Ausfahrt im Cadillac XT5: Einer von wenigen

Ausfahrt im Cadillac XT5: Einer von wenigen

, aktualisiert 18. August 2016, 08:41 Uhr
Bild vergrößern

Ab Anfang September steht der Nachfolger des SRX bei den 13 deutschen Cadillac-Händlern. Die Preise beginnen bei rund 49.000 Euro, und es gibt bislang nur eine einzige Benziner-Motorisierung.

von Frank G. HeideQuelle:Handelsblatt Online

Es ist eine nicht ganz freiwillige Exklusivität, die Cadillac hierzulande umgibt. Man sieht die amerikanischen Modelle seltener als Lamborghini und Ferrari. Eine Testfahrt zeigt, der Crossover XT5 könnte das ändern.

BerlinSchauen wir uns erst mal um, in dem großen, aber nicht übergroßen SUV, mit dem die amerikanische Luxusmarke Cadillac nun auch am globalen Trend zu den Möchtegern- und City-Geländewagen stärker teilhaben will. Viel schwarzes Leder, und ganz wenig Kunststoff gibt es zu sehen, schöne Holzeinlagen und ein riesiges Glas-Panoramadach verbreiten etwas Oberklasse-Stimmung. Und man spürt neben dem großzügigen Raumangebot sofort auch die gute Verarbeitung im XT5. Ich sitze auf wuchtigen Ledersesseln, die mich in Kurven aber nicht besonders gut festhalten. Eine gewaltige Mittelkonsole trennt mich vom Beifahrer.

In einem digitalen Cockpit und einem modernen 8-Zoll-Monitor finde ich neben den wichtigsten Informationen und Bedieneinheiten auch gut gemachte Konnektivitätslösungen. Sprich: Vom Fahrersitz aus mit der Außenwelt zu kommunizieren, fällt dank der Cadillac User Experience, kurz CUE, angenehm leicht. Apps vom blitzschnell verbundenen eigenen Smartphone werden gespiegelt und per Fingerdruck bedient, das dürfte vor allem Menschen gefallen, die das Haus nicht mehr ohne Handy verlassen können. Mir ist im Moment allerdings das Navi wichtiger, denn ich bin als Ortsfremder mit dem neuesten Cadillac in Berlin unterwegs, und habe die Route der Zielführung verlassen.

Anzeige

Kein Problem für Bordrechner und GPS, ich muss nur in 300 Meter wenden. Gute Gelegenheit für einen Ampelstart: Ich schalte die Automatik auf Sport, variabler Allradantrieb ist sowieso immer an Bord. Wie erhofft hat auf den benachbarten Spuren niemand eine Chance mit dem gewaltigen Antritt des 3,6-Liter-Sechszylinder mitzuhalten, der frei atmen darf, ganz ohne Turbozwang. 314 PS reichen selbst bei knapp über zwei Tonnen Gewicht für einen Standardspurt von Null auf 100 km/h in 7,5 Sekunden.

Beim Tritt aufs Gaspedal hebt sich die Motorhaube leicht, das Heck knickt dezent ein, eine kurze Verbeugung der Karosse vor 368 Newtonmeter Drehmoment. Ohne Reibungsverluste auf dem Berliner Asphalt sehe ich die anderen Autos schon nach wenigen Metern nur im Rückspiegel. Der verschafft mir neben dem Ampel-Sieg ein zweites echtes Wow-Erlebnis. Wie beim CT6, der neuen großen Cadillac-Limousine, zeigt er auf Wunsch ein Kamerabild, das dreimal so breit ist wie der Blick in den echten Spiegel.

Es kommt aus einer wirklich hoch auflösenden Kameraoptik, die im Heck sitzt, also Rückbank, Passagiere, Kopfstützen und Heckklappe gar nicht zeigen kann. Die Sicht bzw. der Überblick ist überwältigend, und breiter als die vorhandenen vier Fahrspuren: Ich könnte dieses Auto sogar bis unters Dach vollladen, und würde immer noch mehr sehen, als wenn ich in einem baugleichen offenen Cabrio unterwegs wäre. Kein billiges Extra, dieser Kamera-Rückspiegel, aber eines, das aus meiner Sicht jeden Euro wert ist.

