Auf dem Weg nach Teheran: Für Deutsche Firmen lockt das große Geschäft

Auf dem Weg nach Teheran: Für Deutsche Firmen lockt das große Geschäft

, aktualisiert 03. März 2016, 11:54 Uhr
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Die deutschen Unternehmen hoffen auf Straßen- und Tunnelprojekte.

Quelle:Handelsblatt Online

Der deutschen Industrie eröffnet sich ein neuer Markt: Iran. Nach Jahren der Isolation mangelt es dem Land an vielem: Autos, Maschinen, Kraftwerken. Technik „made in Germany“ hat einen guten Ruf, doch die Konkurrenz wächst.

München, Frankfurt, DüsseldorfWolfgang Bernhard hat keine Zeit verstreichen lassen. Kaum waren in der Nacht Ende Januar die Sanktionen gegen Iran gefallen, da saß der Chef der Daimler-Lastwagensparte schon im Flieger in Richtung Teheran. Flugs waren zwei Verträge unterschrieben. Schon bald werden die Stuttgarter in Iran wieder Motoren, Achsen und Lastwagen fertigen. „Es besteht ein großer Nachholbedarf für Nutzfahrzeuge, allen voran Lkws“, freut sich Bernhard. Denn die Laster mit dem Stern hätten in Iran „seit jeher einen hervorragenden Ruf“.

Für Daimler ist es eine Rückkehr in bekannte Gefilde. Bis zum Beginn des Embargos im Jahr 2010 haben die Schwaben vor Ort Lastwagen gefertigt. Dann versank die Fabrik im Dornröschenschlaf: Die Maschinen wurden sauber in Kisten verpackt, die Belegschaft nach Hause geschickt – aber vom iranischen Staat weiterbezahlt. Denn die Sanktionen, so waren sich alle Beteiligten sicher, sollten nur eine Episode sein. Die Fabrik kann nun zügig wieder angefahren werden.

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Heute ist Iran einer der wenigen großen Hoffnungsträger für das Jahr 2016. Während der Boom in China schwächelt und die einstigen Wachstumsmärkte Russland und Brasilien regelrecht abstürzen, ist Teheran das Reiseziel der Wahl. Deutsche Unternehmen verkauften 2014 Waren im Wert von 2,4 Milliarden Euro in die Islamische Republik – allerdings waren es 2005 fast doppelt so viel. Doch der Blick geht nach vorn: Nach Schätzungen der Deutschen Industrie- und Handelskammer könnten es demnächst zehn Milliarden sein. Nach einem Jahrzehnt von Isolierung und Sanktionen mangelt es dem Land an allem: Lastwagen, Autos, Maschinen, Kraftwerke, Medizintechnik und nicht zuletzt Konsumgüter für die 80 Millionen Einwohner, von denen die Hälfte unter dreißig Jahren alt ist.

Die deutsche Industrie hat den Kontakt nicht abreißen lassen. Zwar haben Daimler und Siemens – auch mit Blick auf mögliche Verwerfungen mit den US-Behörden – ihre Beziehungen zu Teheran offiziell komplett gekappt. Andere wie der Stahlkonzern SMS oder der Gipshersteller Knauf blieben mit den Büros vor Ort. Es dürfte „nicht schwerfallen“ mit Iran wieder ins Geschäft zu kommen, hatte Munich-Re-Chef Nikolaus von Bomhard bereits im August gesagt. Vorsichtiger ist die Bankenbranche: Die Institute würden Iran-Geschäfte erst wieder aufnehmen, wenn es Klarheit darüber gebe, welche Transaktionen genau wieder erlaubt seien, sagte ein Sprecher des Privatbankenverbands (BdB) Ende Januar im Gespräch mit dem Handelsblatt. Immerhin wurde die Commerzbank in der Vergangenheit wegen Verstößen gegen US-Sanktionen mit einer Strafe von 1,45 Milliarden Dollar belegt.


