Bahnchef Grube zur Digitalisierung: „Unsere App ist die erfolgreichste in ganz Europa“

Bahnchef Grube zur Digitalisierung: „Unsere App ist die erfolgreichste in ganz Europa“

, aktualisiert 17. März 2016, 16:38 Uhr
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„Diese Entwicklung ist nicht aufzuhalten.“

von Ina KarabaszQuelle:Handelsblatt Online

Die Deutsche Bahn ist auf der Cebit präsent. Für Rüdiger Grube liegt der Fokus auf der Digitalisierung. Im Interview erklärt der Bahnchef, warum Lokführer nicht um ihren Job fürchten müssen – und was die Kunden erwarten.

HannoverBahnchef Rüdiger Grube ist zu Besuch auf der Cebit. Nachdem er mit Telekom-Chef Timotheus Höttges auf der Bühne über neue Kundenerlebnisse gesprochen und sich am Stand der Deutschen Bahn Start-ups angeschaut hat, nimmt er sich Zeit für ein Gespräch mit dem Handelsblatt über Digitalisierung.

Herr Grube, wann fahren Ihre Züge autonom?
Autos fahren autonom, Züge automatisiert, weil die Schiene den Weg ja vorgibt. Wir arbeiten gerade in mehreren Pilotprojekten daran. Ich kann Ihnen noch keine genaue Jahreszahl geben, aber technisch ist vieles heute schon möglich. Im Erzgebirge erproben wir gerade Kamera- und Sensortechniken. Da sind die Strecken nicht so stark befahren. Wir sind da sehr aktiv, diese Entwicklung ist nicht aufzuhalten.

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Was halten Ihre Lokführer davon?
Es gab nach der ersten Ankündigung dazu intern große Kritik. Verständlicherweise machen sich die Lokführer Sorgen um ihren Arbeitsplatz. Ich habe dann alle eingeladen, die mir geschrieben haben, und habe ihnen erklärt, was wir vorhaben. Es gab danach nicht einen einzigen, der das nicht nachvollziehen konnte. Der Lokführer der Zukunft wird auch Qualifikationen eines Fahrdienstleiter mitbringen müssen. Er hat eine extrem komplexe und verantwortungsvolle Aufgabe. Wir brauchen eher nicht weniger Lokführer, wir brauchen mehr.

Brauchen Sie aber dann nicht weniger Fahrdienstleiter?
Nein, aber die Berufsbilder werden sich in den nächsten Dekaden verändern. Deswegen arbeiten wir auch an der Arbeitswelt 4.0. Dort setzten wir uns mit neuen Qualifikationen und Berufen auseinander. Wir wissen heute noch gar nicht, welche Berufe es in Zukunft vielleicht geben wird.

Welchen Stellenwert hat Digitalisierung für die Deutsche Bahn?
Auf dem Thema liegt unser Hauptaugenmerk. Vor zwei Jahren habe ich auf dem Titel unserer Mitarbeiterzeitung geschrieben, die Deutsche Bahn steht vor dem größten Umbruch seit der Bahnreform. Damit meine ich im Wesentlichen die Digitalisierung. Vor einem Monat habe ich an gleicher Stelle geschrieben: Umbruch gleich Aufbruch. Wir sehen die Digitalisierung als eine Chance und nicht als Gefahr, solange wir es selber machen.

Was bedeutet das?
Ich möchte verhindern, dass wir Getriebene werden in unserem Geschäft. Wir müssen die Digitalisierung so betreiben, dass wir selbst Treiber sind.


„Wir sind ein Benchmark-Unternehmen“

Um selber Treiber zu sein, müssen Sie investieren. Sie haben am Mittwoch einen Jahresverlust für 2015 von 1,3 Milliarden Euro ausgewiesen. Können Sie die Digitalisierung stemmen?
Operativ haben wir ein Plus von 1,8 Milliarden Euro erwirtschaftet. Wir haben 2015 außergewöhnliche Belastungen gehabt, etwa den Streik, mit einem Schaden von 314 Millionen Euro, oder Unwetter, die uns 54 Millionen Euro gekostet haben. Dazu kommen strukturelle und regulatorische Veränderungen. Das hat unser Ergebnis geschwächt. Deswegen haben wir 2015 genutzt, um weitere Abschreibungen, unter anderem im Güterverkehr, vorzunehmen.

Das heißt, Sie haben genug Geld für die Digitalisierung?
Ja, selbstverständlich. Wir investieren jeden Tag große Summen in die Digitalisierung. Wir haben heute vier Labs und über 260 Digitalisierungsprojekte. Und es werden jeden Tag mehr. In den Labs beschäftigen wir uns unter anderem mit Mobilität, Infrastruktur, Logistik , Arbeitswelt und Produktion. Ich bin begeistert, dass das Thema in einem Unternehmen mit einer so langen Tradition so aktiv aufgegriffen worden ist.

Kommt das auch bei den Kunden an?
Eindeutig. Mehr als 50 Prozent der Tickets im Fernverkehr werden online gebucht. Im Regionalverkehr sind es rund 30 Prozent. Unsere App DB Navigator ist mit 13 Millionen Klicks im Monat die erfolgreichste App in ganz Europa. Durch die Digitalisierung wird Mobilität einfacher, effizienter, sicherer und deutlich umweltfreundlicher.

Wie schont es die Umwelt?
Wir haben ein volldigitalisiertes Fahrerassistenzsystem. Der Lokführer bekommt Hinweise, wie er fahren soll, damit er bis zu 30 Prozent Energie sparen kann. Wir sind in Deutschland mit mehr als zwei Milliarden Euro Kosten der größte Energieabnehmer. Wenn wir das flächendeckend um 30 Prozent reduzieren können, bietet das enormes Einsparungspotenzial.

Ist die deutsche Bevölkerung bereit für die Digitalisierung?
Von 82 Millionen Bürgern haben 51 Millionen bereits ein Smartphone. 54 Prozent nutzen bereits Online-Shopping, 73 Prozent Online-Banking. Das ist ein deutliches Zeichen. Wir sehen es auch an der Nutzung unserer App. Die Kunden fordern es fast ein. Sie werden heute nicht mehr als zeitgemäßes Unternehmen wahrgenommen, wenn sie in der Digitalisierung nicht zu Hause sind.

Und die Deutsche Bahn wird als zeitgemäß wahrgenommen?
Wir sind ein Benchmark-Unternehmen, was die Digitalisierung betrifft. Wir werden auch immer wieder zitiert. Vielleicht auch weil es keiner für möglich gehalten hat, wie schnell sich die Bahn dem Thema geöffnet hat. Die Aufmerksamkeit im Konzern ist gewaltig, sonst hätten wir auch niemals diese Vielzahl an Projekten in so kurzer Zeit auf die Schiene bringen können.
Herr Grube, vielen Dank für das Gespräch.

Quelle:  Handelsblatt Online
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