Weblog Schall und Rausch: Ottorino Respighi – Römische Trilogie (Antonio Pappano)

Weblog Schall und Rausch: Ottorino Respighi – Römische Trilogie (Antonio Pappano)

Es sind drei schmale Tondichtungen, jede zwischen 15 und 25 Minuten lang, auf denen sich der Weltruhm des italienischen Komponisten Ottorino Respighi (1879 – 1936) gründet: Römische Brunnen (1917), Römische Pinien (1924) und Römische Feste (1929).

Dabei geht es Respighi, anders als Strauss, Smetana oder Sibelius, die mit ihrer Musik zeitweise versuchten, Figuren zu typisieren und Landschaften national zu versinnbildlichen, nicht um sublimierte Meditationen, sondern um bildhaften, gleichsam fotografischen Realismus. Anders gesagt: Respighi war es in seinen viersätzigen Werken nicht um Wasser, Bäume und Freude zu tun, sondern um vier ganz bestimmte Borne in Rom, vier sehr spezielle Gewächse und vier namentlich bekannte Feste. Heraus gekommen ist eine springlebendige, gestochen scharfe Musik, die zwischen der von Rimski-Korsakov, Prokofiev und Debussy steht, die für jedes Orchester Herausforderung und Schaufenster zugleich ist.

Zum ersten „Römischen Brunnen“ führt uns Respighi im Morgengrauen ins Giulia-Tal, die Sonne geht langsam auf in dieser „Hirtenlandschaft“, „Schafherden ziehen vorüber und verlieren sich im frischfeuchten Dunst“…, entsprechend pastell trägt Respighi Harfe, Celesta, Triangel und hochfliegenden Violinen auf. Umso leuchtender strahlt der sprühende Triton-Brunnen danach als in der Morgensonne, umso majestätischer erhebt sich Neptun im Gleiß des Mittags aus dem Trevi-Brunnen, begleitet von feierlichem Blech - und umso wärmer wird’s einem während des Sonnenuntergangs am Brunnen der Villa Medici bei Glockenklang und Vogelgezwitscher ums Herz…

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Vielleicht besonders beeindruckend sind Respighi nach den temporeichen Klavierarpeggien, Harfenglissandi, Streicherkaskaden und gestopften Trompeten zum Auftakt die beiden Binnensätze der „Pinien von Rom“ gelungen; zunächst (Pinien in der Nähe der Katakomben) eine in Wehmut anhebende Hymne, die in ihrer Stimmung merkwürdig changiert zwischen Prozession und Trauermarsch, danach eine im Wortsinn „traumhafte“ Mondnacht, in der Klarinetten, Harfen, Celesta sanft die Pinienwipfel wiegen – bevor vom Band ein echtes (!) Nachtigallenkonzert ertönt und die Szene beendet. Ganz im Gegensatz dazu stehen die heidnischen und christlichen Tänze der „Römischen Feste“: rhythmusbetont, ostinat, jubelnd, wirbelnd, drängend, vorwärtsstrebend: mal feierlich, mal fröhlich, mal frenetisch – und immer spektakulär instrumentiert, inklusive Orgel, Klavier und Gitarre.

Wie bei anderen Musikspektakeln auch (z. B. Prokofievs „Romeo und Julia“ oder Stravinskys „Le Sacre du Printemps“) mangelt es nicht an guten Einspielungen von Respighis Römischer Trilogie. Lorin Maazel etwa hat schon vor drei Jahrzehnten in Cleveland und Pittsburgh Formel-1-Versionen hingelegt, die nichts von ihrer auftrumpfenden Gestik, ihrem blechbläsernen Schneid,  ihrem tumultuösen Wahnsinn verloren haben – ganz besonders beeindruckend sind ihm die vulgären Passagen in den „Römischen Festen“ gelungen. Wollte man der neuen Aufnahme mit Antonio Pappano am Pult des römischen „Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia“ überhaupt etwas vorwerfen, dann müsste man sagen, dass sie vielleicht eine Idee zu temperiert und kultiviert klingt. Aber dazu müsste man schon sehr bösartig sein. Denn nicht nur Maazel oder auch Muti und Reiner, auch Pappano kann es mächtig krachen lassen – mit dem Vorzug, dass Pappano bei alledem penibel darauf achtet, die Modernität Respighis herauszupräparieren, die darin besteht, die höchst filigranen „Rimski-Korsakov-Stimmen“ bei aller „Debussy-Flächigkeit“ durchhörbar zu machen. Das verleiht einerseits den langsamen (und langsam gestalteten) Sätzen eine unheimliche, nie brütende Atmosphäre, andererseits den zackigen Sätzen eine ohren-enttäubende Klarheit, die „musikalisch“ zu überzeugen versteht, nicht spektakulär zu überwältigen sucht. Großes Kino also in  hochauflösendem Digitalformat, generös verpackt, mit „Der Sonnenuntergang“ als Beigabe, einem bezaubernden Viertelstünder Respighis für Singstimme und Orchester. (EMI)

Wertung (maximal fünf Sterne): * * * *

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