Einige Hürden bleiben

Dennoch wird es jetzt einfacher. Iranische Banken können wieder am internationalen Zahlungsverkehr Swift teilnehmen. Die Bundesregierung will den Handel mit der Theokratie nach Kräften fördern. Das Wirtschaftsministerium erklärte, die Vergabe von Hermes-Exportgarantien zu prüfen. Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) will im Mai in Teheran mit seinem iranischen Kollegen an einer Wirtschaftskonferenz teilnehmen. Wichtig bei allen neuen Geschäftsideen sind Türöffner wie der „Nah- und Mittelostverein“ und dessen Ehrenvorsitzender Gerhard Schröder. Erst in der vergangenen Woche reiste der Altkanzler mit einer Delegation nach Teheran.

Es herrscht Aufbruchstimmung: „Flüge und Hotels sind seit Wochen ausgebucht“, sagt ein deutscher Manager, der in Teheran Geschäfte machen will. Vor Ort treffen die Deutschen vor allem auf Amerikaner und Franzosen, die auch an dem erhofften Boom teilhaben wollen. Doch westliche Unternehmen sind nicht mehr unter sich: Zahlreiche chinesische Firmen die Sanktionen der USA und der EU genutzt, um mit Iran ins Geschäft zu kommen. Allerdings haben die neuen Anbieter nicht immer die Erwartung der Kundschaft befriedigen können. „Unsere Chance ist unsere Qualität, die in Iran einen guten Ruf hat“, sagt ein deutscher Manager. Den wollen die Deutschen vor allem bei Investitionsgütern ausspielen. Viele Industrieanlagen in der Öl- und Gasindustrie sind marode, aber auch Straßen und Häfen müssen dringend modernisiert werden.

Maschinenbauer Martin Herrenknecht hofft auf neue Tunnel in der Millionenmetropole Teheran – wenn die Iraner Banken finden, die ihre Projekte finanzieren. Auch Erich Staake, Chef des Duisburger Hafens, hat seine Visitenkarte bei Teherans Verkehrsminister Abbas Ahmad Akhoundi hinterlassen. Ende Januar reiste Staake gemeinsam mit Altbundeskanzler Schröder nach Persien, um mögliche Logistikprojekte mit dem Mullah-Regime zu sondieren.

Bei aller Aufbruchstimmung bleiben Hürden. Etwa die Meinungsfreiheit, die Rolle der Frau und den Umgang mit Menschenrechten. Iran steht wegen Hunderter Todesurteile seit Jahren am Pranger der internationalen Gemeinschaft. 2011 stellte die UN das Land unter Beobachtung der Menschenrechtskommission – geändert hat sich wenig. Im Januar meldete AP die Flucht zweier iranischer Dichter, die zu jahrelanger Haft und Peitschenhieben verurteilt waren.


Maschinenbau: Starke Konkurrenz aus China

Glitzernde Moscheen, prunkvolle Königspaläste, die Flussoasen-Stadt Isfahan an der Seidenstraße – Weltenbummlern war Persien stets ein Sehnsuchtsort, galt Veranstaltern nach dem Amtsantritt des Hardliners Mahmud Ahmadinedschad 2005 aber als verschlossen. Der Regimewechsel 2013 und die Öffnung unter Präsident Hassan Ruhani haben das geändert. „Seither verzeichnen wir jedes Jahr ein zweistelliges Umsatzplus“, berichtet der Reiseveranstalter Studiosus. Wettbewerber wie Berge & Meer oder Gebeco kommen mit ihren Angeboten kaum nach. Laut Deutschem Reiseverband (DRV) erhöhte sich die Zahl der Iranreisen zwischen 2010 und 2014 um zwei Drittel auf 50.000.

Dem Boom will Tuifly nicht tatenlos zusehen. Mit dem Flughafen Hannover bekundete die Airline der Regierung in Teheran das Interesse, im Fluggeschäft zu kooperieren. Konzernmutter Tui hält es für denkbar, dass Tuifly einer iranischen Airline Maschinen und Crews zur Verfügung stellt.

