Top-Manager: Titel als Trophäe

kolumneTop-Manager: Titel als Trophäe

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Heiner Thorborg ist einer der führenden Personalberater Deutschlands

Kolumne

Titelsüchtiger als die Deutschen sind nur noch die Österreicher. Warum eigentlich? Eine Promotion macht kaum einen zum besseren Manager oder Politiker. Man sollte das Führen von akademischen Titeln außerhalb der Unis abschaffen.

Glaubt man dem Psychologen Martin Kersting, haben in den Vereinigten Staaten nur sechs Prozent der Führungskräfte ein Dr. vor dem Namen, in der Schweiz sind es 25 Prozent. In Deutschland hingegen haben 56 Prozent der Manager ein Dr. vor dem Namen; auch führt jeder fünfte Bundestagsabgeordnete einen Titel. Ganz offenbar wird die deutsche Sehnsucht nach Namenszusätzen nur noch von denÖsterreichern übertroffen, die sich sogar „Herr Magister“ titulieren lassen.

In Deutschland jedoch ist der Doktorentitel wegen seiner schieren Häufigkeit schon wieder entwertet, wer wirklich auf sich hält, holt sich noch den Professorentitel. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann ist Honorarprofessor an der Universität Frankfurt. Ohne langwierige Habilitation oder lästige Juniorprofessur, versteht sich. Auch dem Ex-Siemens-Chef Heinrich von Pierer war weder das Adelsprädikat genug noch ein Ehrendoktor der TU München, an der Universität Nürnberg-Erlangen lehrte er zudem als Honorarprofessor. Der Spediteur Klaus-Michael Kühne ist Ehrenprofessor in Hamburg. Kurz, wer wirklich auf sich hält, strebt nach dem Prof. auf der Visitenkarte, und es soll Leute geben, die das h.c. (für honoris causa also „ehrenhalber“) gerne mal nicht mitdrucken. Aus Platzgründen vermutlich, Visitenkarten sind ja eher klein.

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Geld statt Hirnschmalz

Andere verdrängen gleich, dass sie an der Uni einst weniger Hirnschmalz und mehr Geld aufgewendet haben. Auch Thomas Kühr, damals Geschäftsführer der Telekom-Tochter T-Venture, musste den Doktortitel der ehemaligen St. Bernhards-Universität Zürich abgeben und der frühere Europachef der Unternehmensberatung A.T. Kearney flog mit einem zu Unrecht geführten Doktortitel auf; inzwischen holte er die Promotion an der Universität Saarbrücken nach und meldete sich als CEO der Unternehmensberatung Arthur D. Little zurück.

Ich persönlich halte es mit Helmut Schmidt, der abschließend befand, dass man nur zwei Titel mit einem gewissen Stolz tragen könne: „Der eine ist der Herr Bürgermeister, der andere ist der Herr Doktor.“ Mit letzterem war ein Arzt gemeint und auch nur der. Wenn sich daher bei mir im Büro jemand mit den Worten meldet: „Guten Tag, hier ist Herr Doktor Wasbinichwichtig, ich hätte gerne Herrn Thorborg gesprochen,“ gehen bei mir die Warnlampen an. Wer einen Titel wie eine Trophäe vor sich her tragen muss, hat in der Regel ein Ego-Problem. Souveräne Leute behandeln einen womöglich vorhandenen akademischen Grad als Selbstverständlichkeit, der zu ihrer Ausbildung gehört und stellen sich daher simpel mit Vor- und Nachnamen vor, ohne Titel.

Überflüssige Statusgeste

Da Experten schätzen, dass jährlich bis zu 1000 Doktortitel ergaunert werden, müsste man eigentlich nur mal flächendeckend in den Dissertationen der Politiker und Topmanager wühlen, um die Büchse der Pandora zu öffnen. Mit Hilfe des Internets lassen sich fragwürdige Titelmühlen als Alma mater nämlich ebenso leicht recherchieren wie die Herkunft ganzer Textpassagen. Fragt sich bloß, warum sich ansonsten intelligente Leute diese Schmach antun. Wegen der 500 Euro, die Berufseinsteiger laut Statistik im Monat mehr verdienen, wenn sie einen Doktor in die Waagschale werfen?

Da ich es in vielen Berufsjahren noch kaum je erlebt habe, dass jemand durch eine Dissertation tatsächlich ein intelligenterer Mensch oder ein besserer Manager geworden wäre, liegt die Vermutung nah, dass es oftmals um die reine Statusgeste geht. Elitenforscher wie Michael Hartmann meinen ja auch, ein Titel sei zwar nicht zwingend, um zur besseren Gesellschaft zu gehören, doch runde er ein Gesamtbild ab und helfe durchaus bei der Karriere: „Leiter einer großen Bankfiliale werden Sie eher, wenn Sie einen Titel tragen.“

Kein Wunder also, dass sich an den Hochschulen und in den Labors Widerstand gegen all die Filialleiter und Karrieredoktoren regt: Da eine wirklich gute Dissertation neben einer vollen Berufstätigkeit in der Regel nicht zu leisten ist, fürchten die Wissenschaftler zu Recht, das Ansehen der akademischen Grade leide unter all dem promovierten Gefasel.

Das Einfachste wären daher amerikanische Verhältnisse, wo sich außerhalb der Medizin wirklich nur Leute um einen Titel bemühen, die eine akademische Karriere anstreben. Wer da in der freien Wildbahn mit einem Dr. herumläuft, gilt schnell als leicht verschroben und praxisfern. Auch hier würde die Titelhuberei schlagartig aufhören, wenn akademische Grade nur noch an der Uni und in Forschungslabors geführt werden dürften.

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