Asiens Energiehunger: Der Sonne entgegen

Asiens Energiehunger: Der Sonne entgegen

, aktualisiert 19. Juni 2016, 15:51 Uhr
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Deutschlands Solarboom strahlt bis Afrika und hilft so dem dortigen Mittelstand, der ohne kleinteilige Lösungen nie Strom bekäme.

von Urs Wälterlin, Mathias Brüggmann und Sandra LouvenQuelle:Handelsblatt Online

Deutschlands Solarboom strahlt bis nach Afrika – und hilft so dem dortigen Mittelstand, der sonst nur schwer Strom bekäme. Vom Energiehunger der Schwellenländer profitieren vor allem kleine Firmen mit kreativen Ideen.

Berlin, Madrid, VientianeWer zu Thomas Gottschalk will, muss auf den Zahnarztstuhl. Doch schmerzhaft wird es nicht. Der gebürtige Ostberliner empfängt die Gäste seines Start-ups Mobisol in Berlin-Kreuzberg auf einem alten Zahnarztstuhl. Seine Firma expandiert. Sie hat bereits in Ägypten Solarthermie-Projekte umgesetzt und ist in 18 Monaten mit einem Solarstromauto um die Welt gefahren. Jetzt rollt Mobisol den Solarstrommarkt in Afrika auf. Zuletzt wurde das Unternehmen aus der deutschen Hauptstadt von Uno-Generalsekretär Ban Ki-Moon am Rande des Weltklimagipfels in Paris ausgezeichnet. Die Berliner profitieren vom Energiehunger in Afrika - über kleine Solarlösungen, die sie dort verkaufen.

2012 startete Mobisol in Tansania, dann in Ruanda, und bald folgen Kenia, Nigeria und sogar Indien: Die Firma montiert ihren Kunden kleine Photovoltaikmodule auf die Hausdächer und liefert dazu gleich Lampen, Fernseher, Bügeleisen und Handy-Ladestationen mit, die dann über die Sonnenenergie laufen. Ein wenig sehen die in Kreuzberg per 3D-Drucker entwickelten Prototypen wegen des orangefarbenen Plastiks aus wie Stasi-Abhörtechnik. "Die Farbe soll an die Sonne erinnern", erklärt Gottschalk.

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Bezahlt wird monatlich. Die Mikrofinanzierung über 36 Monate, abgerechnet über "Smart Money" per Handy, liefert Mobisol gleich mit. 21 Dollar monatlich werden für die Solartechnik fällig. Doch mit der Solarladestation für Mobiltelefone können Mobisol-Kunden am Tag drei Dollar als Kleinunternehmer einnehmen. Und mit dem Sonnenstrom sparen sie einen halben Liter Kerosin, den drei Lampen sonst fressen. Immerhin fast 50 Cent täglich. "Ich war jung und naiv und hatte genug Energie, solch ein Projekt umzusetzen", erzählt der 1982 noch in der DDR geborene heutige Unternehmer Gottschalk.

Und er steht mit solchen Wachstumsideen auf dem Markt für erneuerbare Energien in aller Welt keineswegs allein da. Mobisol und andere deutsche Unternehmen wachsen der Sonne entgegen mit innovativen Ideen. 8.392 Kilometer Luftlinie von Berlin entfernt, in Vientiane, entsteht Ähnliches: Andy Schroeter sitzt hier an seinem Bürotisch - und Prinz Charles blickt ihm dabei von einem Porträtfoto über die Schulter. "Wir haben jede Menge Prominenter, die uns unterstützen", sagt Schroeter, Gründer und Chef der Firma Sunlabob in der Hauptstadt von Laos. Zwischen den Prominentenfotos sind Zertifikate im Goldrahmen - vom Deutschen Solarpreis über Auszeichnungen von Weltbank, dem Weltwirtschaftsforum und den Vereinten Nationen.

35 Mitarbeiter sind für Schroeter, der seit 1995 in Laos lebt, inzwischen in 30 Ländern tätig. Wie Mobisol liefert er netzunabhängige Stromversorgung. Kunden können gegen Gebühr Leihlampen an den von Sunlabob gebauten Stationen aufladen und so Kerosin, Geld und Kohlendioxid-Emissionen einsparen. Inzwischen bietet das Unternehmen aus Laos auch Wasserfilteranlagen, Wasserverteilsysteme und Abwasserreinigung an.


Deutschlands Solarboom strahl bis Afrika

Aber es sind nicht nur Produktinnovationen und Kundennähe, die deutsche Unternehmen in Standorten vermeintlich am Ende der Welt wachsen lassen. Es ist auch eine Art Binnen-Globalisierung: "Unsere gesamte Verwaltung steckt in einer 'Cloud'", sagt Schroeter und ergänzt: "Unser Finanzchef sitzt in Großbritannien", andere Mitarbeiter in Rangun und wieder andere in Kampala und Kabul. "Trotzdem arbeiten wir alle am selben Projekt."