Andere sind da viel weiter. „Wir fliegen Reisende problemlos mit Turkish Airlines nach Iran“, heißt es bei Studiosus. Die Fluglinie aus Istanbul steuere sieben Städte im Land an. Dem will Marktführer Lufthansa nicht nachstehen – und die Verbindung nach Teheran ausbauen. Zu den derzeit täglichen Flügen ab Frankfurt sollen ab Ende März drei Flüge pro Woche ab München hinzukommen.

Das neue Büro ist gerade erst im Land eröffnet worden: „Wir wollen näher beim Kunden sein“, heißt es beim schwäbischen Anlagenbauer Voith. Geschäfte mit Iran waren für den Anbieter von Maschinen und Industriedienstleistungen rund um die Sparten Energie, Papier und Rohstoffe mal „attraktiv und profitabel“ – vor den Sanktionen. Doch bei Voith ist man zuversichtlich, an alte Zeiten anknüpfen zu können. Dabei geht es um die Modernisierung alter Anlagen, aber auch um Neuaufträge, an deren Ausschreibung der Konzern sich wieder beteiligen kann.


Konsum: Rückzug vom Rückzug

Wie Voith geht es vielen deutschen Maschinenbauern: Thyssen-Krupp mit seinem Anlagenbau, der Spezialmaschinenbauer Gea, Hunderte Mittelständler – sie lockt das hohe geschäftliche Potenzial. „Iran ist das einzige Land in der Region mit einer breiten Industriebasis“, sagt Ulrich Ackermann, Leiter Außenwirtschaft des Branchenverbands VDMA. „Bedarf gibt es überall.“ Denn der Maschinenpark ist veraltet, der Investitionsstau enorm. Dennoch wird es nicht einfach, das Terrain wieder zurückzuerobern. Die chinesische Konkurrenz liefert inzwischen fast die Hälfte der georderten Maschinen und Anlagen. Kampflos wird sie diese Position nicht räumen. Zudem sehen die meist mittelständischen Maschinenbauer die Banken in der Pflicht, erst einmal einen funktionierenden Zahlungsverkehr zu gewährleisten.

Es war auf dem Höhepunkt der Iran-Krise. Im August 2013 kündigte der Düsseldorfer Dax-Konzern Henkel an, sein Iran-Geschäft innerhalb eines Jahres zu verkaufen und dabei eine Wertberichtigung von 25 Millionen Euro in Kauf zu nehmen. Ausschlaggebend, so hieß es damals, seien auch politische Gründe. Schließlich hatten die USA gerade ihre Sanktionen verschärft. Dabei haben die Düsseldorfer eine lange Tradition in dem Land. Schon 1970 gründete der Konzern eine Tochter in Iran. 2002 kaufte er 60 Prozent an einem der größten iranischen Waschmittelproduzenten mit 1200 Mitarbeitern. Dafür zahlte Henkel umgerechnet 20,4 Millionen Euro.

Und so dürfte Rorsted, der am Montag seinen Wechsel zu Adidas ankündigte, froh gewesen sein, dass sich so schnell kein Käufer fand. Schon Anfang 2014 beschloss der Henkel-Chef, an der Waschmittelproduktion in dem Land festzuhalten.

„Die Bereitschaft des Landes zu einem konstruktiven Dialog mit dem Westen ist deutlich gestiegen“, sagte er damals. Zu diesem Zeitpunkt arbeiteten noch 500 Menschen für Henkel in Iran und erzielten 100 Millionen Euro Umsatz. Laut Geschäftsbericht 2014 hat Henkel „aufgrund der geänderten gesamtpolitischen Rahmenbedingungen“ auf den Verkauf verzichtet. Das könnte sich für Hans Van Bylen, Rorsteds Nachfolger, in Zukunft noch auszahlen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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