Attentat von Ansbach: Unbekannter soll Attentäter direkt beeinflusst haben

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Attentat von Ansbach: Unbekannter soll Attentäter direkt beeinflusst haben

, aktualisiert 27. Juli 2016, 17:14 Uhr
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Absperrband hängt in Ansbach (Bayern) rund um den Tatort.

Der Selbstmordattentäter von Ansbach wurde kurz vor der Tat von einem Unbekanntem direkt beeinflusst, sagt Bayerns Innenminister Joachim Herrmann. Zudem wies ein Gutachter auf die Gefahr eines „spektakulären“ Suizids hin.

Nach dem Bombenanschlag in Ansbach haben die Ermittler Hinweise darauf entdeckt, dass der Attentäter von einer unbekannten Person in einem Chat direkt beeinflusst wurde. „Es hat offensichtlich einen unmittelbaren Kontakt mit jemandem gegeben, der maßgeblich auf dieses Attentatsgeschehen Einfluss genommen hat“, sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) am Mittwoch am Rande einer Kabinettsklausur am Tegernsee

Ob es sich dabei um einen Kontakt zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gehandelt haben könnte handelte, konnte Herrmann nicht sagen, dies sei Gegenstand der Ermittlungen. Man wisse auch noch nicht, wo sich der Chat-Partner des Mannes aufgehalten habe.

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Bei der Auswertung der Handys des Täters seien die Ermittler auf diesen „intensiven Chat“ gestoßen, berichtete Herrmann und fügte hinzu: „Der Chat endet unmittelbar wohl vor dem Attentat.“ Herrmann sagte, man wisse noch nicht, wie lange der Chat-Kontakt bereits bestanden habe - ob das Wochen oder Monate zurückreiche oder gar noch länger.

Definitionen und Zusammenhänge

  • Amok

    In Asien nannte man sie „amucos“ - Krieger, die den Feind ohne Angst vor dem Tod angreifen und vernichten. Heute beschreibt der Begriff in der Regel blindwütige Aggressionen – mit und ohne Todesopfer. Die meisten Amokläufer sind männlich und eigentlich unauffällig, in vielen Fällen ledig oder geschieden. Neben psychisch kranken Tätern gibt es auch Amokläufer, die aus banalen Gründen plötzlich ausrasten. Angst, Demütigung oder Eifersucht haben sich oft lange aufgestaut, bevor es zur Katastrophe kommt. Teils werden Taten auch im Kopf durchgespielt. „Amok“ kommt aus dem Malaiischen und bedeutet „wütend“ oder „rasend“.

  • Attentat

    Attentate sind politisch oder ideologisch motivierte Anschläge auf das Leben eines Menschen, meistens auf im öffentlichen Leben stehende Persönlichkeiten. Der Ausdruck „Attentäter“ wiederum wird auch für Menschen verwendet, die einen Anschlag auf mehrere Menschen begehen. Terroristische Attentäter zielen etwa auf Angehörige eines ihnen verhassten Systems oder einer Religion ab. Mit Anschlägen auf öffentlichen Plätzen, in Verkehrsmitteln oder auf Feste versuchen sie, in der Bevölkerung Angst und Schrecken zu verbreiten. Der Begriff „Attentat“ leitet sich vom lateinischen attentare (versuchen) im Sinne eines versuchten Verbrechens ab.

  • Terrorismus

    Terrorismus ist politisch motivierte, systematisch geplante Gewalt, die sich gegen den gesellschaftlichen Status quo richtet und auf politische, religiöse oder ideologische Veränderung ausgerichtet ist. Dass Terroristen töten und zerstören, ist Mittel zum Zweck. Sie wollen vor allem Verunsicherung in die Gesellschaft tragen. Terrorakte richten sich oft gegen die Zivilbevölkerung oder symbolträchtige Ziele.

