Weblog Gründerraum: Tod durch Info-Stress

Weblog Gründerraum: Tod durch Info-Stress

Seit dem Wochenende sorgt ein Artikel in der New York Times für Aufregung: Demnach sei Bloggen lebensgefährlich. Nun muss Info-Stress nicht jeden gleich umbringen. Dcoh für viele wird er zum Problem: Die Konzentration sinkt, die Kreativität nimmt ab und wir vertuen viel Zeit.

In Aufregung versetzt hat die NYT der Tod von zwei Bloggern ("In Web World of 24/7 Stress, Writers Blog Till They Drop"). Und wie die New York Times besorgt feststellt, klagen auch längst andere über Blog-Nebenwirkungen: Gewichtsverlust, Schlaflosigkeit und Ermüdung.Und nun wird quer durchs Netz festgestellt: Beim Versuch, die Topmeldungen unbedingt zuerst zu präsentieren, steigern sich Blogger nicht selten in ein gefährliches Newsfieber hinein, beim medialen Rattenrennen im Internet:

Doch Info-Stress durch Internet, News, Mails, Twitter, Blogs, etc. ist dabei längst kein Problem von Bloggern allein, es trifft fast jeden.

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Legen Sie Ihren Blackberry abends neben das Bett? Gelingt es Ihnen nicht, eine SMS oder E-Mail zu ignorieren? Haben Sie schon mal den Vibrationsalarm Ihres Handys gespürt, obwohl Sie niemand anrief? Falls Sie zwei der drei Fragen mit Ja beantworten: Willkommen im Club! Wahrscheinlich sind Sie von Ihren technischen Helfern längst abhängiger, als Sie glauben. Zumindest sind Sie auf dem besten Weg, ein Kommunikationsjunkie zu werden. In mehreren großen Geschichten haben wir das Problem auch in der WirtschaftsWoche beleuchtet, zuletzt habe ich dazu mit dem Kollegen Christian Schlesiger eine Titelgeschichte geschrieben.

Das Problem: Wer Kommunikationstechnik nutzt, verändert sich ganz automatisch: Er passt seinen Lebensrhythmus den Geräten an und spürt kaum noch, dass er längst unkreativer, ineffizienter und langsamer arbeitet. Wer nicht aufpasst, beschwört seinen persönlichen Systemabsturz herauf — oder hat ihn bereits erlebt. Das elektronische Hamsterrad anzuhalten, sich dem Technik-Terror bewusst entgegenzustellen — das braucht Selbstdisziplin, die Fähigkeit zur Selbstreflexion und Rückgrat gegenüber dem Arbeitgeber. Nun ist "immer schneller" nicht automatisch auch besser. In den USA verplempern Angestellte 28 Milliarden Arbeitsstunden, weil sie sich ständig ablenken lassen. 588 Milliarden US-Dollar koste das pro Jahr, sagen Experten der Beratung Basex, die "Information Overload" zum "Problem des Jahres 2008" ausrief.

Die Folgen der informationellen Überlast können für den Einzelnen dramatisch sein. Stress, Konzentrationsmangel, Unruhe und Gereiztheit sind häufige Symptome.

Zuerst beantworten Mitarbeiter E-Mails nur im Büro, später erledigen sie das im Zug oder bereits vor dem Frühstück. Wurde das Firmenhandy früher ab 20 Uhr ausgestellt, bleibt es heute bis Mitternacht an, am Wochenende sowieso.

Der  amerikanische Psychotherapeut Edward Hallowell diagnostiziert zunehmend als neue  Managerkrankheit:das Attention Deficit Trait (ADT), eine Konzentrationsschwäche bei Kopfarbeitern. Im Gegensatz zum Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADD) ist ADT nicht genetisch bedingt, sondern Folge von Hektik. Wer zu vielen Informationen ausgesetzt ist und immer mehr Dinge erledigen will, kann sich irgendwann nicht mehr konzentrieren, wird aggressiv, rastlos und unproduktiv. Der frühere Harvard-Arzt Hallowell schätzt die Verbreitung von ADT bei Managern auf "bis zu 40 Prozent".

