_

So seh ich es: Studiengebühren schaffen Dynamik

von Von Lothar Späth Quelle: Handelsblatt Online

Die Einführung der Studiengebühren war aus mehreren Gründen ein richtiger Schritt. Klar ist, dass die Hochschulen für mehr Qualität mehr Geld brauchen. Aber ein Punkt, der gern vergessen wird, ist: Studenten absolvieren deutlich schneller ihr Studium.

"500 Euro tun nicht jedem gleichermaßen weh". Quelle: AP
"500 Euro tun nicht jedem gleichermaßen weh". Quelle: AP

In vielen Bundesländern werden mittlerweile Studiengebühren von 500 Euro pro Semester verlangt. Für ein Studium Gebühren plus Lebenshaltungskosten und Aufwendungen für Lernunterlagen aufzubringen, ohne nennenswerte Einnahmen nebenbei verdienen zu können, setzt voraus, dass man das Geld von den Eltern oder anderen Gönnern bekommt, es selbst vorher angespart hat oder per Kredit bezieht, den man später, nach Aufnahme eines entsprechend dotierten Jobs, wieder zurückzahlt. Man kann sich vorstellen, dass insbesondere diejenigen, die keine zahlungskräftigen Gönner im Hintergrund haben, davon nicht begeistert sind. Angeblich sind 70 Prozent aller Studierenden Gebührengegner.

Anzeige

Es gab schon lange nicht mehr so viel politisches Engagement an den Hochschulen wie im Zusammenhang mit den Studiengebühren. Da 500 Euro nicht jedem gleichermaßen wehtun, erscheint die Gebühr vielen als höchst ungerecht. Andere kritisieren die Gebühr, weil Deutschland im internationalen OECD-Vergleich schon jetzt zu wenig junge Menschen zum Hochschulabschluss führt. Es wäre gewiss fatal, wenn sich nun auch noch ein Teil der Studierwilligen aufgrund der finanziellen Belastung von seinen Plänen abbringen ließe. Ist also der eingeschlagene Weg richtig? Oder hat Hessen recht, die Studiengebühren schon wieder abzuschaffen?

Ich denke, die Einführung der Studiengebühren war aus mehreren Gründen ein richtiger Schritt in die richtige Richtung. Erstens: Die Hochschulen brauchen mehr Geld, um eine angemessene Lehrqualität zu bieten. Zweitens: Hochschulabsolventen profitieren von ihrem Abschluss ganz persönlich. Warum sollten die Kosten hierfür allein von der Allgemeinheit getragen werden? Ich halte drittens ein zu wenig beachtetes Argument für besonders wichtig: Wer für eine Leistung bezahlt, ist auch an deren Qualität stärker interessiert und strengt sich selbst mehr an, alles aus sich und dem Angebot herauszuholen.

Ich erwarte deshalb, dass sich auf Dauer sowohl die Lehre samt Rahmenbedingungen verbessern wird als auch die Studienzeiten sinken werden. Beide Veränderungen sollten im Interesse der Gesellschaft und der Studierenden liegen. Die Einführung einer Studiengebühr kann auf Dauer genau die Dynamik entfachen, die für Veränderungen notwendig ist und die im deutschen Hochschulwesen schon lange vermisst wird.

Professor Markus Voeth von der Universität Hohenheim untersucht seit Einführung der Studiengebühren die Haltung der Studierenden zur Gebühr und ihrer Verwendung. Seine Befragungen brachten beispielsweise hervor, dass in der Tat für sehr viele Studenten die Studiengebühr ein Ansporn ist, schneller zu studieren. Voeth hat auch festgestellt, dass es eine große Diskrepanz zwischen den objektiven Ausstattungsverbesserungen der Universitäten und den subjektiven Wahrnehmungen der Studierenden gibt. Hier müssen die Hochschulen den alten Staub in den Amtsstuben abschütteln und sich stärker als hochkarätiger und moderner Dienstleister verstehen.

Voeth weist den Universitäten zu Recht eine Bringschuld zur Information ihrer Studenten zu. Die Gebührenzahler haben erstens ein Recht zu erfahren, was genau mit ihren Beiträgen finanziert wird. Mit einer offensiven Informationspolitik könnte man zweitens die Zahlungsbereitschaft und die Zufriedenheit der Studenten wesentlich anheben. Voraussetzung ist hier natürlich, dass die Gelder tatsächlich so eingesetzt werden, dass die zum Teil unzumutbaren Zustände spürbar verbessert werden. Obwohl es laut Voeth objektiv mehr Verbesserungen gibt, als von den Studierenden subjektiv wahrgenommen werden, so besteht doch kein Automatismus zwischen Gebühreneinnahmen und ihrer sinnvollen Verwendung. Das mag zum einen daran liegen, dass die Gebühren nicht an die Fachbereiche proportional zu den Einschreibungen verteilt werden.

