Auf Strecke mit dem Nissan GT-R: Kanonenkugel mit Komfort

Auf Strecke mit dem Nissan GT-R: Kanonenkugel mit Komfort

, aktualisiert 09. Juni 2016, 10:04 Uhr
Bild vergrößern

Wie in Spa Francorchamps am eigenen Leib zu erfahren war, schafft der GT-R in Kurven Querbeschleunigungskräfte von etwas mehr als 1G. Und dabei sorgt die extrem steife Karosse in Verbindung mit Allradantrieb und stolzen 1.750 Kilo Leergewicht dafür, dass der Fahrer sich auch am Limit sicher fühlt.

von Frank G. HeideQuelle:Handelsblatt Online

Einen knallharten Brüller für echte Kerle, den hatte Nissan mit dem GT-R im Programm. Bis jetzt. Die neue Generation setzt auf mehr Komfort. Man kann sich sogar mit dem Beifahrer unterhalten. Fehlt uns jetzt was?

Spa FrancorchampsIst das ein merkwürdiges Ergebnis eines Rennstreckenausflugs? Wenn der getestete Supersportler auf dem Weg zum Track mehr Eindruck schindet, als auf dem Rundkurs selber? Es ist auf jeden Fall ein sehr gutes Testergebnis, denn als Racer war der Nissan GT-R ja schon immer eine Macht. Auf der Landstraße und in der Stadtmitte wirkte er bisher aber meist deplatziert. Und daran hat Nissan bei der neuesten Ausgabe seines 570-PS-Boliden vieles verbessert.

Zu laut, zu hart, zu krawallig, der stets allradgetriebene 2-2-Sitzer kam früher wie ein Punk in der Oper daher. Zwischen 2007 und 2013 war es kaum möglich, sich mit den durchgerüttelten GT-R-Mitfahrern zu unterhalten, ohne lauter zu brüllen als die armdicken Auspuffofenrohre. Weiblichen Passagieren wurde das Anlegen eines Sport-BH empfohlen, und der Fahrer packte das Steuer mit fester Hand, um das Fahrzeug vom Gieren nach Fahrrillen aller Art abzuhalten.

Anzeige

Zum Durst auf 100 oktanigen-Sprit kamen extrem kurze Inspektionsintervalle, die Bedienung von einem guten Dutzend Rennsport-Mini-Displays war nur für Playstation-Enthusiasten ein Highlight und das Getriebe erschreckte Laiengehöre mit mechanischem Mahlen, Sägen, Klack und Plonk, als würde was auseinanderfallen.

Und jetzt? Nichts von alledem! Obwohl der neue, intern „MY17“ genannte, GT-R extrem gut wiedererkennbar ist, haben die Ingenieure und Designer hinter dem straffen Blechkleid viel Detailarbeit geleistet. Mehr als jemals zuvor seit dem Markteintritt im Jahr 2007 hat sich am Porscheschreck verändert. In Japan sind sie unter Einflussnahme des Werkstuners Nismo sogar nach neun Jahren Modelllaufzeit wieder an die Grundstruktur gegangen, der Karosse wurde noch mal mehr Steifigkeit abgetrotzt.

Als wir bei der europäischen Fahrvorstellung unseren in besonders auffälligem „Katsura Orange“ lackierten Boliden in Düsseldorf zur Fahrt ins belgische Spa Francorchamps starten, fällt zunächst der Innenraum positiv auf. Weiches Nappaleder, schöne Ziernähte, und mindestens 16 Knöpfe weniger im Innenraum, dazu ein neuer Dreh-Drück-Regler. Viel Schwarz, wie bei Sportwagen üblich, dazu die unvermeidbar scheinenden Carboneinlagen sehen wir. Und ertasten endlich mitlenkende Schaltpaddles, sie liegen gut erreichbar nah hinter dem griffigen Steuer.

Der Effekt ist klar, wenn man in die wunderbar eng anliegenden Sportsitze schlüpft: Wow, der frühere Billigflieger ist endlich den flegelhaften Teenagerjahren entwachsen! Er hat innen nicht die britische Understatement-Eleganz eines McLaren, so dickes, feines Leder wie ein AMG GT-S oder die Haptik eines Porsche Turbo, aber er bietet endlich fühlbaren Luxus. Das ist in der 100.000-Euro-Klasse schon eine kleine Party wert, Nissans Abschied vom Plastik in Innenraum. Punktete der GT-R früher mit Power, Performance und Preis, so zählt jetzt auch Premium dazu.

Auf den ersten Kilometern wird außerdem deutlich: Godzilla, wie Fans den Sportwagen seit Jahren respektvoll nennen, brüllt nicht mehr. Die Geräuschkulisse ist sportlich, aber mehr auch nicht. Nachbarn nervendes Aufheulen beim Druck auf den roten Startknopf? Fehlanzeige! Prolliges Zwischengas beim runterschalten? Verkneift sich der Nissan. Nur wenn drei Schalter in der Mittelkonsole gleichzeitig auf „Race“ gedrückt werden ist auch die Soundkulisse wirklich großer Sport.


Mehr Sport, - und mehr Alltag

Innen wirkt eine aktive Geräuschunterdrückung aus den Lautsprechern der Hifi-Anlage den Vibrationen der Karosse, Poltern vom Fahrwerk, und Gedröhn der Titan-Auspuffanlage entgegen. Im Gegensatz zu früheren GT-R-Generationen gelingt das erfolgreich im unteren bis mittleren Drehzahlbereich. Drückt man aber das nun unglaublich sensibel reagierende Gaspedal durch, so haben Stereoanlage und die freundliche Frau im Navi es wirklich schwer, sich verständlich zu machen.