Ein weiterer Punkt eint die Firmen in Laos und Berlin: die engen Bande ihres Geschäfts zur Entwicklungszusammenarbeit. Schroeter kommt aus der Entwicklungshilfe, war früher bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Mobisol bekam erstes Geld von der KfW-Förderbanktochter Deutsche Entwicklungsgesellschaft, die Kredite nun in Firmenanteile getauscht hat. Vorteil der DEG-Gelder, so ein Firmensprecher, sei gewesen, "dass wir ein Jahr lang Markteinführungsstudien machen konnten. Start-up-Finanzierer wollen viel schneller Gewinne sehen".

Inzwischen ist bei den Berlinern, die im vergangenen Jahr 20 Millionen Euro Umsatz machten, in einer neuen Finanzierungsrunde auch das Essential Capital Consortium, ein von der Deutsche Bank Global Social Finance Group gemanagter Fonds, eingestiegen. "Vielleicht gehen wir Ende des Jahrzehnts sogar an die Börse", erzählt der mit grauem Pullover und Jeans gekleidete und natürlich bärtige Gottschalk selbstbewusst.

Beide Firmen sind auch Kinder der deutschen Energiewende: "Vor zehn Jahren wäre Solartechnik für Afrika noch zu teuer gewesen", heißt es bei den Berlinern, die im Obergeschoss ihrer Büroetagen neben Sauna und obligatorischem Kickertisch eine Hängematte zum Entspannen aufgehängt haben.

Deutschlands Solarboom strahlt nun also bis Afrika und hilft so dem dortigen Mittelstand, der ohne kleinteilige Lösungen nie Strom bekäme. Denn die großen Elektrizitätsversorger des Landes sind keine Wettbewerber. "Unser größter Konkurrent ist nur, dass es ansonsten keinen Strom gibt", meint Gottschalk. Die Versorger würden zu vielen Kunden keine Leitungen bauen bei Kosten von mehreren Tausend Dollar pro Anschluss. Da sind lokale Solaranlagen die Lösung. 600 Millionen Menschen leben auf der Welt ohne Strom.

Dies bietet nicht nur kleinen deutschen Firmen riesige Möglichkeiten. In Marokko etwa profitiert Siemens vom Projekt der Regierung in Rabat, bis zum Jahr 2030 insgesamt 52 Prozent der Energie aus erneuerbaren Quellen zu generieren. Marokko musste in der Vergangenheit fast die gesamte Energie importieren - und entschied sich deshalb, unter anderem die günstigen Bedingungen für Solar- und Windstrom für eine eigene Produktion zu nutzen. In der Sahara errichtet das nordafrikanische Land einen der größten Solarparks der Welt.


Erscheint eine Idee nicht absurd, taugt sie nichts

Den Windpark Tarfaya im Süden des Landes hat Siemens voriges Jahr in Betrieb genommen. Im März entschieden die Münchener zudem, in der Nähe von Tanger im Norden Marokkos eine Fabrik zu bauen, um Rotorblätter für Windkraftanlagen herzustellen. Bis zu 700 Arbeitsplätze werden auf dem neuen Gelände entstehen, das fünf Fußballfelder umfassen soll und 30 Kilometer vom Tiefseehafen Tanger Med gelegen ist.

Slim Kchouk, Marokko-Chef von Siemens und Präsident der deutsch-marokkanischen Außenhandelskammer, lobt die Industriepolitik von König Mohammed VI. "Er legt Wachstumsziele fest und fragt dann die Investoren, was sie dafür benötigen", sagt der Siemens-Manager. Das Pro für Investoren: eine vergleichsweise stabile politische Lage, der Tiefseehafen in Tanger - der Stadt, die gerade einmal 14 Kilometer Luftlinie von Europa entfernt ist - und eine Freihandelszone, die bereits Autohersteller wie Renault angezogen hat.

Die Vorreiter in Sachen Solar können Motor für weitere Firmen sein. So wollten die Mobisol-Kunden von der Firma neben Sonnenstrom nun auch Versicherungen und Mikrofinanzangebote. Denn der Mittelstand in Afrika wachse. Mobisol sei deshalb bereits mit internationalen Assekuranzkonzernen im Gespräch, sagt Manager Thomas Duveau. "Ein erster Kunde wollte neulich sogar von uns eine Urkunde, dass er eine Solaranlage bei uns gekauft und voll abbezahlt hat - als Beweis für seine Kreditwürdigkeit bei der Bank", so Duveau.

"Wenn eine Idee nicht erst absurd erscheint, taugt sie nichts", prangt als Spruch über dem Eingang zu Mobisol. Wie sehr das Geschäftsmodell deutscher Nischenanbieter auf den globalen Wachstumsmärkten heute taugt, beweist der Kundenzuwachs in den zwei Stunden Besuch in Kreuzberg: 48.885 zeigte der Kundenzähler am Eingang beim Betreten, 49.012 beim Verlassen der Firma.

Hoffnungsträger, Absatzchance und Wettbewerber: In einer Serie widmet sich das Handelsblatt den globalen Wachstumsmärkten. Jeden zweiten Mittwoch untersuchen die Autoren, wie sich die Kraftzentren verschieben und was die Entwicklung für deutsche Unternehmen bedeutet.

Quelle:  Handelsblatt Online
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