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Türkische Kunst: Auf der Suche nach sicheren Werten

von Matthias Thibaut Quelle: Handelsblatt Online

Der Markt für zeitgenössische türkische Kunst wächst rasant. Vorsichtige Preispolitik ist die Antwort der angelsächsischen Versteigerer, denn allzu sehr sollte man den Markt nicht antreiben.

Ausschnitt aus dem Gemälde "1879" des in Deutschland geborenen Taner Ceylan. Quelle: handelsblatt.com
Ausschnitt aus dem Gemälde "1879" des in Deutschland geborenen Taner Ceylan. Quelle: handelsblatt.com

Der türkische Kunstmarkt hat sich in den letzten Jahren rasant vervielfacht – einige Experten schätzen den Zuwachs des Marktvolumens auf etwa 200 Millionen. 2001 wurde es noch mit 5 Millionen Dollar angegeben. Neuer Reichtum und das Interesse aus Europa und dem Nahen Osten haben neue Galerien, Auktionen und eine blühende Auktionsszene in Istanbul selbst entstehen lassen.

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Die Werke etablierter türkischer Künstler erzielen Rekordpreise

Trotzdem erklärte Sotheby’s Spezialistin Elif Bayoglu vor Sotheby’s dritter Londoner Auktion mit türkischer Contemporary Art: „Es ist nicht gut, den Markt zu sehr anzutreiben. So wie es läuft, ist es gesund.“ Sie stellte eine Auktion zusammen, die auf dem Umsatzniveau des letzten Jahres lag und mit realistischen Taxen von den stärksten Namen der Szene angeführt wurde, allen voran von Mübin Orhon und Burhan Dogançay. Der Erfolg gab ihr recht. Die Einnahme von 2,3 Millionen Pfund lag am 7. April genau im Soll. Rückgänge von 35 Prozent nach Losen, aber nur 25 Prozent nach Wert zeigen, dass der Markt auf Qualität setzt, aber wählerisch ist.

Mit einem Wort: Man ist auf der Suche nach den sicheren Werten der Zukunft. Dafür stehen die Bilder etablierter türkischer Künstler wie „Whispering Wall II“, eine Abstraktion der Ribbon-Serie des in den USA lebenden Burhan Dogançay (geb. 1929). Seine Abstraktion „Blue Symphony“ brachte Ende 2009 in einer Istanbuler Auktion einen Rekordpreis von 1,5 Millionen Dollar, ein Wendepunkt für das Selbstbewusstsein der türkischen Contemporary Art. Sotheby’s Bild, 142 x 193 cm, verdoppelte die Schätzung auf 277 250 Pfund (316 350 Euro). Eine zweite Arbeit Dogançays mit kalligrafischen Streifen, die Schatten auf die Leinwand werfen, brachte bei einer Schätzung von 50.000/70.000 Pfund dann 151 250 Pfund.

Zweiter wichtiger Block waren informelle Abstraktionen von Mübin Orhon (1924-1981) aus der Sammlung des Pariser Galeristen Daniel Gervis. Orhon lebte die meiste Zeit seines Lebens in Paris, und Gervis unterstützte seine Arbeit. Orhon ist nun ein wahrer Klassiker. Seine Preise entsprachen mit 241.250 Pfund, 97.250 Pfund und 85.250 Pfund genau den Schätzungen.

Vehement geboten wurde bei einem brandneuen Gemälde des in Deutschland geborenen, provokativen Taner Ceylan (geb. 1979). Es kam direkt aus der Istanbuler Ausstellung der „Lost Paintings Series“. „1879“, so der Titel des in diesem Jahr erst gemalten Bildes wurde unter Beifall bei 229 250 Pfund zugeschlagen, geschätzt waren 50.000/70.000 Pfund, entsprechend den 71.000 Pfund für Ceylans Klitschko-Boxerporträt „Spritual“, mit dem er 2009 bei Sotheby’s ein aufsehenerregendes Auktionsdebut hatte. Hyperrealistische Feinmalerei zeigt eine verschleierte Ottomanin vor dem Inbegriff der weiblichen Entschleierung, dem skandalträchtigen Gemälde „L’Origine du Monde“, das der türkische Dandy Khalil Bey bei dem Maler Gustave Courbet bestellt hatte: Das provokative, aber auch nachdenkliche Werk zeigt, wie weit sich die türkische Malerei in einem halben Jahrhundert von dem alten islamischen Bilderverbot entfernt hat.

Sotheby’s Auktion war ein stabiler Erfolg. Bonhams Debut in dem jungen Markt am 5. April war mühsamer: Nur 30 von 84 Losen wurden verkauft. Starke Preise gab es aber in der auf ältere Künstler konzentrierten Auktion für Erol Akyavas (1932-1999). Sein aus einer englischen Sammlung eingeliefertes Diptychon „End of Encounter“ mit Rittern und Schlossmauern aus der Vogelperspektive wurde mit 535.200 Pfund (615.000 Euro) stärkstes Los der Woche (Taxe 280.000/340.000 Pfund). Zwei Abstraktionen Akyavas brachten 96.000 und 78.000 Pfund.