Nissan lobt sich selbst zwar für den Umfang der GT-R-Renovierung, hat aber - wie eigentlich heutzutage üblich - kein Gramm abgespeckt. Schon leer drückt der GT-R 1.750 Kilo auf die Waage. Zum Vergleich: Bei McLaren sind es bei gleicher PS-Zahl rund 400 Kilo weniger.

Ist das schlimm? Nicht wirklich, denn seine Agilität steigert der lange und breite GT-R mit wachsendem Tempo. Und auf die äußeren Pneus aufgestützt am Kurvenlimit sowie hart auf der Bremse stehend bringt das Gewicht Stabilitätsvorteile: Abtrieb durch Masse nennt ein Kollege scherzhaft den Effekt, dass sich der Fahrer im Allradboliden stets verliebt und untrennbar mit dem Asphalt verbunden fühlt.

Die ohnehin geringe Seitenneigung der Karosse wurde weiter verbessert, das Grip-Niveau erscheint Fahrern normaler Brot-und-Butter-Alltagsautos schier unglaublich. Ebenfalls auf Landstraße und Rennstrecke gleichermaßen gefällt, wie Nissan die Drehmomententwicklung optimiert hat. Ab 3.000 Umdrehungen steigt die Leistungskurve nun steiler an, der Fahrer wird früher und nachhaltiger ins Leder gepresst. Ein ganz persönlicher Nebeneffekt: Ich spürte auf öffentlichen Straßen weniger häufig den Drang, dem GT-R die Sporen zu geben.

Möchte man dennoch mal den Macker markieren, bietet der GT-R all das, was die Fans erwarten: Erstklassige Straßenlage auch bei deutlich mehr als Tempo 250, eine Launch Control, die den Wagen zur Kanonenkugel mutieren lässt, die nach rund drei Sekunden traktionsverlustfrei 100 km/h erreicht, eine begeisternd präzise und direkte Lenkung, sowie eine Bremsanlage, die dem Vorwärtsdrang von 570 Pferdestärken stets überlegen ist.


Was gibt´s zu meckern?

Negativ aufgefallen sind uns nur einige Kleinigkeiten. So hatten die Sportsitze keine Verstellmöglichkeit für die Seitenwangen, wir hätten sie aber gerne auf der Autobahn etwas weiter, und auf der Rennstrecke etwas enger gehabt. Dass im GT-R noch eine „echte“ Handbremse aus dem Mitteltunnel ragt, während inzwischen sogar Kompakt-SUV auf Elektronik umgestellt haben, wirkt zumindest etwas altbacken.

Auch die zweigeteilte Lenkradverstellung, mit jeweils einem Hebel für Länge und für Höhe, bei der sich immer der Cockpit-Block mit den Zentralinstrumenten mitbewegt, hat Nissan beibehalten, das ist zumindest Geschmacksache.

Eine echte Verbesserung sind der Dreh-Drück-Regler in der Mittelkonsole und die nun vereinfachten Bedienfunktionen um und im Touch-Display, das auf 8 Zoll wuchs. Nichts getan hat sich indes beim Blick nach hinten. Im Rückspiegel sieht man in erster Linie viel C-Säule und ein bisschen Heckspoiler. Was aber kein echtes Problem darstellt, wer soll dem GT-R schon nahe kommen?

Den Rücksitzen des 2+2-Sitzers genügt ein Blick darauf, um sie zu füllen. Zwar lassen sich die Vordersitze in phlegmatischem Tempo nach vorne bewegen, aber welcher Erwachsene würde sich schon freiwillig dahinter einsperren lassen? Wir betrachten sie lieber als nappabelederte Gepäckraumerweiterung. Denn der eigentliche Stauraum bleibt mit etwas über 300 Liter und extra hoher Ladekante knapp unter Alltagstauglichkeit.

Gar nichts zu meckern gabs schließlich auch bei unseren flotten Runden in Spa. Zum Glück regnete es sogar, so hatte der GT-R viel Gelegenheit die Vorteile des Allradantriebs auszuspielen. Schnell genug ist der Nissan sowieso, um auch in Laienhand beeindruckende Rundenzeiten abzuliefern.

Wenn es am sportlichsten Modell des fünftgrößten Massenherstellers überhaupt noch etwas Erschreckendes gibt, dann wohl die gefühlte Leichtigkeit von nur 99.900 Euro Einstiegspreis, mit der sich auch Laien den Zugang zu dieser Waffe verschaffen können. Der gleiche Spaß hat bei vermeintlich prestigeträchtigeren Anbietern eine teils doppelt so hohe Einstiegshürde

Zum guten Schluss noch eine Kleinigkeit, der Verbrauch: Den offiziellen Normdurst gibt Nissan im kombinierten Betrieb in der Stadt, über die Autobahn und durch die Landschaft mit 11,8 Liter Super Plus an. Zurzeit wird ja bei Alltagsautos viel über Getrickse bei solchen Angaben geschimpft. Da ist schon erwähnenswert, dass sich der Schluckspecht-Klasse antretende der GT-R bei entspannt-flotter Fahrweise vom Rheinland bis in die Ardennen und zurück mit rund 12 Litern pro 100 Kilometer bewegen ließ. Was er dann auf dem Track in Spa schluckte steht auf einem anderen Blatt, ist aber nicht wirklich wichtig.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%