Ausprobiert: Neue Renault-Allradlenkung: Kontrolle ist gut, 4control ist besser

Ausprobiert: Neue Renault-Allradlenkung: Kontrolle ist gut, 4control ist besser

, aktualisiert 02. Juni 2016, 07:15 Uhr
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Die fünftürige Mittelklasse-Limousine Talisman steht für mindestens 27.950 Euro beim Händler, schon in der Basisversion Life ist, neben Klimaautomatik, Tempomat, Navigationssystem, Parksensoren hinten und Fahrmodusauswahl, unter anderem eine Massagefunktion für den Fahrersitz serienmäßig.

von Frank G. HeideQuelle:Handelsblatt Online

Den Claim „Vorsprung durch Technik“ macht sich Renault zu eigen. In der Mittelklasse und bei den Kompaktwagen bieten die Franzosen eine Allradlenkung für mehr Agilität und Sicherheit. Nicht neu, aber sehr wirkungsvoll.

MendigRenault gibt mächtig Gas in den beiden wichtigen Fahrzeugsegmenten Kompakt- und Mittelklasse. Mit einer Technik, die bislang nur von Porsche und BMW serienmäßig in einigen Spitzenmodellen eingesetzt wird, der Hinterachslenkung namens „4control“. Simpel ausgedrückt: Vier Räder lenken besser als zwei. Die Kurvenagilität von Autos, die hinten mitlenken, soll sich für den Fahrer gefühlt vervielfachen.

Und im Fall von Renault, kommen durch die neue dynamische Steuerung der Hinterräder noch echte Komfort- und Sicherheitsmerkmale hinzu, die bei Porsche bislang kaum eine Rolle spielen: Die Fahrzeuge wenden quasi auf einem Bierdeckel, Einparken auf knappem Raum wird deutlich leichter, und elchtestartige Ausweichmanöver funktionieren schneller und sicherer.

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Soweit zur Theorie, wie sie von den Franzosen bei den Modellen Megane und Espace als aufpreispflichtige Option eingesetzt wird. Beim Passat-Gegner und Laguna-Nachfolger Talisman kommt die Allradlenkung ab Werk in der höchsten Ausstattungsstufe immer mit vorgefahren.

Ganz neu ist das Ganze allerdings nicht: Die Allradlenkung wurde unter dem Namen 4control bereits ab 2010 in Laguna-GT-Modellen und als Extra (zur Initiale-Ausstattung) angeboten. Der ADAC charakterisierte sie als agil, aber nervös, und sie sorgte in Auto-Internetforen für positive Kommentare sportlich orientierter Fahrer. Renaults Fahrzeugverkauf konnte sie indes nicht beflügeln, zu schwer wogen wohl die zahlreichen anderen Mängel des 2007 eingeführten Laguna.

Inzwischen hat Renault die 4control-Technik verfeinert und ich habe sie im Talisman und einem sportlichen Megane GT ausprobiert. Bei niedrigem Tempo lenken die Hinterräder entgegengesetzt zu den vorderen und reduzieren so den Wendekreis, erhöhen besonders im Stadtverkehr die Wendigkeit. Bei höheren Geschwindigkeiten steuern die Hinterräder in die gleiche Richtung wie die Vorderräder. So bleibt das Fahrzeug zum Beispiel bei plötzlichen Ausweichmanövern besser beherrschbar.

Auf den ersten Kilometern im knapp über 200 PS starken Megane-Fronttriebler, praktisch ein Golf GTI auf französisch, fühlt man den Dynamik-Unterschied sofort im Lenkrad und im „Popometer“. Der Lenkaufwand für den Fahrer ist reduziert und der Wagen reagiert direkter und spontaner.

Während moderne Elektronik in Sekundenbruchteilen jede Fahrsituation analysiert, sorgt ein softwaregesteuerter Aktor an der technisch aufwändig modifizierten Hinterachse dafür, dass sich die Räder bis zu maximal 3,5 Grad genauso stellen, wie die Vorderräder, oder genau entgegen dem vorderen Lenkeinschlag. Das ganze ist in der Hauptsache abhängig von der Geschwindigkeit: Bis 60 km/h lenkt die Hinterachse gegenläufig mit.

Zwei Fahrmanöver profitieren besonders stark: In schnellen Kurven scheint der durchfahrene Radius schon ab dem ersten Einlenken plötzlich zu schrumpfen. Alle vier Räder wirken der Fliehkraft entgegen, die Spurstabilität erhöht sich sofort, gleichzeitig sinkt der Lenkaufwand.

Am Steuer hatte ich anfangs das Gefühl, ich hätte zu stark eingeschlagen, das kurveninnere Hinterrad würde gleich über den Bordstein rumpeln. Gleichzeitig signalisiert das Gesäß, dass – ähnlich wie bei einem Gabelstapler – tatsächlich hinten aktiv etwas mit dem Fahrzeug passiert, wenn man vorne lenkt: Das Heck läuft nicht mehr einfach nur hinterher, und daran muss man sich zunächst gewöhnen.

Noch krasser ist Ganze bei langsamer Fahrt, speziell einer 180-Grad-Wende auf einem engen Feldweg oder dem rückwärtigen Einparken in eine besonders enge Parklücke. Jetzt agieren die Hinterräder entgegengesetzt zum vorderen Lenkeinschlag. Der Effekt: Eine lange Limousine, wie der 4,85 Meter messende Talisman, fühlt sich beim Rangieren an wie ein Kleinwagen.

