Asiens selbstverliebte Fotografen: Das letzte Selfie

Asiens selbstverliebte Fotografen: Das letzte Selfie

, aktualisiert 26. Dezember 2016, 16:49 Uhr
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Ob wie hier auf Klippen, an Flughäfen oder auf hohen Gebäuden – immer mehr Menschen in Asien segnen das Zeitliche, während sie sich selbst auf den Fotos verewigen wollen.

von Frederic SpohrQuelle:Handelsblatt Online

In Asien steigt die Zahl der Selfie-Toten weiter an. Die Behörden ergreifen immer mehr Vorsichtsmaßnahmen – auch eine App soll die Sicherheit erhöhen. Eine Weltgeschichte.

Der Befehl kommt von ganz oben: Kurz vor der Hauptsaison in Thailand hat Umweltminister Surasak Kanchanarat seinen Landsleuten sowie Touristen ein Selfie-Verbot auf hohen Meeresklippen und Steilhängen in Nationalparks erteilt. Seine Beamten wies er an, unverzüglich Verbotsschilder an gefährlichen Stellen zu aufzustellen.

Auch auf der Ferieninsel Phuket ist man alarmiert. Dort donnern kontinuierlich Passagiermaschinen direkt über einen Strand in Richtung Landebahn. Viele machten sich einen Spaß daraus, sich mit den landenden Flugzeugen im Hintergrund zu fotografieren. Doch mittlerweile befürchten die Betreiber, dass Schaulustigen von den Turbinen angesengt werden könnten – auch hier ist jetzt Schluss mit den Foto-Sessions.

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Thailand folgt damit Indien und anderen asiatischen Ländern, die mit Verboten und Regeln gegen die wachsende Zahl von Selfie-Toten ankämpfen. Für eine diesen Herbst veröffentlichte Studie haben Wissenschaftler der Carnegie Mellon University in Pittsburgh und dem Indraprastha Institute of Information in Delhi weltweit 127 Tote in den vergangenen zwei Jahren gezählt. Als besonders gefährlich identifizierten die Forscher Klippen und Gewässer. Die meisten der Opfer sind Asiaten, die Hälfte aller Unglücke passierte in Indien.

Dass glücklicherweise bisher noch kein Thailänder wegen eines Selfies sein Leben verlor, verwundert mich. Denn die Thais sind verrückt nach Selfies: Es gibt ganze Themen-Parks, die nur darauf ausgelegt sind, sich beispielsweise mit riesigen Erdbeeren im Hintergrund zu fotografieren. Selfies vor schicken Autos oder berühmten Urlaubszielen gehören zum guten Stil: Wenn man in ein teures Restaurant essen geht, macht man schon gerne mal ein Foto von sich samt Menü.


Selfie-Fotografen leiden oft an psychischen Störungen und Einsamkeit

Schummeln geht aber auch nicht: Eine bekannte thailändische Stewardess der Fluglinie Emirates erntete einen veritablen Shitstorm, weil sie sich mit Hilfe von Photoshop in extravagante Landschaften beamte. Der Fall erregte aber auch deswegen so viel Aufsehen, weil die Bilder lächerlich schlecht gefaked waren.

Angesicht der verzweifelten Jagd nach dem perfekten Selfie warnten thailändische Behörden bereits, die auf Selfie fixierte Jugend könnte das Land gegen die Wand fahren. Ein thailändisches Forscherteam des Nationalen Entwicklungsinstituts diagnostizierte bei ambitionierten Selfie-Fotografen ein höheres Risiko für psychische Störungen und Einsamkeit. Die Jugendlichen würden ihr Selbstvertrauen von Likes bei Selfies abhängig machen.

Mittlerweile wird allerdings nicht nur mit Verboten daran gearbeitet, die Zahl der Selfie-Opfer zu reduzieren. Das indisch-amerikanische Forscherteam zählte nicht nur die Unfälle, sondern entwickelt derzeit auch eine App, die Nutzer vor besonders gefährlichen Fotos warnen soll. Bis Mitte Januar soll sie fertig sein. Ganz beenden wird das die tragischen Unglücke jedoch nicht, sagen auch die Wissenschaftler: Dafür müsste man wohl eine App gegen Dummheit entwickeln.

Quelle:  Handelsblatt Online
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