Autoversicherung: Weniger Unfälle, sinkende Prämien

Autoversicherung: Weniger Unfälle, sinkende Prämien

, aktualisiert 23. Januar 2016, 17:07 Uhr
Bild vergrößern

Die Studie zeigt: Autos kommen bald ohne Lenkrad aus. Das ist eine Herausforderung für die Versicherer.

von Jens HagenQuelle:Handelsblatt Online

Selbstfahrende Autos könnten das Fahren revolutionieren. Allianz-Vorstand Alexander Vollert erklärt, warum es auch in Zukunft Autoversicherer geben wird und die meisten Unfälle wegen Fehlern der Fahrer passieren.

VW macht es. BMW und Daimler machen es auch. Und Google erst Recht. Sie entwickeln selbstfahrende Autos, die in einigen Jahren theoretisch ohne Lenkrad auskommen könnten. Die Innovationslust der Hersteller setzt auch die Versicherer unter Druck. Wie lassen sich Risiken von Fahrassistenten bewerten? Wer haftet, wenn das selbstfahrende Auto ohne Einfluss des Fahrers einen Unfall baut? Und müssten die Prämien in Zukunft nicht deutlich sinken? Allianz-Vorstand Alexander Vollert gibt Auskunft.

Herr Vollert, immer mehr Autobauer präsentieren selbstfahrende Autos. Gibt es in Zukunft keine Unfälle mehr?
Derzeit werden etwa 90 Prozent aller Verkehrsunfälle durch menschliches Fehlverhalten verursacht, nur 10 Prozent durch technische Fehler. Je weiter Techniken wie autonome Notbremssysteme in neuen Autos verbreitet sind, desto stärker wird die Anzahl der Unfälle zurückgehen.

Anzeige

Wird eines Tages der Punkt erreicht sein, an dem es weltweit keinen einzigen Unfall auf den Straßen mehr geben wird?
Sicherlich nicht. Es wird noch sehr lange dauern, bis ausschließlich autonom fahrende Fahrzeuge unterwegs sind. Aber selbst, wenn es einmal soweit sein sollte, müsste die Technik in jeder Situation fehlerfrei arbeiten. Unsere bisherige Erfahrung, beispielsweise mit Einparkhilfen, hat gezeigt, dass wir davon noch weit entfernt sind und einen solchen Zustand wahrscheinlich nie erreichen werden. Das bedeutet: Selbst, wenn die Unfallwahrscheinlichkeit durch immer bessere Technik deutlich niedriger werden sollte, wird weiterhin die Notwendigkeit für einen Haftpflicht-Versicherungsschutz bestehen.

Was bedeutet die Entwicklung hin zum autonomen Fahren für einen Versicherer wie die Allianz?
Fakt ist, dass sich die Risikoeinschätzung für uns als Versicherer ändern wird. Wenn in 10 bis 15 Jahren das Auto einen relativ hohen Anteil der Fahrleistung im automatisierten Modus vollbringt, wird sich der Einfluss fahrerbezogener Merkmale auf unsere Versicherungsmodelle abschwächen. Das Risiko verschwindet aber nicht, es verlagert sich: und zwar weg vom menschlichen Fehler seitens des Verkehrsteilnehmers, hin zum menschlichen Fehler des Entwicklers.

Kann in Zukunft die Qualität der technischen Systeme in den Fahrzeugen die Höhe der Beiträge beeinflussen?
Das könnte sein. Bei der Risikoeinschätzung eines hochautomatisierten Fahrzeugs werden wir in Zukunft vor allem die Qualität der verbauten Sicherheitssysteme im Zusammenspiel zwischen aktiver und passiver Sicherheit bewerten müssen.

Bei selbstfahrenden Autos mit perfekten Systemen dürften die Beiträge zumindest theoretisch nahe Null liegen…
… ganz so wird es wohl nicht sein. Aber wenn in Zukunft der Schadenaufwand durch automatisiertes Fahren zurückgehen sollte, wird sich das auch auf die Höhe der Versicherungsprämie auswirken. Zwar können sich die Reparaturkosten nach einem Unfall durch die Beschädigungen der verbauten Sicherheitstechnik erhöhen, beispielsweise wenn Sensoren in der Fahrzeugfront ausgetauscht werden müssen oder bei einem beschädigten Radarsystem eine Sensor-Justierung auf dem Achsmessstand nötig wird. Wenn die neuen autonomen Notbremssysteme ihren Zweck erfüllen und den Wagen ganz oder teilweise abbremsen, wird der Schaden und die Schadenhäufigkeit insgesamt deutlich geringer ausfallen.