Studien zufolge lesen 60 Prozent der amerikanischen Besitzer von Blackberrys ihre Mails schon morgens im Bett, 37 Prozent während sie am Steuer sitzen. Zehn Prozent von ihnen haben das Gerät sogar nachts griffbereit und antworten auch noch um drei Uhr morgens auf die E-Mails.

"Wir leben in einem Standby-Modus", sagt der Psychologe Stephan Grünewald.

Viele haben ihre Abhängigkeit nur noch nicht erkannt: Wer seinen Posteingang häufiger überprüft als die Uhrzeit, beim Piepsen einer ankommenden Nachricht alles stehen und liegen lässt oder auf die Tastatur drückt, sobald der Bildschirmschoner den Blick "hinaus" in die virtuelle Welt versperrt, zeigt erste Anzeichen.

Selbst der Geschäftsführer des Blackberry-Erfinders RIM, Jim Balsillie, versucht nichts zu beschönigen: "Natürlich kann die ständige Verfügbarkeit süchtig machen", sagte er in einem Interview: "Es kommt eben auf die Dosierung an." Ein Glas Schnaps sei nicht unbedingt schädlich. Aber wer davon 20 Gläser vor der Arbeit trinkt, habe ein ernstes Problem.

Wer sich ständig unterbrechen lässt, lebt in einer Art Dauerstress. Aus einer Umfrage der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin geht hervor, dass Mitarbeiter die ständigen Störungen bei der Arbeit als besonders belastend empfinden: Mehr als die Hälfte der Befragten in den Büros beklagte den Konzentrationsterror durch dauernde Unterbrechungen.

Für die Kreativität sind dagegen Ruhephasen wichtig. Jeder braucht sie, um seine vielen Impulse zu klaren Gedanken und Analysen zu verknüpfen. Wenn wir in Deutschland täglich von zehn bis elf Uhr nicht kommunizieren würden, brächte das einen enormen "Innovationsschub", glaubt etwa Psychologe Pöppel.

Wie wenig Menschen dafür gemacht sind, über ein halbes Dutzend Kanäle gleichzeitig zu kommunizieren, zeigt auch die inzwischen oft zitierte Studie von Forschern des Londoner King’s College. Sie ließen zwei Versuchsgruppen dieselben Aufgaben erledigen. Die eine bekam parallel mehrere E-Mails zugesandt. Die andere Gruppe rauchte Joints vor der Arbeit. Siehe da: Die Kiffer erzielten bessere Ergebnisse als die Probanden, die gleichzeitig mit ihren E-Mails beschäftigt waren.

Inspiration von außen und Ruhe sind für solide Entscheidungen fundamental. "Das Gehirn", sagt Neurowissenschaftler Pöppel, "ist unglaublich konservativ." Es arbeite seit 100 000 Jahren immer nach gleichem Muster: Eine Entscheidung beruht auf neuronalen Verknüpfungen und abgespeicherten Erfahrungen. Damit Manager diese Erkenntnisse abrufen können, dürfen sie sich nicht ständig mit neuen Informationen aufladen. Die moderne Kommunikation verführe jedoch dazu, "zu schnell zu agieren" - und damit zu Oberflächlichkeit und Fehlentscheidungen.

Aber wir produzieren auch das Chaos. Jede E-Mail löst neue Nachrichten aus: Auf eine Anfrage folgen in der Regel Antwort, Bestätigung und Gegenbestätigung. Das sind allein drei Mails ohne einen großen Verteiler. Mit CC- oder BC-Funktion erhöht sich dieser Faktor gar um ein Viel- faches. Entsprechend fühlen sich die Nutzer von E-Mail-Diensten schnell als Opfer einer zunehmenden Datenlawine. Dabei sind sie selbst auch die Auslöser: Durch Unachtsamkeit müllen viele den Posteingang ihrer Kollegen zu und wundern sich später über die virtuellen Geister, die sie riefen.

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