Wieder zurück auf der zielführenden Route habe ich Zeit und Ruhe, die anderen Extras und Assistenten zu genießen, die die Amerikaner dem Testwagen großzügig spendiert haben: Notbremsautomatik auch beim Rückwärtsfahren, Toter-Winkel-Assistent, Head-up-Display, Abstandsradar, 360-Grad-Kamera, induktives Smartphone-Laden, Zylinderabschaltung, aktiver Spurhalter und Fernlichtassistent sind an Bord. Dazu kommen (ab dem 48.800 Euro teuren Basismodell) LED-Scheinwerfer und Rückfahrkamera oder Einparkhilfe.

Sollen neben feinstem Leder noch besonders viele Bose-Lautsprecher erklingen und Applikationen in Aluminium oder Kohlefaser glänzen, so greift man besser gleich zur Platinum-Ausstattung, die bei 66.800 Euro beginnt.


Mach mich nicht schlammig!

Von außen betrachtet könnte sich hinter der hoch aufragenden und betont kantig designten 4,82-Meter-Karosse locker ein VW Tiguan verstecken. Was nicht nur für die Größe gilt, sondern auch für eine gewisse Extrovertiertheit des Cadillac-Designs. Seine auffälligsten Merkmale sind der große Chrom-Kühlergrill mit dem unübersehbaren Markenlogo und die betont schmalen, aufrecht in die Karosserie ragenden LED-Scheinwerfer, die einen hohen Wiedererkennungswert haben.

Leicht fällt das Dach nach hinten ab, bis zu einem Spoiler, der auf nette Art den Heckwischer versteckt. Der Zugang zum Gepäckraum, der zwischen 850 und 1.784 Liter fasst, ist großzügig. Die Rücklehne hinten fällt auf Knopfdruck, sie ist 40:20:40 geteilt und macht sich flach zur eben Fläche, mit doppeltem Laderaumboden und praktischen Gepäckschienen. Und so wie der XT5 beginnt, so endet er auch: die steilen Rückleuchten sind wie die Frontscheinwerfer ganz typisch Cadillac. Die Heckklappe dazwischen öffnet sich auf Wunsch berührungslos.

Die selbstbewusste Anmutung des Amerikaners ist aber nicht nur meilenweit von Wolfsburger Sachlichkeit und Design-Nüchternheit entfernt, sie sagt auch: „Mach mich bloß nicht schlammig, ich bin auf dem Boulevard zuhause!“ Geländeautomatik? Fehlanzeige! Ein wirklicher Makel ist das inzwischen aber nicht mehr. Man muss über den Sinn oder Unsinn von City-SUV nicht streiten, der Kunde will sie. Aber will er unbedingt einen Cadillac?

Fahreindrücke die für das exotische Angebot aus Amerika sprechen, sammelt man auf Landstraße und Autobahn, eher nicht im Parkhaus, wo die Abmessungen ( mindestens 1,90 m breit, 1,68 m hoch, 11,9 m Wendekreis) überdimensioniert wirken.

Die Achtgang-Automatik, die ausnahmsweise mal nicht von ZF kommt, sondern eine Eigenentwicklung ist, macht in allen Fahrmodi einen souveränen und entspannten Eindruck. Sie verwaltet bis zu 368 Newtonmeter Drehmoment ohne Verzögerung, ruckfrei und schnell.

Obwohl sie auch das besonders frühe Hochschalten beherrscht, lassen sich mit einem solchen Trumm von SUV Verbräuche unter 10 Liter auf 100 km nur schwer verwirklichen. Zwar hat der Testwagen auch eine Start-Stopp-Automatik an Bord und beherrscht die automatische Zylinderabschaltung während der Fahrt, wenn genügend Schub vorhanden ist. Um wirklich sparsam zu sein verführt mich der XT5 aber im Allrad- und im Sport-Fahrmodus zu stark zur Unvernunft: Das Motorgeräusch ist kernig, die Kraftentfaltung ein angenehm rauer Kontrast zum feinen Innenleben, den ich gerne auskoste.

In puncto Fahrwerk darf man inzwischen alle alten Vorurteile, die noch mit dem unseligen Begriff Straßenkreuzer in Verbindung stehen, ad acta legen. Der XT5 liegt straff auf der Straße, ein unterschwelliges Rumpeln des Fahrwerks ist der Kombination aus Berliner Asphalt und optisch gut gemachter Extrembereifung mit 20-Zoll-Felgen geschuldet. Die Lenkung präsentierte sich tadellos zielführend, unauffällig. Vom Lenkrad hätte man sich in flotten Kurven etwas mehr direkte Rückmeldung gewünscht, wenn die Karosse dem Drang zur Seitenneigung nachgibt.

