Ausverkauf in Brasilien: „Es gibt keinen besseren Ort auf der Welt, um zu investieren“

Ausverkauf in Brasilien: „Es gibt keinen besseren Ort auf der Welt, um zu investieren“

, aktualisiert 03. November 2016, 10:30 Uhr
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Brasilien hat mit Wirtschaftsproblemen zu kämpfen. Investoren lassen dich davon aber nicht abschrecken.

von Alexander BuschQuelle:Handelsblatt Online

Ausländische Konzerne kaufen brasilianische Unternehmen auf wie zu Boomzeiten. Experten meinen, dass sich die Wirtschaft erholen könnte. Dabei sieht nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Perspektive düster aus.

São PauloEine schwere Rezession, ein traumatischer Wechsel im Präsidentenamt und ein nicht enden wollender Korruptionsskandal - Brasilien steckt weiterhin tief in der Krise. Doch das scheint Investoren aus dem Ausland nicht abzuschrecken: Keine Woche vergeht, ohne dass ausländische Konzerne oder Fonds Investitionen in Milliardenhöhe verkünden.

Von Januar bis August investierten sie 41 Milliarden Dollar im größten Land Südamerikas. Das ist so viel wie in den Boomzeiten vor knapp einer Dekade. Nach Angaben der Welthandels- und Entwicklungskonferenz der Vereinten Nationen (Unctad) haben die ausländischen Direktinvestitionen in Brasilien im ersten Quartal um 80 Prozent gegenüber dem Vorjahr zugelegt.

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„Es mehren sich die Anzeichen, dass die Erholung in Brasilien bevorsteht“, sagt Andreas Renschler, Vorsitzender des Lateinamerika-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft und Mitglied des Vorstands der Volkswagen AG. Abilio Diniz, Teilhaber des brasilianischen Lebensmittelriesen BRF und einer der größten Einzelaktionäre der französischen Supermarktkette Carrefour, sagt: „Es gibt derzeit keinen besseren Ort auf der Welt, um zu investieren.“

Das klingt übertrieben optimistisch. Denn nicht nur die Gegenwart sieht düster aus, auch die Perspektiven sind keineswegs berauschend: Die Wirtschaftsleistung Brasiliens wird dieses Jahr um 3,5 Prozent schrumpfen und auch 2017 nur um 0,5 Prozent wachsen, erwartet die Uno-Wirtschaftskommission für Lateinamerika. Die politische Krise des Landes ist nach der Ablösung der linken Präsidentin Dilma Rousseff durch den Konservativen Michel Temer keineswegs beendet. Auch die Ermittlungen in der Korruptionsaffäre um den Ölkonzern Petrobras nehmen wieder Fahrt auf.

Doch die Investoren tun so, als ob Brasilien ein Boom bevorstehe. Einige Beispiele: In der Strombranche haben ausländische Konzerne in den vergangenen Monaten ihren Anteil ausgebaut. So etwa der chinesische State Grid, der für vier Milliarden Dollar CPFL, den größten integrierten Stromkonzern des Landes, gekauft hat. Es ist die wichtigste Auslandsinvestition des chinesischen Konzerns weltweit. Das Unternehmen wird weitere 7,6 Milliarden Dollar aufwenden für Investitionen und für den Aufkauf der Tochterkonzerne.


Ausverkauf auch im Öl- und Gassektor

China Three Gorges (CTG) hat in zwölf Monaten rund fünf Milliarden Dollar aufgewendet und ist heute der größte private Stromproduzent Brasiliens. Weitere Übernahmen ausländischer Konkurrenten im Stromsektor werden erwartet: Ein Sechstel der brasilianischen Stromerzeugung steht zum Verkauf. Von der Branche haben die Investoren in den vergangenen Jahren die Finger gelassen, nachdem die Regierung jahrelang ins Preissystem eingegriffen hatte.

Petrobras verliert Marktanteile Einen ähnlichen Ausverkauf erlebt der Öl- und Gassektor: Ausländische Ölkonzerne sind in kurzer Zeit zu wichtigen Akteuren geworden, wo vorher die staatliche Petrobras alles dominierte - etwa die norwegische Statoil.

Auch der australische Ölkonzern Karoon und die französische Total wollen ganz groß einsteigen. Der kanadische Fonds Brookfield Infrastructure Partners hat das Gaspipelinenetz von Petrobras übernommen, für 5,2 Milliarden Dollar. Für das ebenfalls zum Verkauf stehende Tankstellennetz von Petrobras interessieren sich 60 Unternehmen.

Auch vor schwierigen Branchen schrecken die Investoren nicht zurück: Bei allen brasilianischen Fluggesellschaften sind ausländische Konkurrenten eingestiegen, obwohl die Unternehmen seit längerem Verluste einfliegen. Die neuen Teilhaber hoffen auf Gesetzesreformen, die es ihnen erlauben würden, auch größere Anteile zu übernehmen.

Die durch die Korruptionsaffäre angeschlagenen Baukonzerne verhandeln mit ausländischen Konkurrenten über den Verkauf ganzer Unternehmenssektoren, um damit ihre Schulden abzubauen.


Brasilien ist preiswert geworden für den Einstieg

Strategisch sind Investitionen für alle Anbieter sinnvoll, die als Zulieferer bei den Wertschöpfungsketten einsteigen wollen, wo Brasilien weltweite Wettbewerbsvorteile bietet. Das gilt vor allem für die Landwirtschaft - vom Acker bis zur Nahrungsmittelverarbeitung - und den Bergbau.

So verhandelt der Bergbaukonzern Vale über den Verkauf von Anteilen an seiner Kohlemine in Mosambik sowie seiner gesamten Düngemittelsparte. Das chinesische Bergbauunternehmen China Molybdenum (CMOC) hat jetzt für 1,7 Milliarden Dollar den brasilianischen Molybdän-Hersteller Niob von der britisch-südafrikanischen Anglo American abgekauft. Der österreichische Industriezulieferer RHI übernimmt den brasilianischen Konkurrenten Magnesita.

Die ausländischen Konzerne kommen auch nach Brasilien, weil die Unternehmen des Landes infolge der Krise billiger geworden sind und sich deshalb als Übernahmeziel anbieten. Schreckten noch vor kurzem Fantasiepreise viele Investoren ab, so ist das Niveau inzwischen erheblich gesunken. „Brasilien ist preiswert geworden für den Einstieg“, beobachtet Unternehmer Diniz.

Auch die mittelfristig trüben Aussichten für den lokalen Konsum schrecken langfristig planende Investmentfonds nicht ab: So verhandeln derzeit mehrere Fonds, darunter Blackrock, mit Betreibern von Shopping-Malls und Modeketten über den Verkauf von Unternehmensanteilen. Ausländische Bieter interessieren sich für Unternehmensanteile oder Produktsegmente von Pharma- und Kosmetikmarken, von Laborketten bis Kliniken.

Doch trotz der hohen Summen, die sie auszugeben bereit sind, bleiben die Investoren vorsichtig - vor allem die deutschen Konzerne. Dennoch verpasse die deutsche Wirtschaft nicht den Einstieg, erklärt Volkswagen-Vorstand Renschler. Deutsche Unternehmen seien schon seit Jahrzehnten in vielen Schlüsselbranchen gut vertreten. „Wir fangen ja nicht bei null an.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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