Überdeutliche Antwort

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Stefan Baron über den Zweikampf Schröder – Merkel 

Manchmal dauert es eine Weile, aber dann bricht sich die Wirklichkeit doch Bahn und verdrängt den schönen Schein: Wat mutt, dat mutt – was sein muss, muss sein. Wer daher in der Union glaubte, angesichts der Chance auf eine gemeinsame Regierungsbildung mit den Sozialdemokraten ließe sich eine Ursachenforschung für das beschämend schlechte eigene Wahlergebnis unterdrücken, sieht sich derzeit unsanft geweckt. Zuerst waren es nur Leute aus der zweiten Reihe, die Kritik fiel eher gewunden aus und sparte sorgsam persönliche Angriffe auf die Spielführerin aus, die den Ball vor dem leeren Tor verstolpert hat. Doch Anfang der Woche, kurz vor der nächsten Runde im Poker um eine große Koalition, bei der über die Aufnahme von formellen Verhandlungen entschieden werden sollte, meldete sich einer der Großen der Partei zu Wort – und ließ jede Rücksicht fahren. In seiner aktuellen WirtschaftsWoche-Kolumne geht Friedrich Merz seine Partei- und Fraktionschefin sowie Kanzlerkandidatin frontal an. Für 2,6 Millionen Wähler, die CDU und CSU die Erststimme, aber nicht ihre Zweitstimme gegeben hätten, so rechnet er vor, sei Angela Merkel offenbar nicht wählbar gewesen. Statt knapp 41 Prozent, habe die Union so nur gut 35 Prozent geschafft – „eine überdeutliche Antwort der Wähler auf Wahlprogramm und personelles Angebot der Union“. Merz spricht aus, was viele in der Union denken: Die Jagdsaison auf Merkel ist offiziell eröffnet. An ihrem Ende wird die Kanzleraspirantin wohl ebenso auf der Strecke bleiben wie der Kanzler. Der hat mit der Entwicklung, die jetzt in Gang kommt, seit dem Wahlabend gerechnet und seine Chance ergriffen, das Spiel, das schon zu Ende und verloren schien, in die Verlängerung zu bringen. Deswegen wird er nicht vom Feld gehen, bis wirklich abgepfiffen ist. Schröder hat zwar unsportlich, aber erfolgreich operiert und Merkel nach allen Regeln der Kunst ausmanövriert: Inzwischen erscheint immer weniger er, sondern zunehmend seine Gegenspielerin den Wählern als egoistisch und machtversessen. Während der Kanzler den Eindruck vermittelte, sich im Interesse der Sache und des Landes notfalls auf die Tribüne zurückziehen zu wollen, beharrte die Kandidatin bis zuletzt darauf, Koalitionsverhandlungen mit den Sozialdemokraten erst zu beginnen, wenn diese sie zuvor als Kanzlerin akzeptieren. Die Position wird sich kaum durchhalten lassen. Will die Union bei den Wählern nicht ins Abseits geraten, muss sie die Bedingung fallen lassen und wie die SPD zumindest so tun, als ginge ihr das Land und die Sache über alles andere. Dann aber wird es gefährlich für Frau Merkel. Die Sozialdemokraten könnten die Verhandlungen geschickt hinziehen und die Schuld an den mangelnden Fortschritten der CDU-Chefin zuschieben. Die Programme und Kräfteverhältnisse zwischen beiden Seiten lassen am Ende ohnehin kein anderes Ergebnis erwarten als eine Art Agenda 2010 plus. Dazu aber, so wird die SPD argumentieren, passt Gerhard Schröder besser als Angela Merkel. Dem wird die Union – außer ihrem Argument: Mehrheit ist Mehrheit – beim Wähler wenig entgegenzusetzen haben. Und das Argument wird sich bis dahin arg abgewetzt haben. Die Deutschen werden in einigen Wochen nur noch wollen, dass sich die Streithähne endlich einigen und eine Regierung bilden. Und in der Union wird der Rückhalt für Angela Merkel weiter geschwunden sein. Dann kommt es entweder zu Neuwahlen oder so, wie es in solchen Fällen meistens kommt: Keiner von denen, die sich hoffnungslos ineinander verkrallt haben, wird es, sondern ein Dritter. Die Vorbereitungen dafür sind schon angelaufen.

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