Das scheint mir ein Systemfehler zu sein. So kann ein Student der einschreibungsschwachen Naturwissenschaften besonders stark profitieren, während dort, wo - etwa bei den Geisteswissenschaften - viel eingenommen wird, sich keine spürbaren Verbesserungen einstellen. Die für die Gesellschaft überaus wichtige Förderung der Naturwissenschaften muss durch Steuergelder finanziert werden und nicht durch eine derartige Quersubventionierung mit Gebühreneinnahmen. Das ergibt nur neue Ungerechtigkeiten.

Zum anderen kann es unabhängig davon gut sein, dass Verwaltung und Lehrpersonal andere Investitionsprioritäten setzen als die Gebührenzahler. Doch wer 500 Euro für die Teilnahme an Lehrveranstaltungen bezahlt, möchte verständlicherweise nicht mit 600 Zuhörern in einem schlecht belüfteten Saal auf dem Boden sitzen und auf jeglichen Kontakt mit dem Dozenten verzichten müssen.

Um den Bedürfnissen der zahlenden Studierenden mehr Gehör zu verschaffen und Verschwendungen zu bekämpfen, hat vergangene Woche eine Gruppe von Stuttgarter Studenten den "Bund der Studiengebührenzahler" gegründet. Dieser Verein hat sich zur Aufgabe gemacht, Informationen über die Verwendung der Gebühren zu sammeln und ein Schwarz- sowie ein Weißbuch zu veröffentlichen. Das ist gut.

Hier entwickelt sich genau die Dynamik, von der ich spreche. Studenten ergreifen die Initiative und organisieren eine Art Verbraucherschutz, der solche Verbesserungen einfordert, die jetzt durch die Einführung der Studiengebühr möglich wären. Die Gebühren verhelfen Studenten zu einem Kundenstatus und werden so zur Keimzelle eines dynamischen Prozesses, der Transparenz und "Kundenorientierung" schafft. Was sollte daran falsch sein?

2 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 02.07.2008, 15:42 UhrAnonymer Benutzer: IBeJustMe

    Zu erstens:
    Die Schulen unseres Landes werden über Steuergelder finanziert. Und zwar genau aus dem Grund jedem ein Studium weitestgehend unabhängig seiner finanziellen Lage aufzunehmen. Durch Studiengebühren wird dieses Prinzip untergraben:
    Zu zweitens:
    Aus JEDER bildung, ob Hochschule oder Hauptschule, Grundschule oder Sonderschule profitiert der Absolvent höchstpersönlich. ihr Argument riecht stark nach Neiddebatte. "Der verdient wahrscheinlich später mal mehr als ich Realschüler...." Zumal unsere Gesellschaft ein deutliches Mehr an Studierten, wie Sie selbst schreiben, bitter nötig hat, sollte man bildungswillige und bildungsfähige Menschen unterstützen und nicht aus Neid Steine in den Weg legen.
    Zu drittens:
    Ein Student der es sich leisten kann 12 Semester zu studieren kommt scheinbar ganz gut über die Runden. ihm werden die Studiengebühren nicht weiter weh tun. im Gegensatz zu den ärmeren Studenten, bei denen die Zeit von Hause aus mangels Geld eh schon drängt und sowieso schon schneller als ein Studi aus gutem Hauste sein MÜSSEN.
    irgendwie haben Sie in mir in keinster Weise auch nur den Ansatz von Verständnis für Studiengebühren enstehen lassen können. Ziel verfehlt würde ich sagen, zumindest bei mir.

  • 02.07.2008, 14:28 UhrAnonymer Benutzer: RaZe

    Dieser Artikel verdient eine Antwort. Zu finden ist sie unter http://raze-dersenfvomwrstchen.blogspot.com/2008/07/und-so-sieht-es-ein-betroffener-herr.html

Alle Kommentare lesen

Das Aktuelle Heft

Wirtschaftswoche

WirtschaftsWoche 21 vom 21.05.2012

iTunes Vorschau - WirtschaftsWoche