„Die Daten im Auto gehören dem Kunden“

Was beeinflusst die Prämien noch?
Man sollte nicht vergessen, dass es neben Unfällen auch andere Gefahren gibt, die es abzusichern gilt: Bis 2030 wird in der Branche mit einer Zunahme an Schadenereignissen durch Naturgefahren gerechnet – weltweit wird es deutlich mehr Schäden durch Starkregen, Sturm oder Hagel geben. Wenn ein Hagelgewitter aufzieht, werden sich autonome Kraftfahrzeuge nicht alle gleichzeitig unter einer Brücke zurückziehen können – und sollten sie dennoch versuchen, automatisch den Hagelkörnern auszuweichen, könnte dies eine teure Massenkarambolage zur Folge haben – eine utopische Vorstellung. Außerdem sollte man sein Auto auch gegen Diebstahl und mutwilliger Beschädigung schützen. Kriminelle und aggressive Menschen wird es wohl auch in der Zukunft geben.

Wer haftet eigentlich bei einem Unfall mit einem selbstfahrenden Auto? Der Programmierer? Der Autohersteller? Oder der Autobesitzer, der nicht selber fährt?
Der Fahrzeughalter haftet immer aus der Gefährdungshaftung und zwar unabhängig davon, ob die Ursache für den Unfall in einem Fehler des Fahrers oder an einem technischen Fehler des Fahrzeugs liegt.

Sollten sich die Haftungsregeln ändern, auch um möglichen Opfern Rechtssicherheit zu gewähren?
Dafür sehe ich keine Erfordernis. Das deutsche Modell aus Gefährdungshaftung des Halters und Kfz-Haftpflichtversicherung beinhaltet auch den Schutz des Verkehrsopfers bei Schäden durch teil- und vollautonom fahrende Fahrzeuge – dies beinhaltet sowohl Rückgriffe auf Hersteller als auch Unfälle, die durch Hackerangriffe verursacht worden sind. Das Wichtigste ist, dass das Unfallopfer auch dann geschützt ist, wenn die Verschuldenshaftung bei einem automatisierten Fahren nicht mehr zum Tragen kommen sollte. Die Halterhaftung gemäß Paragraph 7 StVG schützt das Opfer, unabhängig davon, wer am Steuer gesessen hat oder ob das Fahrzeug autonom gefahren ist.

Gibt es eine Handhabe für die Versicherer?
Die Frage nach einem möglichen Rückgriffsrecht des Versicherers beim Automobilhersteller bei technischen Fehlern ist dann eine eigene Thematik, die wir als Versicherer lösen werden, die das Verkehrsopfer aber nicht trifft.

Die neue Technik macht auch die Übermittlung von Daten der Fahrer möglich. Wie wichtig ist einem Versicherer der Datenschutz?
Datenschutz und Datensicherheit sind und bleiben für uns essenziell. Grundsätzlich gilt: Die Daten im Auto gehören dem Kunden. Er entscheidet, wem er welche Daten zur Verfügung stellt. Erst wenn der Kunde einer Datenübermittlung auch vertraglich oder durch eine ausdrückliche Vereinbarung zustimmt, können durch den Versicherer oder andere Dienstleister Daten erhoben werden.

Wie lässt es sich sicherstellen, dass die Daten nicht von unberechtigten Dritten genutzt werden?
Es muss gewährleistet sein, dass der Zugriff auf alle Daten so sicher wie möglich ist. Wir plädieren daher für einen virtuellen Datenmarktplatz, der allen Beteiligten dieselben Rahmenbedingungen für einen fairen Datenzugriff bietet. Kommt es zu einem Unfall, muss für den involvierten Versicherer ein freier Zugang zu den im Fahrzeug erfassten Unfalldaten ermöglicht werden. Dies wird allein schon deshalb notwendig sein, um die mögliche Schadenursache, nämlich ob ein Fahrerfehler oder ein Systemfehler vorlag, aufzuklären.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%