Zertifikate gegen Münzen: Gold-Investment im Selbstversuch

Zertifikate gegen Münzen: Gold-Investment im Selbstversuch

von Anton Riedl

Schon seltsam: Banken bieten Hunderte Gold-Zertifikate an – Papiere für alle, die Papierwährungen nicht trauen. WirtschaftsWoche-Redakteur Anton Riedl hat zwei Monate mitgespielt. Wie Banken dagegenhielten, was er erlebte und durchlitt.

Zertifikate und Gold? Passt eigentlich nicht zusammen. Wer Gold will, will etwas in den Händen haben. Gold bietet Schutz vor Inflation und beruhigt die Nerven in turbulenten Zeiten. Es ist letzte Reserve, wenn das Vertrauen in gedrucktes Geld schwindet, wenn Notenbanken der Wert ihrer Währungen zu entgleiten droht. Zertifikate sind das totale Gegenteil. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, nach der Pleite der US-Bank Lehman Brothers, waren deren Zertifikate nur noch Altpapier. Darf ich überhaupt noch Zertifikate kaufen?

„Durchaus“, sagt der Banker meines Vertrauens, „wenn Sie keine Angst vor Anleihen haben.“ Zertifikate sind wie Anleihen Inhaberschuldverschreibungen, abhängig davon, dass der Emittent nicht pleitegeht. Hinter Anleihen stehen Staaten und Unternehmen, hinter Zertifikaten Geldhäuser; etwa die Deutsche Bank oder die – staatlich gestützte – Commerzbank oder die französische BNP Paribas. Ein wichtiger Unterschied zwischen Anleihen und Zertifikaten ist ihr Auszahlungsmodus. Für Anleihen gibt es einmal im Jahr Zinsen in Höhe des Kupons und zur Fälligkeit den Nennwert zurück; bei Zertifikaten hängen Rendite und Rückzahlung hingegen davon ab, wie sich der jeweilige Basiswert entwickelt. Das ist die Kurskurve, auf die das Zertifikat zugeschnitten ist; etwa der Aktienindex Dax, der Euro gegen Dollar oder eben der Goldpreis.

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Läuft der Basiswert wie erwartet, können Zertifikate durchaus gute Renditen einfahren. Mehr noch: Mithilfe von Absicherungen, Kurspuffern, Hebeln und anderen Finessen kann das Anlageergebnis unterm Strich sogar besser ausfallen, als das des Basiswerts selbst.

Volles Programm für zehn Unzen

Also, auf in den Alltagstest: Im November wandern Zertifikate auf den Goldpreis und eine Rolle Krügerrand-Münzen ins (virtuelle) Depot – und werden eisern gehalten, durch Dubai-Schock und Euro-Krise.

25. November 2009: Die Unze Gold kostet 1185 Dollar, so viel wie noch nie. Edelmetallfonds sollen zu wenig echtes Gold gebunkert haben, heißt es an der Börse. Fein, wenn die nachkaufen, treibt das den Goldpreis. Notenbanken sind beunruhigt über den Verfall des Dollar. Erstmals seit eineinhalb Jahren steht der Euro wieder über 1,50. Gold steigt, wenn der Dollar fällt: Investoren betrachten Gold als Sicherungsgeschäft gegen die Dollar-Schwäche.

5000 verschiedene Zertifikate auf den Goldpreis gibt es. Ich gebe mir die volle Ladung: Ein „Bonus-Cap-Quanto“ mit gut zwei Jahren Restlaufzeit, Wertpapierkennnummer DB4CMG. „Quanto“ steht für Währungssicherung – wenn der Dollar gegenüber dem Euro fällt, kann mich das kaltlassen. Sonst wäre ein fallender Dollar für mich ein Problem: Gold in Dollar steigt, Dollar fällt, Gold in Euro bleibt konstant – so ein Nullsummenspiel soll das Papier ausschalten. Hinzu kommt der Bonusmechanismus. Er sichert mir zumindest 100 Euro Rückzahlung – gut 20 Euro weniger als der Kaufpreis des Zertifikats – wenn der Goldpreis in den nächsten zwei Jahren nicht auf 461,88 Dollar oder tiefer rutscht. Emittentin dieses finanzmathematischen Wunderwerks ist die Deutsche Bank. Deren Prämien für Kreditversicherungen liegen bei unter einem Prozent; geht in Ordnung – in absehbarer Zeit rechnet der Markt nicht mit einer Pleite.

Vier Sekunden für einen Deal

Ich will Zertifikate im Gegenwert von zehn Unzen Gold. Zum aktuellen Dollarkurs von 1,51 Dollar pro Euro und beim aktuellen Goldpreis von 1185 Dollar repräsentiert jedes Zertifikat 0,1633 Unzen Gold. Für zehn Unzen ordere ich über eine Online-Bank genau 61 Zertifikate.

Sekundenbruchteile später blinkt im Handelsraum der Deutschen Bank in der Gallusstraße 10–14 in Frankfurt ein Monitor. Vor ihm sitzt Michael Blumenroth. Der Rohstoffhändler weiß jetzt, dass jemand ein Zertifikat kaufen will. Im Handelszentrum sitzen an die 200 Banker wie die Käfighühner auf zwei Etagen vor engen Monitor-Reihen – Händler, Steuerfachleute, Mathematiker, Verkäufer, Marketing, Öffentlichkeitsarbeit. Etwa ein Fünftel der Mitarbeiter ist für Zertifikate zuständig. 60 000 verschiedene Zertifikate hat die Deutsche Bank im Angebot, darunter 27 Anlagepapiere und 414 Optionsscheine auf den Goldpreis.

Meine Online-Bank hat einen direkten Draht zum Handelssystem der Deutschen Bank. Zunächst erfragt sie den Preis für Gold-Zertifikat DB4CMG. Jede Anfrage taucht auf dem Bildschirm oben als neue Zeile auf. Eingreifen muss Blumenroth nicht, eine kleine Order über einige Tausend Euro läuft automatisch durch. Je nach Marktlage müssen die Händler erst ab Aufträgen von 10.000 Zertifikaten und mehr ihr Okay geben.

Vier Sekunden lang bietet das Handelssystem einen festen Preis an. Wird der akzeptiert, geht das Geschäft über die Bühne: Dann fließt der Kaufpreis von der Online-Bank über das Abwicklungssystem Clearstream der Deutschen Börse zur Deutschen Bank; im Gegenzug werden die Zertifikate ins Kundendepot der Online-Bank gebucht.

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