Der Geradeauslauf ist sehr ordentlich, keine Spur mehr von der früheren 4control-Nervosität. Insgesamt fühlte sich Rückmeldung im Talisman-Lenkrad für mich zwar recht synthetisch an, aber damit kann man schnell seinen Frieden machen.


Bei längerem Radstand wirksamer

Erwartet hatte ich, weil mit der Allradlenkung von Porsche vertraut, dass sie sich im Megane GT besonders wohltuend bemerkbar macht. Doch der in seiner Grundabstimmung eher weiche Kompaktsportler profitiert von der Technik nicht so stark wie die Mittelklasse-Limousine Talisman. Klare Sache: Wer den längeren Radstand hat, gewinnt durch die gleiche Technik gefühlt mehr Agilität. BMW etwa setzt die gleiche Technik bei der langen 7er-Reihe ein.

Im sportlichen Megane GT kam mir die Lenkung selbst im einstellbaren Sportmodus fast übertrieben leicht vor. In einigen Spitzkehren musste ich diesse effektivere Lenken tatsächlich erst üben, bevor es zunehmend vertrauter wurde. Es fehlte mir im GT aber an eindeutiger, straffer Rückmeldung vom Fahrwerk, gefühlt hätte auch die Präzision höher sein dürfen.

Im Talisman andererseits, den der gerade zum Designer des Jahres gewählte Laurens van den Acker mit einer richtig muskulösen, dynamisch-präsenten Seitenlinie und kraftvoller Frontpartie gestaltet hat, passte die Allradlenkung besser zum Gesamtpaket. Das ist ganz auf gutes Raumgefühl zugeschnitten, auf komfortabel viel Platz und mehr als nur eine Prise Luxus ausgelegt: Extras wie Zweizonen-Klimaautomatik, Navigation, das neue Multi-Sense-Infotainmentsystem, fünf Jahre Garantie und ein schlüsselloser Zugang sind immer an Bord. Eine ganze Armada weiterer Features und Assistenten warten in der Optionsliste.

Dort steht die in dieser Fahrzeugklasse bislang einzigartige Kombination aus Allradlenkung und adaptiven Dämpfern inklusive 19-Zöllern mit 1700 Euro. Zwar könnte ich mir in puncto Lenk-Rückmeldung noch Verbesserungen vorstellen, würde die Technik, die den Talisman-Wendekreis unter 11 Meter drückt, und zusammen mit dem Parkassistenten das Aus- und Einparken zum Kinderspiel macht, schon jetzt auf die Liste der Pflicht-Optionen setzen.

In der getesteten besten Ausstattungslinie gefiel zudem der besonders große Navi-Bildschirm, die Ziernähte, die man sogar in Softtouch-Kunststoffe einbettet und natürlich die unvermeidliche Sitzmassage, die den Rücken knetet, sobald man den Komfortmodus anwählt.

Für den Laguna-Nachfolger mit dem glücksbringenden Namen bietet Renault zwei Benziner und drei Dieselmotoren zwischen 110 PS und 200 PS an. Er steht auf der gleichen Basis wie der futuristische Großraum-Van Espace. Die drei Ausstattungslinien bringen die Limousine auf Preise zwischen 29.450 Euro und 41.000 Euro Listenpreis, bald folgt der Kombi „Grandtour“ für 1000 Euro Lademeister-Aufschlag. Standard ab der Basisvariante Life sind Renault Multi-Sense zur individuellen Einstellung der Fahrzeugcharakteristik und das Touchscreen-Multimediasystem R-Link 2 mit Online-Anbindung und Navigation.

Die Ende 2015 eingeführte vierte Generation des Megane ist als Steilheck-Limousine mit drei Benzin- und drei Dieselmotoren erhältlich, die zwischen 90 und 205 PS leisten. Zwischen mindestens 16.790 bis 29.090 Euro kosten die sechs Ausstattungslinien, Doppelkupplungsgetriebe, Head-up-Display, exklusive Sound- und reichhaltige Fahrassistenzsysteme sind ebenso verfügbar, wie in Kürze die Kombiversion Grandtour.

Fazit: Die Kompakt- und die Mittelklasse sind in Deutschland fest in deutscher Hand, das zeigt der Blick auf die zulassungsstärksten Modelle. Doch viele Kunden sind verstimmt wegen des Abgasbetrugs und nicht nur in Wolfsburg hat man derzeit offenbar andere Probleme als innovative und bezahlbare Techniken für Massenmodelle voranzutragen.

Ganz anders bei Renault. Zurzeit läuft es bei den Galliern richtig rund: Das Design der neuen, komplett durchentwickelten Modellreihen kann begeistern, und die Verkaufszahlen für die ersten vier Monate des Jahres zeigen ein Plus von sieben Prozent. Und nun wagen die Franzosen wagen den Schritt mit der Allradlenkung (beim Megane) sogar als erste in der Kompaktklasse. Ein Wettbewerbsvorteil durch eine seit sechs Jahren bekannte Fahrwerkstechnik. Das nenne ich einen gelungenen Weckruf für die sogenannten Premium-Hersteller. Bonne Chance, Talisman!

Quelle:  Handelsblatt Online
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