Telekommunikation: Anreize fehlen

Telekommunikation: Anreize fehlen

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Telefon-Kundin: Schneller durchsetzen

Deutschlands Telekommunikationsmarkt droht nach den Boomjahren der Absturz – neue Glasfasernetze könnten die Trendwende bringen.

Auf eine Branche war eigentlich immer Verlass. Egal, welcher Wirtschaftszweig in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren unter Einbrüchen litt, die Telekommunikation war nicht dabei und glänzte zeitweise mit zweistelligen Zuwachsraten. Perfekter Service jedoch, der blieb in den Chefetagen ein Fremdwort, die Kunden rissen den Telekom-Anbietern ihre Produkte auch ohne gute Kundenbetreuung aus den Händen. Das zumindest galt bis vor zwei Jahren.

Heute gehört die Telekommunikation (TK) zu den Sorgenkindern. Der Branchenverband Bitkom meldet im zweiten Jahr in Folge Umsatzrückgänge. Dieser Trend wird sich noch verstärken. Bis 2020, prophezeit eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey, könnte die Vorzeigebranche zu den größten Verlierern in Deutschland zählen. Mit Umsatzeinbußen von über 40 Prozent drohe sogar der Absturz, wenn es bei den gegenwärtigen, von Bundesnetzagentur und EU-Kommission entwickelten Wettbewerbsbedingungen bleibe. Statt 34 Milliarden Euro, wie im Spitzenjahr 2006, käme die TK nur noch auf eine Wertschöpfung von 20 Milliarden Euro.

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Preiskämpfe zehren an Marge der Telekommunikationsbranche

Was sich wie ein Horrorszenario anhört, ist für McKinseys TK-Experten Boris Maurer eine sehr realistische Prognose. „In Europa scheinen die Regulierungsbehörden den Infrastrukturausbau zugunsten niedrigerer Konsumentenpreise als Zielsetzung zurückgestellt zu haben“, kritisiert Maurer. „In solch einem Umfeld lohnen sich flächendeckende Investitionen in moderne Netze kaum.“ Die deutsche TK-Industrie drohe zum Anbieter von Basisinfrastruktur zu verkümmern – mit dramatischen Folgen: Der Netzbetreiber kassiert nur noch die Monatspauschale für den Anschluss, Preiskämpfe zehren an der Gewinnmarge, und zusätzliche Erträge durch neue Services und Produkte bleiben weitgehend aus. „Bei einer Wachstumsrate von nur 1,7 Prozent jährlich würden bis 2020 in Deutschland 100.000 Arbeitsplätze in der TK verloren gehen“, sagt Maurer.

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In wichtigen Innovationsfeldern könnte Deutschland den Anschluss verlieren. Künftige Servicestandards, etwa beim vernetzten Zuhause oder beim Internet-TV, werden dann außerhalb Deutschlands entwickelt und zur Marktreife gebracht. Ein Politikwechsel würde dagegen die Grundlage für neues Wachstum schaffen. Die Wertschöpfung ließe sich auf 50 Milliarden Euro steigern, wenn in Europa die verbraucherfreundliche Wettbewerbspolitik durch eine infrastrukturfördernde Industriepolitik ersetzt würde. Investoren sollten die Möglichkeit erhalten, das Umsatzpotenzial innovativer Produkte selbst abzuschöpfen und nicht mit Konkurrenten zu teilen, die regulierten Zugang zu den neuen Glasfasernetzen bekommen wollen. Die Bundesnetzagentur und die EU-Kommission schüfen mit ihren bisherigen, vor allem auf Preissenkungen fixierten Regulierungsentscheidungen zu wenig Anreize für Infrastrukturinvestitionen, so die McKinsey-Studie.

Eine komplett neue Glasfaserinfrastruktur, rechnet Maurer vor, kostet „nicht drei Milliarden Euro, sondern 30 bis 40 Milliarden“. Die für Endkunden verfügbaren Datenübertragungsraten stiegen dadurch auf 10.000 Megabit pro Sekunde – 50- bis 100- mal mehr als heute bereitgestellt. Neue Anwendungen wie 3-D-Spiele, Videotheken im Web, Filme als Livestream oder simultane Gruppenarbeit durch den schnellen Zugriff auf in zentralen Rechnern hinterlegte Programme könnten sich schneller durchsetzen. Deutsche Unternehmen hätten die Chance, exportfähige Kommunikationslösungen zu entwickeln und international relevante Standards zu etablieren.

Auch für die Volkswirtschaft hätte eine neue Infrastruktur zentrale Bedeutung. Internet und Handy haben die Arbeitsabläufe derart revolutioniert, dass sich über ein Drittel des ökonomischen Produktivitätswachstums in den Industrieländern auf Investitionen in Kommunikationsnetze zurückführen lässt. Ein Stillstand hätte auch hier weitreichende Folgen. Mit dem weltweiten Mobilfunkstandard GSM hat es Europa schon einmal geschafft, sich als Trendsetter an die Spitze zu setzen. McKinsey-Experte Maurer hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sich solch eine Erfolgsstory wiederholt. „Deutschland sollte Teil des Labors sein, dass solche innovativen Dienste für die Kunden entwickelt“, sagt Maurer. „Aber derzeit sieht es so aus, als säße dieses Labor in anderen Teilen der Welt. Da ist ein Umdenken auch bei der politischen Regulierung erforderlich.“

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