles aus sich und dem Angebot herauszuholen.
Ich erwarte deshalb, dass sich auf Dauer sowohl die Lehre samt Rahmenbedingungen verbessern wird als auch die Studienzeiten sinken werden. Beide Veränderungen sollten im Interesse der Gesellschaft und der Studierenden liegen. Die Einführung einer Studiengebühr kann auf Dauer genau die Dynamik entfachen, die für Veränderungen notwendig ist und die im deutschen Hochschulwesen schon lange vermisst wird.
Professor Markus Voeth von der Universität Hohenheim untersucht seit Einführung der Studiengebühren die Haltung der Studierenden zur Gebühr und ihrer Verwendung. Seine Befragungen brachten beispielsweise hervor, dass in der Tat für sehr viele Studenten die Studiengebühr ein Ansporn ist, schneller zu studieren. Voeth hat auch festgestellt, dass es eine große Diskrepanz zwischen den objektiven Ausstattungsverbesserungen der Universitäten und den subjektiven Wahrnehmungen der Studierenden gibt. Hier müssen die Hochschulen den alten Staub in den Amtsstuben abschütteln und sich stärker als hochkarätiger und moderner Dienstleister verstehen.
Voeth weist den Universitäten zu Recht eine Bringschuld zur Information ihrer Studenten zu. Die Gebührenzahler haben erstens ein Recht zu erfahren, was genau mit ihren Beiträgen finanziert wird. Mit einer offensiven Informationspolitik könnte man zweitens die Zahlungsbereitschaft und die Zufriedenheit der Studenten wesentlich anheben. Voraussetzung ist hier natürlich, dass die Gelder tatsächlich so eingesetzt werden, dass die zum Teil unzumutbaren Zustände spürbar verbessert werden. Obwohl es laut Voeth objektiv mehr Verbesserungen gibt, als von den Studierenden subjektiv wahrgenommen werden, so besteht doch kein Automatismus zwischen Gebühreneinnahmen und ihrer sinnvollen Verwendung. Das mag zum einen daran liegen, dass die Gebühren nicht an die Fachbereiche proportional zu den Einschreibungen verteilt werden.
Das scheint mir ein Systemfehler zu sein. So kann ein Student der einschreibungsschwachen Naturwissenschaften besonders stark profitieren, während dort, wo - etwa bei den Geisteswissenschaften - viel eingenommen wird, sich keine spürbaren Verbesserungen einstellen. Die für die Gesellschaft überaus wichtige Förderung der Naturwissenschaften muss durch Steuergelder finanziert werden und nicht durch eine derartige Quersubventionierung mit Gebühreneinnahmen. Das ergibt nur neue Ungerechtigkeiten.
Zum anderen kann es unabhängig davon gut sein, dass Verwaltung und Lehrpersonal andere Investitionsprioritäten setzen als die Gebührenzahler. Doch wer 500 Euro für die Teilnahme an Lehrveranstaltungen bezahlt, möchte verständlicherweise nicht mit 600 Zuhörern in einem schlecht belüfteten Saal auf dem Boden sitzen und auf jeglichen Kontakt mit dem Dozenten verzichten müssen.
Um den Bedürfnissen der zahlenden Studierenden mehr Gehör zu verschaffen und Verschwendungen zu bekämpfen, hat vergangene Woche eine Gruppe von Stuttgarter Studenten den "Bund der Studiengebührenzahler" gegründet. Dieser Verein hat sich zur Aufgabe gemacht, Informationen über die Verwendung der Gebühren zu sammeln und ein Schwarz- sowie ein Weißbuch zu veröffentlichen. Das ist gut.
Hier entwickelt sich genau die Dynamik, von der ich spreche. Studenten ergreifen die Initiative und organisieren eine Art Verbraucherschutz, der solche Verbesserungen einfordert, die jetzt durch die Einführung der Studiengebühr möglich wären. Die Gebühren verhelfen Studenten zu einem Kundenstatus und werden so zur Keimzelle eines dynamischen Prozesses, der Transparenz und "Kundenorientierung" schafft. Was sollte daran falsch sein?