  • Terror

    Terror geht auf das lateinische Wort „terrere“ zurück, was „erschrecken“ oder „einschüchtern“ bedeutet. Terror und Terrorismus werden oft gleichbedeutend verwendet. Im Unterschied zum Terrorismus bezeichnet der Begriff „Terror“ aber eher das Machtinstrumentarium eines Staates. Der „Terror von oben“ steht für eine Schreckensherrschaft, die willkürlich und systematisch Gewalt ausübt, um Bürger und oppositionelle Gruppen einzuschüchtern. Auch in die Umgangssprache hat der Begriff Eingang gefunden - etwa für extreme Belästigung, zum Beispiel Telefonterror.

Fraglich sei auch, ob der Täter die Bombe wirklich in diesem Moment am Sonntagabend zünden wollte. Das prüfen die Ermittler. „Es gibt aufgrund der ganzen Zeugenaussagen des Geschehens und übrigens auch des Chat-Verlaufs in der Tat Fragen, ob das in dem Moment jedenfalls von ihm beabsichtigt war, in dieser Minute die Bombe zu zünden“, sagte Herrmann.

IS behauptet, der Attentäter sei ein jahrelanges Mitglied gewesen

Der Attentäter war nach Angaben des Islamischen Staates (IS) schon seit mehreren Jahren Mitglied des Terrornetzwerkes. In der aktuellen Ausgabe eines wöchentlichen Rundschreibens veröffentlichte der IS einen Nachruf und den mutmaßlichen Lebenslauf des Syrers.

Die aktuelle Ausgabe wurde am Mittwoch in verschiedenen Netzwerken im Internet verbreitet, über die üblicherweise die Propaganda des IS geteilt wird. Die Echtheit der Angaben konnte zunächst nicht verifiziert werden.

Chronik: Aufsehenerregende Anschläge in Deutschland

  • Juli 2016

    Mit Axt und Messer bewaffnet geht ein 17-jähriger Flüchtling aus Afghanistan in einer Regionalbahn bei Würzburg auf Fahrgäste los. Fünf Menschen werden verletzt, einige von ihnen lebensgefährlich. Polizisten erschießen den Attentäter, der sich in einem Video als Kämpfer der Terrormiliz IS bezeichnete.

    Wenige Tage später sprengt sich ein 27-jähriger syrischer Flüchtling vor einem Musik-Festival in Ansbach mit einem Rucksack in die Luft. Er stirbt, 15 weitere Menschen werden verletzt. Auf einem Handy des Mannes gebe es eine Anschlagsdrohung als Video, sagt der bayerische Innenminister Joachim Herrmann. Der Täter kündige einen Racheakt gegen Deutsche an als Vergeltung, weil sie Muslime umbrächten.

  • April 2016

    Nach einer indischen Hochzeit verüben zwei junge mutmaßliche Salafisten aus Gelsenkirchen einen Bombenanschlag auf ein Gebetshaus der Sikhs in Essen. Drei Menschen werden verletzt. Die Ermittler gehen davon aus, dass es sich um einen gezielten Angriff mit terroristischem Hintergrund handelte.

  • Februar 2016

    Bei einer Kontrolle am Hauptbahnhof Hannover verletzt eine 15 Jahre alte Deutsch-Marokkanerin einen Bundespolizisten lebensgefährlich mit einem Messer. Nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft war die Attacke eine „Märtyreroperation“ für die Terrororganisation Islamischer Staat (IS).

  • März 2011

    Ein junger Kosovo-Albaner erschießt auf dem Flughafen Frankfurt/Main zwei US-Soldaten und verletzt zwei weitere schwer. Der Mann gilt als extremistischer Einzeltäter. 2012 wird er zu lebenslanger Haft verurteilt.

Wie in dem Nachruf steht, soll sich der Syrer schon früh der Vorgängerorganisation des IS im Irak angeschlossen haben. Nach Beginn der Aufstände in Syrien sei er in seine Heimat zurückgekehrt und habe „als einer der ersten Kämpfer gegen das Regime“ in Aleppo eine kleine Gruppe gegründet, die auf den Bau von Granaten und Bomben spezialisiert gewesen sei. Wegen einer Verwundung habe er Syrien verlassen und sich später zu einer Aktion in Deutschland entschlossen.