Man hält sich dann unwillkürlich etwas fester am Volant, denn die wahre Stärke des XT5 ist die Geradeausfahrt bei Richtgeschwindigkeit, nicht die wilde Kurvenhatz. Und beim erdgebundenen Reisen in Hochgeschwindigkeit muss er deutsche Konkurrenten davonziehen lassen: Bei Tempo 210 ist Schluss.

Prima genießen lassen sich solche Ausflugsfahrten in jedem Cadillac auf den Rücksitzen, da ist traditionell viel Platz. So sagen die Amerikaner auch von ihrem SRX-Nachfolger, er habe die größte Bein- und Kopffreiheit in seinem Segment. Auf den Millimeter nachgemessen haben wir es nicht, aber man darf es wegen einer netten Funktion schon glauben: Nur der XT5 hat eine vor und zurück verschiebbare Rücksitzbank, die ein wirklich herrschaftliches Sitzgefühl ermöglicht, wie in einer Luxus-Kutsche.


An-Reise zum Händler

Schlaflose Nächte wird der XT5 deutschen Auto-Managern nicht bereiten, das hat er mit der gelungenen Limousine CT6 gemeinsam. Denn es gibt das exotische Angebot ebenfalls mit nur einem einzigen Motor, der ist kein Diesel, und das Konkurrenzangebot ist riesig.

Um das Besondere zu finden sind durchschnittlich weitere Anreisen in Kauf zu nehmen. Ab dem 5. September steht der Wagen bei den inzwischen 13 deutschen Cadillac-Händlern. Die haben 2015 hierzulande ganze 230 Fahrzeuge verkauft. Aber immerhin, 2014 waren es nur 106. Anders ausgedrückt, ein Plus von 120 Prozent.

In Europa lauteten die Zahlen 354 (2014) und 580 (2015, +64%). Wer sich für einen Cadillac entscheidet, fährt also in einigen Ländern exklusiver als in einem Ferrari.

So tritt der XT5 mit Extravaganz und moderner Technik in erster Linie eben nicht direkt gegen deutsche Bestseller wie den BMW X5 oder den Mercedes GLE an. Er wendet sich vielmehr an diejenigen, die - vom Standardangebot gelangweilt? - bewusst den ausgefallenen Crossover suchen, der aus der Masse hervorsticht.

Und das war schon immer etwas teurer, was bei Cadillac weniger auf den Kaufpreis als den Restwert in einigen Jahren zutrifft. 66.800 Euro für einen Platinum-XT5, das mag sich erst mal nach viel Geld anhören. Vergleicht man ihn aber mit entsprechend starken und vergleichbar hochgerüsteten Modellen der gehobenen Mittelklasse deutscher Anbieter, so wirkt der Preis auf einmal attraktiv. Aber abgerechnet wir ja bekanntlich am Ende, sprich beim Wertverlust bzw. Restwert. Und da zieht die etablierte Konkurrenz mit ihrer Flottenmacht jedem noch so auffälligen Exoten einfach davon.

Cadillac XT5

Technische Daten & Maße

Motor:V-Sechszylinder-Benziner mit Direkteinspitzung
Hubraum:3.649 ccm
Max. Leistung:231 kW / 314 PS bei 6.700 U/min
Max. Drehmoment:368 Nm bei 5.000 U/min
Antrieb:Allradantrieb
Getriebe:8-Gang-Automatik

Maße und Gewichte

Länge:4,82 m
Breite:1,90 m
Höhe:1,68 m
Radstand:2,86 m
Wendekreis:11,9 m
Bodenfreiheit:20 cm
Böschungswinkel:23,5 Grad
Leergewicht:1.931 kg
Anhängelast gebremst / ungebremst:2.000 kg / k.A.
Kofferraumvolumen:850 - 1.784 Liter

Fahrdaten

Höchstgeschwindigkeit:210 km/h
Beschleunigung 0 - 100 km/h:7,5 Sek.
Durchschnittsverbrauch:10 Liter/100 km
Tankinhalt / Reichweite:L / km
CO2-Emission:229 g/km
Kraftstoff:Super
Schadstoffklasse:EU6
Energieeffizienzklasse:E
Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%