
Riesenwellen überrollen Autobahnbrücken, Vulkane brechen aus, Häuser gehen in Flammen auf. Verzweifelt versuchen die Menschen, mit Booten zu flüchten, während ihre Häuser fortgerissen werden. So beschreibt der japanische Katastrophenfilm „Der Untergang Japans“ von 1973, wie das fernöstliche Inselreich Japan nach einer Naturkatastrophe versinkt. Der Film basiert auf dem utopischen Horror-Roman „Nippon Chimbotsu“ (Wenn Japan versinkt) von Komatsu Sakyo. Der angsterregende Bestseller rief den Japanern ihre unsichere Koexistenz mit der Natur ins Bewusstsein - und wirkt nicht zuletzt nach dem verheerenden Beben vom 11. März auf bedrückende Weise realistisch: In Japan treffen extreme geografische und klimatische Gegensätze aufeinander. Alljährlich müssen die Japaner mit der Gefahr durch Erdbeben, Vulkane und - wie dieser Tage wieder - Taifune leben.
Jeder weiß um die latente Bedrohung durch Naturkatastrophen. Ein Schicksal, das unabwendbar ist und einen prägenden Einfluss auf das japanische Volk hat: „Shikataganai“ - Da kann man nichts machen. Doch mit Fatalismus ist das nicht gleichzusetzen. Die Menschen stellen sich auf die Gefahr so gut es irgend geht ein. Schon Tage bevor der Taifun „Roke“ auf die Küste der größten Hauptinsel Honshu traf, auf der auch die Millionen-Hauptstadt Tokio liegt, berichtete das japanische Fernsehen ausführlich über den Verlauf des Taifuns. So können sich die Menschen auf das Unheil vorbereiten. Viele decken sich mit Essensvorräten für zwei, drei Tage ein. Man holt die Haustiere rein, verstaut Geräte vor dem Haus, verriegelt die Rollläden von den Fenstern - und wartet.
Die Menschen werden sich ans Aufräumen machen - wie jedes Jahr
Rechtzeitig warnt die Meteorologische Behörde in Tokio auf im Fernsehen übertragenden Pressekonferenzen vor Überschwemmungen, Erdrutschen und starken Winden und nennt die genaue Menge an Niederschlägen. Viele Unternehmen und Schulen haben ihre Mitarbeiter und Schüler am Mittwoch schon früh am Nachmittag nach Hause geschickt. Zugleich forderten die Behörden die Menschen in den bedrohten Gebieten auf, sich vor den Naturgewalten in Notunterkünften in Sicherheit zu bringen. Da es sich diesmal um einen besonders heftigen Taifun handelt, waren gleich über eine Million Menschen davon betroffen. Leider werden die Warnungen nicht immer von allen Menschen befolgt. Und so kommt es vor, dass oft ältere Männer doch hinausgehen, um nach ihren Reisfeldern zu sehen oder auch nur, um einen Blick auf die anschwellenden Flüsse oder das Meer zu werfen - ein riskantes Unterfangen, das manch einer mit dem Leben bezahlt.
Immer wieder sind die Menschen im Westen erstaunt, dass Japaner Schwierigkeiten oder gar Katastrophen wie diese scheinbar klaglos erdulden können. Auf den Bahnhöfen und Flughäfen strandeten am Mittwoch zigtausende von Pendlern, da der Betrieb vieler Bahnen und Flüge wegen des Taifuns unterbrochen wurde, doch von Panik oder wütenden Reaktionen keine Spur - Shikataganai. Wie in jedem Jahr hinterlässt auch dieser Taifun eine Spur aus Tod und Verwüstung. Am Ende, wenn sich die Natur über dem katastrophengeplagten Japan ausgetobt hat, wird wieder die Sonne scheinen. Und die Menschen sich ans Aufräumen machen. Wie jedes Jahr.









