Zum 100. Geburtstag des Dirigenten: Karajan: Welche Jubiläumsausgaben sich lohnen

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Kolumne

Am 5. April hätte Herbert von Karajan seinen 100. Geburtstag feiern können. Aus Anlass dieses Jubiläums haben die Musikkonzerne eine Reihe von CD-Boxen, Neuauflagen und Kompilationen und auf den Markt gebracht. Welche Angebote lohnen - und welche nicht?

Den besten Fang machen Einsteiger in die Klassik- und Karajan-Welt ganz sicher mit der „Opera-and-Vocal"-Megabox der EMI: Die 72 CDs sind nicht nur zum sagenhaft günstigen Preis von rund 100 Euro zu erwerben; sie bergen auch ein knappes Dutzend hervorragender und eine Handvoll unvergänglicher „Jahrhundert-Aufnahmen", vor allem aus Karajans künstlerisch ertragreicher Frühzeit, in der er so erheblich von der Zusammenarbeit mit dem legendären Produzenten Walter Legge profitierte. Mozarts „Zauberflöte" (1950), „Cosi fan tutte" (1954) und vor allem „Le nozze die figaro" (1950) - mit Irmgard Seefried (Susanna), Elisabeth Schwarzkopf (Gräfin) und Sena Jurinac (Cherubino) - behaupten auch sechs Jahrzehnte und viele Interpretationsansätze später einen Spitzenplatz im Katalog. Unter den zahlreichen Wagner-Aufnahmen ragen die beiden „Meistersinger" (1951 / 1970) heraus, die eine in Bayreuth aufgenommen, die mit der Staatskapelle Dresden und einem beeindruckend ungestümen René Kollo als Walther von Stortzing. Überraschend Verdis glühender „Don Carlos" (1978), den Karajan mit den Berliner Philharmonikern mit José Carreras und Agnes Baltsa als Eboli einspielte – eine Aufnahme, die sicher mehr Beachtung verdient hätte - ganz im Gegensatz zu den hier versammelten Klassikern mit Referenz-Status: Johann Strauss’ „Fledermaus" (1955), Richard Strauss’ „Ariadne auf Naxos" (1954) und „Rosenkavalier" (1956), Giuseppe Verdis „Falstaff" (1956) und „Il Trovatore" (1956) sowie (eine später für Decca vielleicht noch getoppte Aufnahme von) Giacomo Puccinis „Madame Butterfly" (1955) und Gaetamo Donizettis „Lucia di Lammermoor" (1955) mit Maria Callas in den Hauptrollen. Kurzum: Diese Box ist – von Bach, Beethoven und Brahms sowie einer jeder Logik entbehrenden Verteilung der Aufnahmen auf die 72 CDs abgesehen – ein großartiges Schnäppchen, zumal auch die Libretti - auf CD – verfügbar sind.

Eindeutig nur für Fortgeschrittene ist die zweite „Complete-EMI-Recordings"-Box mit Orchestermusik (88 CDs für 120 Euro), die Karajan in den 50ern vornehmlich mit dem Philharmonia-Orchestra einspielte. Wieviel Karajan Toscanini verdankte, wird vor allem in seinem kantigen Beethoven-Zyklus deutlich; auch sein Sibelius, Debussy und Strauss ist meisterlich unvertüftelt. Was die Box eindrucksvoll dokumentiert: Karajans Vielseitigkeit; selbst für britische Musik konnte er sich in seinen frühen Jahren begeistern.

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Ganz entzückend übrigens eine Neuentdeckung als Solo-CD: Prokofievs „Peter und der Wolf" mit einer 19-Jährigen Romy Schneider als (nur scheinbar) kindlichen Erzählerin.

(Nähere Informationen zu den EMI-Aufnahmen im Internet)

Unter dem dach von Universal Classics hat sich die Deutsche Grammophon im Gegensatz zur EMI nicht zu einer breiten Gesamtschau veranlasst gesehen. Weil einige Aufnahmen nach wie vor zum vollen Preis verkauft werden sollen, sind die Boxen merkwürdig unentschlossen ausgefallen: Die „Master-Recordings"-Box etwa verteilt sich auf zehn CDs – und reicht einerseits von zwei Klassikern der Plattengeschichte - Ravel- und Debussy / Tschaikowskys erstes Klavierkonzert mit Sviatoslav Richter – über jeweils zwei ordentliche Beethoven- und Brahms-Sinfonien - bis hin zu Schuberts späten Sinfonien und Mozarts Requiem, zu denen einem beim Hörern gleich reihenweise bessere Alternativen einfallen. Systematischer hat es die Decca (ebenfalls Universal Classics) angehen lassen, ein Label das Karajan zur Dokumentation seiner Zusammenarbeit mit den Wiener Philharmonikern in den frühen 60er Jahren gewann. Das Spektrum der auf neun CDs verteilten Aufnahmen reicht von Haydn bis Holst und beschert einem reichlich angenehme Stunden. „Legendär" aber, wie die Verkäufer der Decca behaupten, sind diese Einspielungen nun auch wieder nicht.

Auch die drei CDs umfassende Biografie CD „Karajan - Mensch und Mythos" mit gesprochenen Ausschnitten aus Richard Osbornes klassischer Karajan-Biografie (gesprochen von Joachim Krol) sowie die beiden CDs der Kompilation „Karajan Gold" dienen nur als Appetithäppchen, die den Konsumenten zum Kauf der Original-CDs ermuntern sollen; die Biografie-Box immerhin ist eine feine, in Teilen sehr gut gelungene Idee, die ungeheure Faszinationskraft Karajans verstehbar zu machen, die sich Einsteigern und Nachgeborenen heute, da man Karajans Aura nicht mehr live erleben kann, nur noch schwer vermitteln lässt. Am besten aber lässt sich man sich auf das Testament Karajans ein, indem man seine besten Aufnahmen erwirbt; dabei ist schließlich was für (fast) jeden Geschmack. Das Schöne dabei: Die meisten seiner besten Aufnahmen sind heute zum Mid-Price zu erwerben, darunter (in alphabetischer Reihenfolge der Komponisten):

Bruckner; Sinfonie 8 (mit Wiener Philharmonikern) Bruckner; Sinfonie 9 (mit Berliner Philharmonikern) Debussy, Ravel ; La Mer, Daphnis & Chloe (Aufnahmen von 1965) Haydn; Die Schöpfung (mit Fritz Wunderlich, Christa Ludwig) Honegger; Sinfonie 3 (1969) Leoncavallo; Pagliacci (mit Carlo Bergonzi) Mahler; Sinfonie 9, Kindertotenlieder, Rückertlieder (1974/79 mit Christa Ludwig) Mascagni; Cavalleria Rusticana (mit Carlo Bergonzi) Puccini; Madame Butterfly (Decca 1974) Sibelius; Sinfonien 4 – 7 (Aufnahmen von 1965) R. Strauss; Vier letzte Lieder (mit Gundula Janowitz) Verdi; Requiem (mit Mirella Freni und Christa Ludwig) Den vollen Preis muss man nur für vier weitere Klassiker berappen: R. Strauss; Alpensinfonie (Karajan Gold) R. Strauss, Ein Heldenleben (Karajan Gold) R. Strauss, Metamorphosen Holst, Die Planeten (Karajan Gold)

(Nähere Informationen zu den Universal-Aufnahmen im Internet)

Alsdann: Viel Spaß beim Einkauf – und beim Hören!

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