Der Bericht behauptet auch, der Attentäter habe vor dem Anschlag in engem Kontakt mit „einem der Soldaten“ des IS gestanden. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hatte zuvor von intensiven Chatverläufen unmittelbar vor dem Anschlag gesprochen.

Gutachter wies auf Gefahr eines „spektakulären“ Suizids hin

Zudem wurde am Mittwochmittag bekannt, dass ein psychologischer Gutachter bei dem Bombenattentäter von Ansbach bereits Anfang 2015 einen aufsehenerregenden Suizid für möglich gehalten. Der 27 Jahre alte Syrer sei ein „extremer Geist“, und es sei ihm „durchaus zuzutrauen, dass er selbst seinen Selbstmord noch spektakulär in Szene setzt“, heißt es in einer Stellungnahme eines Therapeuten, die für das Asyl-Gerichtsverfahren des späteren Attentäters erstellt wurde.

Ein Sprecher des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Nürnberg bestätigte diesen Inhalt des Gutachtens, über das zuerst die „Bild“-Zeitung berichtet hatte. Weiter schrieb der Gutachter demnach: „Er (der 27-Jährige) hat nach dem Tod seiner Frau und seines sechs Monate alten Sohnes nichts mehr zu verlieren.“ Der Syrer war wegen Depressionen und Suizidversuchen in psychiatrischer Behandlung. Seinen Asylantrag in Deutschland hatte das BAMF im Dezember 2014 abgelehnt, weil der 27-Jährige bereits in Bulgarien einen Schutzstatus erhalten hatte. Das BAMF ordnete daher die Abschiebung des Mannes nach Bulgarien an. Dagegen klagte der Syrer vor dem Verwaltungsgericht Ansbach.

Anschlag von Ansbach IS-Sprachrohr veröffentlicht angebliches Bekennervideo

Nach dem Schock über den Selbstmordanschlag in Bayern wird über Konsequenzen diskutiert: Ist der Staat genug gegen solche Attacken gewappnet? Und was folgt daraus für den Umgang mit Flüchtlingen?

Ein Polizeibeamter am Tatort in Ansbach. Quelle: AP

Im Rahmen des Gerichtsverfahrens im Februar 2015 wurde laut dem BAMF-Sprecher das Gutachten eingereicht. „Aufgrund der durch neu eingereichte Atteste nachgewiesenen Reiseunfähigkeit hat das BAMF die ausgesprochene Abschiebeanordnung zurückgenommen“, teilte der Sprecher mit. Das Verfahren wurde eingestellt und die Ausländerbehörde sprach dem Mann eine Duldung aus.

Im März 2016 bat die Ausländerbehörde das BAMF dann, eine Abschiebung des Mannes nach Bulgarien nochmals zu prüfen. Nachdem sich der Syrer dazu nicht mehr geäußert hatte, forderte das Bundesamt den 27-Jährigen im Juli erneut zur Ausreise aus und drohte ihm mit der Abschiebung nach Bulgarien, falls er nicht freiwillig geht.

Seehofer kündigt massive Sicherheitsanstrengungen an

Bei dem Treffen des bayerischen Landeskabinett in St. Quirin am Tegernsee ist das alles beherrschende Thema die Sicherheitspolitik: Nach der Axt-Attacke bei Würzburg, dem Amoklauf in München und dem Bombenanschlag in Ansbach wollen die Minister über Konsequenzen beraten.

Zum Auftakt der Klausur am Dienstag hatten Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) und seine Minister angekündigt, die Bürger in Bayern noch besser vor Anschlägen schützen zu wollen. "Die Sicherheitslage ist ernst und bedrohlich“, sagte Seehofer. „Aber die Menschen können sich darauf verlassen, dass wir alles Erdenkliche tun, um sie zu beschützen.“ Das soll mit mehr Polizei, schärferen Kontrollen von Flüchtlingen und konsequenteren Abschiebungen gewährleistet werden. Unklar war allerdings noch, wie viele neue Stellen es bei der Polizei und anderswo geben soll.

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