Weblog "Jo's Jobwelt": Das Come to Jesus Meeting

Weblog "Jo's Jobwelt": Das Come to Jesus Meeting

Etymologisch kommt die "Kritik" vom altgriechischen krinein und bedeutet soviel wie unterscheiden oder trennen. Kurzum: Kritik ist die Kunst etwas oder jemanden nach einem begründetem Maßstab zu beurteilen und dabei einzelne Fakten auseinander zu halten und abzuwägen. Schöne Theorie. Die Praxis hingegen lehrt: Die Kunst ist ebenso schwer zu erlernen wie zu ertragen. Die meisten scheitern schon daran, in dem Konflikt eine nützliche Rückkopplung zu sehen, die vor weiteren Fehlern bewahren kann, weshalb sie viel Zeit damit verbringen, sich vor Schimpf und Schande zu schützen. Nur klappt das nicht immer. Im Job gibt es dafür seit kurzem einen neuen Begriff: das „Come to Jesus Meeting”. Gemeint ist damit ein Treffen – meist mit dem Chef, manchmal aber auch mit einem wichtigen Kunden – in dem Tacheles geredet wird. Und zwar so richtig: Der Chef liest seinen Leuten die Leviten, tadelt wiederholtes Fehlverhalten, stellt ein Ultimatum und droht mit personellen Konsequenzen. Der Kunde moniert schlechte oder fehlerhafte Leistungen, miesen Verhandlungsstil und warnt vor dem Abbruch der Geschäftsbeziehungen. Eine Straf- und Bußpredigt eben. Damit gewinnt man zwar keine Beliebtheitswettbewerbe, es hilft aber bisweilen Schlimmeres zu vermeiden. Was ja zum Namen passt: Der Legende nach hat er seinen Ursprung am Beginn des 19. Jahrhunderts in der Gegend von New Jersey, wo christliche Prediger in ihren Versammlungen den Leuten ihre Sündhaftigkeit und deren drastische Konsequenzen vor Augen führten – natürlich nicht ohne gleichzeitig zu erwähnen, dass jeder Vergebung empfangen kann, der umkehrt und sich zu Jesus bekennt. Voilà, das Come to Jesus Meeting war geboren. Natürlich gibt es noch eine andere denkbare Definition des Come-to-Jesus-Meeting: Sie kommen dem Donnerwetter zuvor und üben sich in Selbstkritik. Auch das ist eine Kunst – gekonnt inszeniert, führt sie in der Regel sogar zu größerem Respekt (vor dem Mut dem bewiesenen Rückgrat) und begrenzt den Schaden schon im Frühstadium. Oder wie es der Dichter Wilhelm Busch einst mit einem Augenzwinkern formulierte:

Die Selbstkritik hat viel für sich. Gesetzt den Fall, ich tadle mich; so hab' ich erstens den Gewinn, dass ich so hübsch bescheiden bin; zum zweiten denken sich die Leut, der Mann ist lauter Redlichkeit; auch schnapp' ich drittens diesen Bissen vorweg den andern Kritiküssen; und viertens hoff' ich außerdem auf Widerspruch, der mir genehm. So kommt es dann zuletzt heraus, dass ich ein ganz famoses Haus.

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